Sprache in den Neuen Medien (5)

Nachdem wir bereits erfahren haben, dass der Computer unser Verhältnis zur Realität beeinflusst, wollen wir erörtern, wie der umfassende Computer nach Martin Seel dies tut.

Unerhörtes

Seel nennt ihn den integrierten Computer und den umfassenden Computer. Schon an diesen Bezeichnungen kann man ablesen, dass ein verändertes Verhältnis der medialen Situation zur Realität vorliegt. Wir werden mit einem Internet-Rechner in die Lage versetzt, Ort und Zeit zu manipulieren, können überall und nirgends sein. Zwar hatten wir, so Seel, die Aufhebung von Ort- und Zeitgrenzen schon mit anderen Medien erreicht, jedoch nie in einer solchen Qualität. Das Wesen des Mediums weist eine Unschärfe aus. Der Nutzer, und sei er noch so versiert, ist nicht mehr in der Lage eine Situation vollständig zu erschließen. Wo genau kommen die Daten her, auf die man gerade zugreift. Sind sie fingiert? Finden sie an echten Schauplätzen statt?

Reichweite spielt in zwei Aspekten eine Rolle. Wir überbrücken Zeit und Raum, aber gleichzeitig erreichen wir auch unheimlich viel mehr Rezipienten als über die bisherigen Telemedien. Doch die medialen Erfahrungen haben eine andere Qualität. Denn die “Situation der Erfahrung” ist laut Seel nicht länger deckungsgleich mit der “erfahrenen Situation” (vgl. S. 259).

Neue Medien und Realität

Außerdem verliert, so Seel, die reale Situation immer “mehr an Gewicht gegenüber der virtuellen medialen Situation.” Weil dies so ist, bekommt die Realität, bzw. das, was wir als Realität annehmen, eine andere Funktion als noch davor. Uns ist Realität nicht länger als Gegenspieler, “sondern allein noch als Produkt medialer Weltgewinnung denkbar.” Das sind Annahmen, denen man zwar zustimmen kann, aber nicht muss.

Seel dachte nicht, dass der umfassende Computer so weit ins Zentrum der medialen Interaktion rücken könnte, dass “die Differenz zwischen Wahrnehmungssituation und wahrgenommener Situation” (S. 262) eines Tages verwischt. Ich bin an dieser Stelle anderer Meinung.

Gerade aber der Charakter der Simulation – der Computer ist ein Bild-Medium -, lässt für Seel dauerhaft eine Unüberbrückbarkeit “zwischen leiblich erschlossener und digital eröffneter Wirklichkeit” (S. 263) untilgbar sein.

Der nächste Teil der Reihe wird das Handwerkszeug an Begriffen vorstellen, mit dem die allermeisten der Einzelmedien-Untersuchungen hantieren. Das ist vor allem die Trias “Medium” im Unterschied zur “Kommunikationsform” im Unterschied zur “kommunikativen Gattung”. Die Differenzierung stammt aus einem Text Christa Dürscheids aus 2005, den man online einsehen kann.

Sprache in den Neuen Medien (4)

Nach der bisherigen Differenzierung des Medienbegriffs wollen wir uns nun der Frage zuwenden, was den Computer als Medium (oder technischen Apparat) nach Sybille Krämer ausmacht.

Neue Qualität der Kommunikation

Wir kennen zwei typische Formen der Kommunikation: Die eine ist oraler Natur, prototypisch das Gespräch von Angesicht zu Angesicht, auch Face-2-Face-Kommunikation genannt. Die andere Situation ist jene, die durch einen Text vermittelt entsteht, eine Lektüre. Im direkten Gespräch ist eine sehr persönliche Umgebung vorhanden.

Während nach Krämer bei der Face-2-Face-Kommunikation Kommunizieren und Interagieren zusammenfallen (vgl. S. 86), unterscheidet sich die über den Computer als Medium vermittelte Kommunikation davon. Sie weicht signifikant “von den uns vertrauten Situationen und Mustern mündlicher oder schriftlicher Kommunikation” ab.

Realität ist medial vermittelt

Ein Text von Martin Seel, der in demselben Sammelband erschien, wie der zuvor verwendete Text von Sybille Krämer, diskutiert “welche Rolle die neuen, elektronischen Medien in der menschlichen Welterschließung spielen.” (S. 245)

Doch Seel versucht zunächst medienphilosophisch zu erläutern, dass der Zugang zur Realität medial vermittelt ist. Für uns gibt es keine erfahrbare Realität ohne Medien. Außerdem versucht Seel über die Tragweite dieser Vorstellung Auskunft zu geben: Was bedeutet das eigentlich, dass aller Zugang zur Welt medial vermittelt ist? Man kann sich die Frage stellen, ob man dieser Position zustimmt. Sie ist quasi seit Kant etabliert und aus der akademischen Vorstellungswelt nicht mehr wegzudenken. Alle Erfahrung, die wir machen, wir machen sie durch Medien. Dabei sind natürlich nicht primär die technischen Medien von heute gemeint, obwohl wir mittlerweile erleben, dass diese einen besonders hohen Stellenwert einnehmen, und fast nichts mehr ohne Technik zu funktionieren scheint. Das heißt freilich nur, dass das Erfahrbare medial vermittelt ist, und eben nicht, dass es keine Welt ohne Medien gäbe (vgl. ebd. S. 250).

Der umfassende Computer

Martin Seel möchte den umfassenden Computer, wie er ihn nennt, als Prototyp der Neuen Medien vorstellen. Umfassend ist er deswegen, weil wir mit ihm so viel anstellen können, er übernimmt Funktionen von Radio, TV, CD-Player, etc. pp. Seels Text stammt, wie auch der von Sybille Krämer aus einem Sammelband aus 1998.
Wir sind heute 10 Jahre weiter und die Rede ist von Eee-PCs und Netbooks, von OMCs und anderen. Viel mehr Menschen finden den Zugang zu umfassende(re)n Computern. Die Annahmen von damals werden heute umso deutlicher erfahrbar.

Der Computer wird von Seel wie folgt unterschieden. Er ist ein nicht-natürliches Medium, anders als z. B. das Licht. Er ist außerdem, anhand einer relativen, besser kontingenten Kategorie, ein unverzichtbares Medium.

Wir hatten im ersten Beitrag der Reihe bereits die Einteilung 3 + 1 kennen gelernt. Seel verwendet eine ähnliche Unterteilung, in Wahrnehmungs-, Handlungs- oder Darstellungsmedien. Der Computer ist indes nicht nur nach Seel ein Medium, dass die drei Funktionen miteinander vereint und damit zum Kommunikationsmedium wird. Der umfassende Computer ist zudem nach Seel ein inklusives Medium, und kein exklusives, insofern als er Leistungen anderer Medien zu bündeln versteht. Wir merken immer auch, wie willkürlich manche Differenzsetzung erscheint.

Sprache in den Neuen Medien (3)

Die Differenzierung des Medienbegriffs soll uns weiterhin beschäftigen. Dazu widmen wir uns den Überlegungen Sybille Krämers, die versucht das Medium einerseits von konventionellen (Sprach-)Zeichen abzugrenzen und es andererseits von technischen Werkzeugen zu unterscheiden.

Das Medium als Spur

Das Medium als Spur ist eine Metapher von Frau Krämer, die anzeigen soll, auf welche Weise ein Medium sinnstiftend wirkt. Es geschieht eher unwillkürlich, um nicht zu sagen unterbewusst. Ganz anders dazu das Zeichen. (Sprachliche) Zeichen sind geprägt durch Konvention, ihre Bedeutung ist arbiträr, wie man sagt, d. h. willkürlich. Es ist nicht so, dass die Bedeutung vom Himmel fällt, sondern wir verständigen uns darauf. Und auch eher weniger in der Form, dass wir zum Tag X eine Bedeutung vorgeben, vielmehr ist das, was Wittgenstein als Sprachspiel formuliert hat, ein gutes Bild, sich vorzustellen, wie Bedeutung von Sprachzeichen entstehen kann, nämlich im und durch den Gebrauch. Trotzdem spielt hierbei Absicht (Intention) eine große Rolle.

Krämer hälft fest, dass Zeichen “Kraft ihrer medialen Materialität” mehr sagen, “als ihre Benutzer damit jeweils meinen.” Sie nennt dies in Anlehnung an Zumthor einen Überschuss an Sinn, oder auch einen Mehrwert an Bedeutung. Medien haben also einen Einfluss auf den Inhalt, den sie transportieren, in der Form, dass sie an ihm eine Spur hinterlassen, die nicht beabsichtigt ist. Wie kann man sich so etwas vorstellen? Prototypisch ist das Beispiel der gesprochenen Sprache zu nennen. Hierbei soll die Stimme das Medium der Rede sein. Unsere Stimmbänder verraten während sie sich bewegen manchmal etwas, was uns selbst nicht lieb ist. Nervosität, in dem Sinne, dass wir vielleicht gelogen haben, und uns ertappt fühlen, sie kommt u. U. mit der Stimme zum Ausdruck.

Ebenfalls macht das Medium der Schrift ungewollt Vorgaben, erzeugt Bedeutung. Die Einheit des lautsprachlichen Phonems ist ein Analogon zum Graphem (das sind alles sprachwissenschaftliche Terme, auf die es im einzelnen hier nicht direkt ankommt). Es gibt aber wissenschaftlich keinerlei Belege für lautsprachliche, scharf voneinander zu trennende Einheiten. Nicht beabsichtigt zwar – aber auf diese Weise hat die Beschäftigung der Sprachwissenschaft mit der Schrift das Verständnis von (oraler) Sprache beeinflusst. So jedenfalls ein weiteres Beispiel von Sybille Krämer.

Der Apparat – das technische Medium

Ich hatte geschrieben, dass ein Medium, wenn es funktioniert, keine Spuren hinterlässt – wir sie zumindest nicht so leicht erkennen. Das Medium wirkt nach Krämer wie eine unbeabsichtigte Spur. Sie stellt die Anschlussfrage: “Wenn das Medium wirkt wie eine unbeabsichtigte Spur, warum wird dann das, was bisher latent war und also verborgen blieb, gegenwärtig so manifest?” An diesem Punkt, so Krämer, müsse man das Medium in den Kontext technischer Apparate rücken.

Warum müssen wir Medien mit technischen Instrumenten vergleichen? Damit wir noch einen Aspekt ansprechen, der mit der Funktionsweise von Medien zu tun hat. Instrumente, so Krämer, sind Werkezuge, die mit dem, was man mit ihnen bearbeitet, nicht in Verbindung stehen, außer solange man damit etwas bearbeitet. Medien hingegen sind zwar auch Vermittler, aber ohne Sie können wir Botschaften nicht entschlüsseln, da diese jederzeit untrennbar mit dem Medium vereint sind. Botschaften sind in Medien, wohingegen Werkzeuge den Dingen, die man mit ihnen bearbeitet äußerlich sind (vgl. S. 83f.). Damit man den Unterschied zu den Instrumenten (Werkzeugen) auch sprachlich fassbar machen kann, möchte Frau Krämer technische Medien als Apparate bezeichnet wissen.

Lassen wir wieder Frau Krämer zu Wort kommen, die den Unterschied zwischen Technik als Instrument oder Apparat wie folgt zusammenfasst: “Die Technik als Werkzeug erspart Arbeit; die Technik als Apparat aber bringt künstliche Welten hervor, sie eröffnet Erfahrungen und ermöglicht Verfahren, die es ohne Apparaturen nicht etwa abgeschwächt, sondern überhaupt nicht gibt. Nicht Leistungssteigerung, sondern Welterzeugung ist der produktive Sinn von Medientechnologien.” (S. 85)

Was ist ein (technisches) Medium?

Wir können uns an dieser Stelle erneut die Frage stellen, um das bisher geschriebene zusammenzufassen, was ein Medium sei. Ein Medium ist, so Krämer, offenbar nicht in einer Perspektive zu sehen, wie McLuhan sie eingenommen hat(, im Fachjargon wird diese mit dem Attribut anthropomorph bezeichnet). Also nicht als Erweiterung des Körpers und der Sinne. Denn auf diese Weise würde man Medien auf einen Werkzeugcharakter reduzieren. Gleichzeitig übt ein Medium trotzdem einen Einfluss auf die Botschaft aus, in der Art, dass es eine Spur an ihr hinterlässt. Somit greift der Medienbegriff der Systemtheorie nach Luhmann ebenfalls nicht.

Technischen Artefakten ist keineswegs eingeschrieben, dass sie entweder Medium oder Werkzeug sind. Vielmehr sind sie je nach Perspektive mal das eine, mal das andere. Mit dem Computer lassen sich Leistungssteigerungen erzielen, aber er kann genauso gut Welten erzeugen, Botschaften vermitteln, und somit zum Medium werden. Die Perspektive auf den Computer als Medium will ich in der nächsten Ausgabe der Reihe “Sprache in den Neuen Medien” vorstellen. Wir wollen dann mit Hilfe von Ausführungen von Martin Seel die Begriffe Realität und Wirklichkeit weiter spezifizieren, die bereits in dieser Reihe erwähnt wurden.