Sprache in den Neuen Medien (6)

Christa Dürscheid (2005) unterscheidet die Begriffe Medium, Kommunikationsform und kommunikative Gattung.

Chat als Kommunikationsform

Über den Medienbegriff haben wir uns in den vorhergehenden Teilen der Artikelserie genug ausgelassen. Auch Frau Dürscheid gibt zunächst einige Medienkonzepte an, von denen sie sich in der Folge für das technologische Medienkonzept entscheidet. Es macht Gebrauch von dem Medium als technischem Apparat, wie wir es bei Sybille Krämer kennen gelernt haben und zudem von der Charakterisierung des 3 + 1 Zustands, einem Kommunikationsmedium, das Wahrnehmung, Speicherung und Bearbeitung, sowie die Übertragung in sich vereint.

Was ist eine Kommunikationsform?

Wenn wir uns das Mobiltelefon vorstellen, dann ist es das Kommunikationsmedium. Telefonieren, Simsen, usf. hingegen sind Kommunikationsformen, die man auf dem technischen Kommunikationsmedium einsetzt. Der Chat ist demnach eine Kommunikationsform des (umfassenden) Computermediums inklusive Internet-Anschluss. Mailen oder Bloggen sind im Übrigen ebenfalls Kommunikationsformen.

Wie unterscheidet man Kommunikationsformen?

Die folgenden Eigenschaften sind konstitutiv oder zumindest relevant für Kommunikationsformen, sie können anhand dieser auch unterschieden werden (hier für das Beispiel Chat):

  • Zeichentyp: geschriebene Sprache
  • Kommunikationsrichtung: dialogisch
  • Anzahl der Kommunikationspartner: variabel
  • räumliche Dimension: Distanz
  • zeitliche Dimension: quasi-synchron
  • Kommunikationsmedium: Computer

Bei der Anzahl der Kommunizierenden kommt es vor allem auch auf die Frage an, ob eins zu eins kommuniziert wird, oder ob einer mit vielen kommuniziert (das prototypische Verhältnis für Massenmedien). Als quasi-synchron wird der Chat bezeichnet, da die Chatter “ihre Beiträge über die Eingabetaste ab[schicken], die Mitchatter sehen diese unmittelbar danach auf ihrem Bildschirm und können sofort darauf antworten.”

Warum man die beinahe in Echtzeit stattfindende Kommunikation dann einschränkt, und sie nur quasi-synchron sein lässt, liegt daran, dass die Chatpartner nicht mitbekommen, wie die Gegenüber die Nachricht eintippen. Es bleibt keine Option zum Intervenieren, Unterbrechen oder sich gleichzeitig Äußern.
Das ist allerdings nicht korrekt, wenn man bedenkt, dass es schon zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Dürscheids Aufsatz Instant-Messenger gab, in denen genau eine solche Information im Chat-Fenster stand, wenn der Gegenüber etwas schrieb.

Kommunikative Gattung: Experten- und Beratungschat

Das Konzept der kommunikativen Gattung stammt ursprünglich aus der Wissenssoziologie, hat aber in die Linguistik Einzug gehalten (vgl. Dürscheid). Es beschreibt eine institutionalisierte Lösung kommunikativer Probleme. Man kann das Konzept der kommunikativen Gattung abgrenzen von z. B. der Textsorte. In der Analyse von Gattungen kann man 3 Ebenen unterscheiden, die Außenstruktur, die Binnenstruktur und die intersubjektiv-situative Zwischenstruktur. Die Außenstruktur umfasst den Kontext, die Binnenstruktur “die verbalen und non-verbalen Bestandteile des kommunikativen Geschehens.” Die Zwischenstruktur kann als Interaktionsebene verstanden werden, man analysiert mit ihr Dinge wie Redezuteilung, Sprecherwechsel etc.

Wenn wir, wie Christa Dürscheid, den Chat als Kommunikationsform annehmen, dann sind beispielsweise der Expertenchat oder der Beratungschat als kommunikative Gattungen zu kennzeichnen. In ihnen kann man verfestigte Handlungsmuster ausmachen. Nicht jeder Chat indes kann als kommunikative Gattung interpretiert werden. Denn es kommt vor allem darauf an, dass wir es a) mit einem dialogisch ausgerichteten kommunikativen Geschehen zu tun haben, und b) ein verfestigtes Handlungsmuster dem Chat zugrunde liegt.

Sprache in den Neuen Medien (5)

Nachdem wir bereits erfahren haben, dass der Computer unser Verhältnis zur Realität beeinflusst, wollen wir erörtern, wie der umfassende Computer nach Martin Seel dies tut.

Unerhörtes

Seel nennt ihn den integrierten Computer und den umfassenden Computer. Schon an diesen Bezeichnungen kann man ablesen, dass ein verändertes Verhältnis der medialen Situation zur Realität vorliegt. Wir werden mit einem Internet-Rechner in die Lage versetzt, Ort und Zeit zu manipulieren, können überall und nirgends sein. Zwar hatten wir, so Seel, die Aufhebung von Ort- und Zeitgrenzen schon mit anderen Medien erreicht, jedoch nie in einer solchen Qualität. Das Wesen des Mediums weist eine Unschärfe aus. Der Nutzer, und sei er noch so versiert, ist nicht mehr in der Lage eine Situation vollständig zu erschließen. Wo genau kommen die Daten her, auf die man gerade zugreift. Sind sie fingiert? Finden sie an echten Schauplätzen statt?

Reichweite spielt in zwei Aspekten eine Rolle. Wir überbrücken Zeit und Raum, aber gleichzeitig erreichen wir auch unheimlich viel mehr Rezipienten als über die bisherigen Telemedien. Doch die medialen Erfahrungen haben eine andere Qualität. Denn die “Situation der Erfahrung” ist laut Seel nicht länger deckungsgleich mit der “erfahrenen Situation” (vgl. S. 259).

Neue Medien und Realität

Außerdem verliert, so Seel, die reale Situation immer “mehr an Gewicht gegenüber der virtuellen medialen Situation.” Weil dies so ist, bekommt die Realität, bzw. das, was wir als Realität annehmen, eine andere Funktion als noch davor. Uns ist Realität nicht länger als Gegenspieler, “sondern allein noch als Produkt medialer Weltgewinnung denkbar.” Das sind Annahmen, denen man zwar zustimmen kann, aber nicht muss.

Seel dachte nicht, dass der umfassende Computer so weit ins Zentrum der medialen Interaktion rücken könnte, dass “die Differenz zwischen Wahrnehmungssituation und wahrgenommener Situation” (S. 262) eines Tages verwischt. Ich bin an dieser Stelle anderer Meinung.

Gerade aber der Charakter der Simulation – der Computer ist ein Bild-Medium -, lässt für Seel dauerhaft eine Unüberbrückbarkeit “zwischen leiblich erschlossener und digital eröffneter Wirklichkeit” (S. 263) untilgbar sein.

Der nächste Teil der Reihe wird das Handwerkszeug an Begriffen vorstellen, mit dem die allermeisten der Einzelmedien-Untersuchungen hantieren. Das ist vor allem die Trias “Medium” im Unterschied zur “Kommunikationsform” im Unterschied zur “kommunikativen Gattung”. Die Differenzierung stammt aus einem Text Christa Dürscheids aus 2005, den man online einsehen kann.

Sprache in den Neuen Medien (4)

Nach der bisherigen Differenzierung des Medienbegriffs wollen wir uns nun der Frage zuwenden, was den Computer als Medium (oder technischen Apparat) nach Sybille Krämer ausmacht.

Neue Qualität der Kommunikation

Wir kennen zwei typische Formen der Kommunikation: Die eine ist oraler Natur, prototypisch das Gespräch von Angesicht zu Angesicht, auch Face-2-Face-Kommunikation genannt. Die andere Situation ist jene, die durch einen Text vermittelt entsteht, eine Lektüre. Im direkten Gespräch ist eine sehr persönliche Umgebung vorhanden.

Während nach Krämer bei der Face-2-Face-Kommunikation Kommunizieren und Interagieren zusammenfallen (vgl. S. 86), unterscheidet sich die über den Computer als Medium vermittelte Kommunikation davon. Sie weicht signifikant “von den uns vertrauten Situationen und Mustern mündlicher oder schriftlicher Kommunikation” ab.

Realität ist medial vermittelt

Ein Text von Martin Seel, der in demselben Sammelband erschien, wie der zuvor verwendete Text von Sybille Krämer, diskutiert “welche Rolle die neuen, elektronischen Medien in der menschlichen Welterschließung spielen.” (S. 245)

Doch Seel versucht zunächst medienphilosophisch zu erläutern, dass der Zugang zur Realität medial vermittelt ist. Für uns gibt es keine erfahrbare Realität ohne Medien. Außerdem versucht Seel über die Tragweite dieser Vorstellung Auskunft zu geben: Was bedeutet das eigentlich, dass aller Zugang zur Welt medial vermittelt ist? Man kann sich die Frage stellen, ob man dieser Position zustimmt. Sie ist quasi seit Kant etabliert und aus der akademischen Vorstellungswelt nicht mehr wegzudenken. Alle Erfahrung, die wir machen, wir machen sie durch Medien. Dabei sind natürlich nicht primär die technischen Medien von heute gemeint, obwohl wir mittlerweile erleben, dass diese einen besonders hohen Stellenwert einnehmen, und fast nichts mehr ohne Technik zu funktionieren scheint. Das heißt freilich nur, dass das Erfahrbare medial vermittelt ist, und eben nicht, dass es keine Welt ohne Medien gäbe (vgl. ebd. S. 250).

Der umfassende Computer

Martin Seel möchte den umfassenden Computer, wie er ihn nennt, als Prototyp der Neuen Medien vorstellen. Umfassend ist er deswegen, weil wir mit ihm so viel anstellen können, er übernimmt Funktionen von Radio, TV, CD-Player, etc. pp. Seels Text stammt, wie auch der von Sybille Krämer aus einem Sammelband aus 1998.
Wir sind heute 10 Jahre weiter und die Rede ist von Eee-PCs und Netbooks, von OMCs und anderen. Viel mehr Menschen finden den Zugang zu umfassende(re)n Computern. Die Annahmen von damals werden heute umso deutlicher erfahrbar.

Der Computer wird von Seel wie folgt unterschieden. Er ist ein nicht-natürliches Medium, anders als z. B. das Licht. Er ist außerdem, anhand einer relativen, besser kontingenten Kategorie, ein unverzichtbares Medium.

Wir hatten im ersten Beitrag der Reihe bereits die Einteilung 3 + 1 kennen gelernt. Seel verwendet eine ähnliche Unterteilung, in Wahrnehmungs-, Handlungs- oder Darstellungsmedien. Der Computer ist indes nicht nur nach Seel ein Medium, dass die drei Funktionen miteinander vereint und damit zum Kommunikationsmedium wird. Der umfassende Computer ist zudem nach Seel ein inklusives Medium, und kein exklusives, insofern als er Leistungen anderer Medien zu bündeln versteht. Wir merken immer auch, wie willkürlich manche Differenzsetzung erscheint.

Sprache in den Neuen Medien (3)

Die Differenzierung des Medienbegriffs soll uns weiterhin beschäftigen. Dazu widmen wir uns den Überlegungen Sybille Krämers, die versucht das Medium einerseits von konventionellen (Sprach-)Zeichen abzugrenzen und es andererseits von technischen Werkzeugen zu unterscheiden.

Das Medium als Spur

Das Medium als Spur ist eine Metapher von Frau Krämer, die anzeigen soll, auf welche Weise ein Medium sinnstiftend wirkt. Es geschieht eher unwillkürlich, um nicht zu sagen unterbewusst. Ganz anders dazu das Zeichen. (Sprachliche) Zeichen sind geprägt durch Konvention, ihre Bedeutung ist arbiträr, wie man sagt, d. h. willkürlich. Es ist nicht so, dass die Bedeutung vom Himmel fällt, sondern wir verständigen uns darauf. Und auch eher weniger in der Form, dass wir zum Tag X eine Bedeutung vorgeben, vielmehr ist das, was Wittgenstein als Sprachspiel formuliert hat, ein gutes Bild, sich vorzustellen, wie Bedeutung von Sprachzeichen entstehen kann, nämlich im und durch den Gebrauch. Trotzdem spielt hierbei Absicht (Intention) eine große Rolle.

Krämer hälft fest, dass Zeichen “Kraft ihrer medialen Materialität” mehr sagen, “als ihre Benutzer damit jeweils meinen.” Sie nennt dies in Anlehnung an Zumthor einen Überschuss an Sinn, oder auch einen Mehrwert an Bedeutung. Medien haben also einen Einfluss auf den Inhalt, den sie transportieren, in der Form, dass sie an ihm eine Spur hinterlassen, die nicht beabsichtigt ist. Wie kann man sich so etwas vorstellen? Prototypisch ist das Beispiel der gesprochenen Sprache zu nennen. Hierbei soll die Stimme das Medium der Rede sein. Unsere Stimmbänder verraten während sie sich bewegen manchmal etwas, was uns selbst nicht lieb ist. Nervosität, in dem Sinne, dass wir vielleicht gelogen haben, und uns ertappt fühlen, sie kommt u. U. mit der Stimme zum Ausdruck.

Ebenfalls macht das Medium der Schrift ungewollt Vorgaben, erzeugt Bedeutung. Die Einheit des lautsprachlichen Phonems ist ein Analogon zum Graphem (das sind alles sprachwissenschaftliche Terme, auf die es im einzelnen hier nicht direkt ankommt). Es gibt aber wissenschaftlich keinerlei Belege für lautsprachliche, scharf voneinander zu trennende Einheiten. Nicht beabsichtigt zwar – aber auf diese Weise hat die Beschäftigung der Sprachwissenschaft mit der Schrift das Verständnis von (oraler) Sprache beeinflusst. So jedenfalls ein weiteres Beispiel von Sybille Krämer.

Der Apparat – das technische Medium

Ich hatte geschrieben, dass ein Medium, wenn es funktioniert, keine Spuren hinterlässt – wir sie zumindest nicht so leicht erkennen. Das Medium wirkt nach Krämer wie eine unbeabsichtigte Spur. Sie stellt die Anschlussfrage: “Wenn das Medium wirkt wie eine unbeabsichtigte Spur, warum wird dann das, was bisher latent war und also verborgen blieb, gegenwärtig so manifest?” An diesem Punkt, so Krämer, müsse man das Medium in den Kontext technischer Apparate rücken.

Warum müssen wir Medien mit technischen Instrumenten vergleichen? Damit wir noch einen Aspekt ansprechen, der mit der Funktionsweise von Medien zu tun hat. Instrumente, so Krämer, sind Werkezuge, die mit dem, was man mit ihnen bearbeitet, nicht in Verbindung stehen, außer solange man damit etwas bearbeitet. Medien hingegen sind zwar auch Vermittler, aber ohne Sie können wir Botschaften nicht entschlüsseln, da diese jederzeit untrennbar mit dem Medium vereint sind. Botschaften sind in Medien, wohingegen Werkzeuge den Dingen, die man mit ihnen bearbeitet äußerlich sind (vgl. S. 83f.). Damit man den Unterschied zu den Instrumenten (Werkzeugen) auch sprachlich fassbar machen kann, möchte Frau Krämer technische Medien als Apparate bezeichnet wissen.

Lassen wir wieder Frau Krämer zu Wort kommen, die den Unterschied zwischen Technik als Instrument oder Apparat wie folgt zusammenfasst: “Die Technik als Werkzeug erspart Arbeit; die Technik als Apparat aber bringt künstliche Welten hervor, sie eröffnet Erfahrungen und ermöglicht Verfahren, die es ohne Apparaturen nicht etwa abgeschwächt, sondern überhaupt nicht gibt. Nicht Leistungssteigerung, sondern Welterzeugung ist der produktive Sinn von Medientechnologien.” (S. 85)

Was ist ein (technisches) Medium?

Wir können uns an dieser Stelle erneut die Frage stellen, um das bisher geschriebene zusammenzufassen, was ein Medium sei. Ein Medium ist, so Krämer, offenbar nicht in einer Perspektive zu sehen, wie McLuhan sie eingenommen hat(, im Fachjargon wird diese mit dem Attribut anthropomorph bezeichnet). Also nicht als Erweiterung des Körpers und der Sinne. Denn auf diese Weise würde man Medien auf einen Werkzeugcharakter reduzieren. Gleichzeitig übt ein Medium trotzdem einen Einfluss auf die Botschaft aus, in der Art, dass es eine Spur an ihr hinterlässt. Somit greift der Medienbegriff der Systemtheorie nach Luhmann ebenfalls nicht.

Technischen Artefakten ist keineswegs eingeschrieben, dass sie entweder Medium oder Werkzeug sind. Vielmehr sind sie je nach Perspektive mal das eine, mal das andere. Mit dem Computer lassen sich Leistungssteigerungen erzielen, aber er kann genauso gut Welten erzeugen, Botschaften vermitteln, und somit zum Medium werden. Die Perspektive auf den Computer als Medium will ich in der nächsten Ausgabe der Reihe “Sprache in den Neuen Medien” vorstellen. Wir wollen dann mit Hilfe von Ausführungen von Martin Seel die Begriffe Realität und Wirklichkeit weiter spezifizieren, die bereits in dieser Reihe erwähnt wurden.

Sprache in den Neuen Medien (2)

Wir wollen mit der Differenzierung, was ein Medium ist, noch ein bisschen fortfahren.

Lange Zeit galt die Annahme, dass Medien lediglich reine Transportmittel für Informationen seien. Erst mit einer Umwälzung im wissenschaftlichen Feld, die man gemeinhin als linguistische (oder mediale) Wende bezeichnet (engl. linguistic turn), wurde diese Perspektive korrigiert. Heutige Medienwissenschaftler weichen von einem konservativ-technokratischen Medienbild ab und gehen nun dazu über, dem Medium selbst eine Beteiligung an der Bedeutung zuzuschreiben.

Die Krux, wenn Medien funktionieren

Wenn Medien funktionieren, wenn sie wirklich gut funktionieren, dann treten sie hinter die Inhalte zurück, die sie übermitteln helfen. Man spricht davon, dass Medien “der blinde Fleck im Mediengebrauch” seien (vgl. Sybille Krämer 1998). Um dem Bedeutungsanteil auf die Schliche zu kommen, den Medien von sich aus beisteuern, muss man ganz genau hinsehen, oder aber Störungen erzeugen. Denn:

“Wir hören nicht Luftschwingungen, sondern den Klang der Glocke; wir lesen nicht Buchstaben, sondern eine Geschichte; wir tauschen im Gespräch nicht Laute aus, sondern Meinungen und Überzeugungen, und der Kinofilm läßt gewöhnlich die Projektionsfläche vergessen. Medien wirken wie Fensterscheiben: Sie werden ihrer Aufgabe um so besser gerecht, je durchsichtiger sie bleiben, je unauffäliger sie unterhalb der Schwelle unserer Aufmerksamkeit verharren. Nur im Rauschen, das aber ist in der Störung oder gar im Zusammenbrechen ihres reibungslosen Dienstes, bringt das Medium selbst sich in Erinnerung.”
Ebd.

Latent spürbare Veränderungen

Das allerdings ist eine Annahme, die bereits Marshall McLuhan formulierte. Inhalte würden gegenüber der Wesensart von Medien blind machen. Ziel meines Hauptseminars an der Hochschule, folglich auch dieser Beitragsreihe im Blog, war es und wird es sein, folgendes zu zeigen und zu diskutieren: Zum einen, wie es möglich ist, dass Medien latent sinnstiftend agieren. Dabei gilt zu beobachten, wenn sie dies tun, wie sie es bewerkstelligen. Und im Besonderen ging es darum, zu zeigen, ob gerade Neue Medien (Chat, SMS, E-Mail, Foren, Weblogs, Newsgroups, etc.) einen Einfluss auf die Sprache haben. Wir werden noch im Einzelnen Gelegenheit bekommen, zu sehen, wie dies bei den einzelnen Neuen Medien ausschaut. Doch zunächst geht es darum, zu verstehen, warum Medien latent wirken, und es nicht immer leicht ist, an ihnen so etwas wie eine Spur zu erkennen.

Argumente für beide Seiten

Zwei große Medientheorien stehen stellvertretend für die Haltung pro und contra Indifferenz der Medien. Sprich: Haben Medien selbst einen Einfluss auf die Bedeutung, oder haben sie keinen. Einen Fürsprecher für die Position, dass Medien sinnstiftend sind, vor allem in der Art, dass sie ihre Umwelt verändern, finden wir in Herbert Marshall McLuhan (siehe folgende Ausarbeitung von mir). Mit seinem Diktum, das Medium sei die Botschaft, hat McLuhan diesen Gedanken explizit formuliert.

Argumente für die andere Position liefert uns die Systemtheorie, allen voran in Person von Niklas Luhmann. Luhmann unterscheidet seit den 80er Jahren die Begriffe Medium und Form. Diese sind entweder lose oder rigide aneinander gekoppelt, eröffnen jedoch die Perspektive der Bedeutungs-Indifferenz von Medien. Einfach gesprochen, Medien haben nach Luhmann keinen Anteil an der Bedeutung des Inhalts den sie transportieren.

Die Wichtigkeit der Perspektive

“Wo Theorien zu solchen sich ausschließenden Ergebnissen gelangen”, schreibt Sybille Krämer, “liegt die Vermutung nahe, daß hier ein Phänomen nicht einfach widersprüchlich, sondern in völlig verschiedenen Hinsichten beschrieben wird.” (Ebd.)

So eindeutig ist diese Vermutung allerdings nicht, die Frau Krämer äußert, denn immerhin gibt es genügend Anhänger der einen oder anderen Richtung, und das gilt für ganz ganz viele andere Sachverhalte genauso, in denen Experten sich uneins sind. Es ist nicht der Normalfall, dass man versucht, dem Grund für die Unterschiedlichkeit der Aussagen nachzugehen. Dies noch erläutert, führt uns der Gedanke wieder zurück zum Anfang. Im ersten Teil der Reihe habe ich geschrieben, wie wichtig ein Wort, ein Begriff, eine Definition für das (wissenschaftliche) Arbeiten sein kann. Wir wissen nun, dass McLuhans und Luhmanns Ansätze sich zwar gegenläufig anhören, ahnen aber, dass nach Sybille Krämer, sie nur zwei Seiten einer Medaille sind.

Sprache in den Neuen Medien (1)

Warum ist es wichtig, sich über Begriffe und Definitionen zu unterhalten? Auf den ersten Blick ist das wahrscheinlich nicht unbedingt ersichtlich. Ein Wort ist ein Wort. Doch bestenfalls steht und fällt mit dem Wort und seiner Bedeutung die ganze Arbeit drumherum, vor allem im akademischen Feld. Mit Begriffsbestimmungen setzt man Grenzen, sich selbst und anderen. Wir wollen uns über Sprache in den Neuen Medien auslassen, doch zunächst die Begriffsbestimmung des Wortes Medium vornehmen.

Was ist ein Medium?

Der Medienbegriff ist vielschichtig und mehrdimensional. Wann immer man Lehrbücher der Medientheorie aufschlägt, wird einem gezeigt, was dies unscheinbare Wort Medium, das wir alle so häufig verwenden, eigentlich alles bedeuten kann. Die meisten von uns werden unter einem Medium wahrscheinlich ein technisches Gerät zur Vermittlung von Information bzw. Inhalten verstehen. Mit Blick auf die Geschichte stellt man fest, dass die heute so vage gewordene Bezeichnung, in der Vergangenheit relativ eng gefasst war.

Auf das lateinische Wort Medium rückgreifend, wird ein Medium interpretiert als die Mitte oder etwas Vermittelndes. Noch heute gibt es die Berufsbezeichnung der Mediatoren, die zwischen verhandelnden Parteien vermitteln. Im 18. und 19. Jahrhundert hieß mediatisieren auch unterordnen. Als Adliger wurde man dem Fürsten in der Nachbarschaft mediatisiert. Und schließlich gibt es noch den Begriff des Mensch-Mediuns. Jemand, der mit den Toten kommunizieren kann, oder zumindest vorgibt es zu können. Dieses Verständnis des Wortes Medium stammt aus dem 19. Jahrhundert (Spiritismus).

Naturwissenschaften

Ein moderner Medienbegriff wird zurückgeführt auf die Naturwissenschaften. In der Physik ist ein Medium ein Raum, in dem sich Teilchen ausbreiten. Friedrich Knilli hat sich die dortigen Zusammenhänge nutzbar gemacht und sie in den Sprachgebrauch der Medientheorie überführt. Dementsprechend führte ein erster allgemeiner Medienbegriff nach Knilli das Bild vom Ort der Ausbreitung auf die Kommunikation zurück. Damit wurde jedoch auf ein Mal viel mehr zum Medium gemacht, als etwas, das die Übermittlung vollzieht.

Auf eine Gesprächssituation gemünzt, sind beispielsweise Schallwellen, Membrane im Ohr und andere Dinge mehr nach Knilli Elemente einer Medienkette.

McLuhan: das Medium ist die Botschaft

Ebenfalls sehr weit gefasst ist das Medienverständnis des kanadischen Mediengelehrten Herbert Marshall McLuhan. Dieser nahm sogar Licht, Sand, Wasser und anderes mehr als Medium an, weil diese Dinge je einen Unterschied im Maßstab erzeugen (dazu gleich mehr). Die Interpretation der McLuhanschen Aussagen ist umstritten. Das liegt nicht zuletzt daran, dass McLuhan selbst sich wenig um eine wissenschaftliche Vorgehens- aber vor allem Ausdrucksweise bemüht hat. Seine Texte eröffnen ihr Wissen eher implizit. Nach dem Lesen stellt sich ein Aha-Erlebnis ein, wirklich dingfest machen kann man die Erfahrungen allerdings nicht.

Eine große Streitfrage beispielsweise betrifft die Interpretation von McLuhans Diktum “the medium is the message.” Die Auslegung geht soweit, dass ein technokratisches Verständnis dafür sorgt, Medieninhalte als unwichtig anzusehen. McLuhans eigenes Interesse galt allerdings kaum den Inhalten, als vielmehr den Veränderungen, die Medien in der Umwelt bewirken. Deshalb McLuhans Hinweis auf den Maßstab. Licht als ein Medium beispielsweise hat unseren Rhytmus von Tag und Nacht komplett umgekrempelt. Ein Fernseher, wie er noch zu McLuhans Zeit in Fokus des Wohnzimmers die Familie sich hat davor versammeln lassen, erzeugt eine Dynamik im Miteinander, usw. usf. Doch McLuhan kann man mit diesen knappen Ausführungen nicht abgehandelt wissen, dafür sind seine Gedanken viel zu umfangreich.

Ordnung ist das halbe Leben

Wenn man beginnt Ordnungskategorien zu finden, um Medien zu unterscheiden, kann man irgendwo anfangen und faktisch nirgendwo aufhören. Einige davon sollen hier zumindest vorgestellt werden. So können wir Medien danach unterteilen, ob sie formellen oder informellen Charakter haben. Informelle Medien zeichnen sich dadurch aus, dass sie ohne einen Unterbau an gesellschaftlichen Institutionen auskommen. Im Gegensatz zu zum Beispiel Radio und Fernsehen (formellen Medien), die ohne Rundfunkanstalten und Vertriebs- und Verbreitungswege nicht als Medien funktionieren könnten.

Oder wir sind in der Lage, Medien nach Ordnungsziffern in primäre, sekundäre und tertiäre Medien zu unterscheiden. Erstere sind solche, die kein Gerät zwischen Sender und Empfänger für die Kommunikation benötigen. Sprache gilt als prototypisches primäres Medium. Sekundäre Medien sind solche, die auf der Produktionsseite technische Hilfsmittel benötigen. Das Buch ist ein solches Medium, oder die Zeitung. Der Leser hingegen braucht keine technischen Hilfsmittel für die Rezeption. Anders bei der Schallplatte, der CD, dem Internet u. a. m. Hier wird nicht nur Technik auf Seiten der Produzenten eingesetzt, sondern ebenso beim Konsumenten.

Differenzierung und kein Ende?

Außerdem sind wir in der Lage, Medien anhand ihrer Funktion zu unterscheiden. Es werden für gewöhnlich 3 + 1 Einteilung(en) gemacht, und zwar in Medien der Wahrnehmung, Medien der Speicherung (und Bearbeitung) und Medien der Übertragung. Die vierte Kategorie ist jene, die eine Kombination der ersten drei anbietet, solche Medien in der vierten Ebene dienen der Kommunikation. Je nach Fragestellung fallen unterschiedliche Medien in ganz verschiedene und eben mehrere Kategorien.

Realität und (Medien-)Wirklichkeit, Massenmedien oder Medialität wären weitere Begriffe, die man ebenfalls diskutieren könnte, um eine Vorstellung von dem Wort Medium zu erhalten. Allerdings möchte ich die Beiträge in dieser Reihe nicht zu komplex werden lassen. Zumal ich an den entsprechenden Stellen beispielsweise die Medialität von Einzelmedien wie dem Chat, SMS, E-Mail usf. ansprechen werde, wenn nötig. Theodor Fontane würde behaupten, dies sei ein weites Feld. Interessierten ist dies nie ein zu weites Feld, aber ich möchte eben auch das Interesse für diese Themen abfragen und wecken. Deshalb ist immer ein Kompromiss zwischen Komplexität und Eingängigkeit zu finden. Ich hoffe, dass mir das gelingen wird.

Am Beispiel Brecht: Wie Institutionen uns glauben machen

In einer Einführung in die Philosophie der Gegenwart von Reiner Ruffing findet sich in dem Kapitel “Kulturhistorischer Hintergrund” folgende, unscheinbare Aussage:

“Der Dichter Bertolt Brecht (1898-1956) schuf mit dem epischen Theater eine neue Ausdrucksform.”
S. 12

Es ist erstaunlich, wie an dieser Stelle eine Art manipulative Unbewusstheit vorliegt. Jeder wird bestimmt schon ein Mal Dinge zusammengefasst haben, oder anderen Leuten in seinem Umfeld Vorschläge unterbreitet haben. Die Gehirnforschung, die Psychologie, sie klären uns darüber auf, dass wir geflissentlich Informationsbröckchen über die Zeit synthetisieren, und dabei manche Informationen unter den Tisch fallen.

Episches Theater

Ich erinnere mich, dass ich im Grundstudium eine Ausarbeitung über das epische Theater von Brecht schrieb. Weniger die Ausarbeitung, als die ganze Lektüre, die ich auf dem Weg dorthin gelesen habe, hat mir gezeigt, dass nicht Bertolt Brecht derjenige genannt werden kann, der das epische Theater erfunden hat; das Zitat aus der Einführung in die Philosophie der Gegenwart lässt aber einen derartigen Schluss zu. Um ihn herum waren eine Vielzahl anderer, die ebenso dazu beitrugen, wenn nicht gar schon eine Vorreiterrolle übernahmen. Wir merken an diesem Punkt, wie leicht wir und unsere Auffassung von solchen Aussagen gelenkt werden können. Jemand, der diese Zeilen liest und vorher nicht über Brecht gestolpert ist, der wird das Wort so hinnehmen und es an anderer Stelle vielleicht noch weitertragen.

Wahrheit der Institutionen

Wir vertrauen auf die Institutionen und vergessen dabei unsere eigene Urteilskraft. In meinem Beispiel handelt es sich um die Institution des Buches. Was in Büchern steht, kann doch nur richtig sein?

Das Fernsehen, und noch dazu das öffentlich-rechtliche ist eine weitere Institution, der wir uns anvertraut haben. Klar ist aber auch, dass wir nicht umhin kommen, Arbeitsteilung zu betreiben. Wenn wir also auf unsere Institutionen vertrauen wollen, müssten diese sich auch vertrauenswürdig zeigen.

Nun muss man sich eine Vielzahl solcher kleinen, unscheinbaren Aussagen vorstellen. Eine Matrix von Falschaussagen. Kleinvieh macht auch Mist, heißt es. Stellen wir uns vor, wie weitreichend man über viele solcher kleinen, unscheinbaren Aussagen von etwas ferngehalten wird, was am Ende die Wahrheit heißen könnte. Doch gibt es so etwas wie Wahrheit? Ein Problem, das wir erkennen, zum Beispiel in anderen Kulturkreisen, ist, dass das Vorenthalten von Informationen auch eine Form von Manipulation nach sich zieht.

In unserer Zeit wird immer mehr Wissen erzeugt. Diese Pluralität der Fakten, die nebeneinander stehen, sorgt dafür, dass wir keine davon eindeutig identifizieren können oder wollen. Es gibt Akteure, die sich das zutrauen. Solche, die über genügend Wissen in einem Bereich verfügen. Aber ich argumentiere im Sinne der breiten Masse.

Es gibt viele, die mit erhobenem Zeigefinger von Volksverdummung sprechen, meinen damit aber die Populärkultur. Wenn nun aber die Wissenschaft uns verdummt, was dann?

Diachrone Sprachwissenschaft bei Herder: Fragen nicht basal

Martin Heidegger bietet ein Verständnis von Sein an, das sich von dem des Aristoteles unterscheidet. Johann Gottfried Herder bietet eine Sprachanthropologie an, die der Sprache ein Lebensalter angedeiht. Sprachen werden älter und werden zunehmend komplexer, dafür allerdings immer weniger sensualistisch.

Für Heidegger, wie für etliche andere Philosophen, bedeutet es eine Frage zu stellen, ein Vorverständnis von der Sache besitzen zu müssen, über die man fragt.

“Denn um beliebige Fragen zu stellen und sich an die Beantwortung zu machen, brauchen wir ein Vorverständnis — wie vage dieses auch sein mag — des Fragegegenstandes und der Richtung, in der die Antwort zu suchen ist.”
Inwood 2004: S. 27

Wenn man eine Weile darüber nachdenkt, und sich Herders Abhandlung über den Ursprung der Sprache vergegenwärtigt, kann man einen einfachen Sachverhalt der diachronen Sprachwissenschaft entdecken und zumindest philosophisch begründen, eventuell auch logisch. — Fragen bedürfen eines Vorverständnisses, also können sie nicht die ursprünglichsten Einheiten einer Sprache darstellen. Das kommt der Argumentation Herders sehr zu pass. Für ihn sind vor allem sensualistische Wörter die ersten unserer Sprache, weil er den Menschen als sensorium commune betrachtet. Wir sind nicht nur ein vielsinniges Wesen, sondern auch eines, dessen Sinne nicht losgelöst, einzeln funktionieren.

Literatur:

  • Herder, Johann Gottfried: Abhandlung über den Ursprung der Sprache. Reclam: Stuttgart, 2001.
  • Inwood, Michael: Heidegger. Herder: Freiburg, 2004.

Auer contra Brecht: Warum Episches Theater nicht funktionieren kann?

Eine mögliche Antwort auf die Frage, warum Episches Theater nach dem Vorbild von Bertold Brecht nicht funktionieren kann, kommt aus dem Bereich der Soziolinguistik und Psychologie.

Kontextualisierung

Mitte bis Ende der 1970er Jahre entwickelten in diesem Forschungsbereich die Eheleute Gumperz den Begriff der Kontextualisierung. Anders als der in der Linguistik bis dahin angenommene Begriff des Kontexts, ist dieser situativ revidierbar und zudem dynamisch. Gumperz’ stellen sich eine Gesprächssituation derart vor, dass ein Kontextualisierungsverfahren etwaige Hinweise mit Schemata verknüpft.
Der Begriff des Schemas stammt ursprünglich aus der Psychologie und ist die Vorstellung einer Organisationseinheit in unserem Gehirn. Natürlich nicht als biologische Einheit, sondern als die Gedanken oder den Denkprozess strukturierende Einheit. Demnach eine gänzlich andere Dimension.

Unter den Kontextualisierungshinweisen nun versteht man Dinge wie Kinetik und Proxemik, Prosodie u. a. m. Man versteht darunter Elemente wie Gestik und Mimik. Gerade das allerdings ist der Hinweis auf Brechts Episches Theater. Ein Element seiner Konzeption von Theater war die aus dem asiatischen und russischen Theater entlehnte und ausgearbeitete Form des Gestenspiels.

In einem Aufsatz über das Konzept der Kontextualisierung von Peter Auer aus 1986 gibt es folgende Stelle, die sich prima auf diesen Kontext anwenden lässt:

“Kein Kontextualisierungshinweis hat eine ‘inhärente’ Bedeutung, die ein für allemal festliegt und seine Interpretation bestimmt. Vielmehr sind die einzelnen Kontextualisierungshinweise flexibel, d. h. für eine Vielzahl von Funktionen einsetzbar. Eine ein(ein)deutige Zuordnung von Kontextualisierungshinweisen zu Schemata ist nicht möglich.”
S. 26

Gesten mit variabler Bedeutung?

Im Klartext bedeutet dies, dass Gesten nicht eindeutig bestimmbar sind, vielmehr variabel in ihrer Bedeutung. Brecht hat jedoch genau das Gegenteil gefordert und zumindest gedacht, er könnte das Geforderte auch erreichen. Das zieht natürlich nicht Brechts komplette dramaturgische Arbeit in Misskredit, sorgt aber sehr wohl für ein erhellendes Moment, wenn man die Rezeptionsgeschichte des dramatischen Werks Brechts berücksichtigt.

Dieser Ansatzpunkt bietet die Möglichkeit, Literatursoziologie im weiteren Sinne zu betreiben. Es wäre vorstellbar, einen Bogen zu schlagen zwischen der Unvereinbarkeit von intendierter Bedeutung einerseits und der variablen Rezeption der jeweils angewandten Gesten andererseits. Material für Studien müsste in Form von empirischem Material vorliegen oder aber in Bildmaterial, das Zuschauer im Prozess der Rezeption zeigt. Letzteres würde qualitative Forschungsaussagen ermöglichen. Ersteres ist auf den Bereich der bloßen Zuschauerzahlen beschränkt und könnte anhand der Wirkung, die die einzelnen Stücke Brechts zeitigten, nurmehr nachträglich herausstellen, das man in dem Punkt variabler Kontextualisierungshinweise ein Indiz für Missverständnisse im Dialog zwischen Regisseur, Dramaturg, Literat, Schauspieler und dem Publikum gefunden hätte.

Aktive empirische Forschung müsste Versuchsanordnungen gestalten und Brechts Stücke nach dem Muster alter Aufführungen an Versuchsgruppen ausprobieren und deren Reaktionen aufzeichnen und auswerten.

Literatur: Peter Auer (1986): Kontextualisierung. In: Studium Linguistik 19, S. 22-47.

Gauguin, Cezanne, Van Gogh und andere malten Fotos ab

Malen nach Zahlen ist ein Kinderspielzeug. Abpausen gehört hingegen für Comiczeichner, jedenfalls als Technik, unbedingt dazu. Meist jedoch pausen diese ihre eigens gezeichneten Vorlagen. Auch große Maler, sie ließen sich inspirieren.

Ob man in die freie Wildbahn geht und die Kombination von Auge und Gehirn dazu nutzt, eine Vorlage realiter zu sehen, oder ob man ein Foto als Vorlage benutzt? Es macht wenig Unterschied. Fogonazos Blog (in engl. Sprache) zeigt nun exemplarisch, dass Maler wie Gauguin, Cezanne, Van Gogh und andere mehr, Fotos als ihre Vorlagen nutzten, und auch welche. Was ist dabei?! Nun, zumindest könnte es ziemlich unkreativ wirken, Fotos mehr oder weniger abzumalen. Insgeheim ist jedoch auch das ein durchaus kreativer Prozess.