Stummes Gitter

Nach einer wahren Begebenheit. Richten wir unseren Blick auf eine Stange, an dessen unterem Ende sich vier Ausläufer befinden, die in ihrer Funktion eine Ähnlichkeit mit menschlichen Gliedmaßen haben, mit Füßen. An dieser Stange klammert sich ein Gitter, und in seiner Mitte fristen vier Flügel ihr wohlbehütetes, bisweilen dynamisches Leben. Dynamisch immer dann und unter Zwang, wenn sie nicht anders können als zu gehorchen, sich in eine Richtung zu drehen, immerzu, einen Tunnel aus Luft vor dem Gitter zu errichten. Wie fleißige Bienchen sind die Flügel beschäftigt, den luftigen Kanal am stummen Gitter vorbei zu tragen. Wenn wir aber, just in ihren emsigen Momenten, unseren Blick auf sie richten, erscheint es uns, als könnten wir durch sie hindurch sehen. Sie verrichten ihre Arbeit und machen uns glauben, sie würden es nicht tun, und das stumme Gitter nimmt davon Notiz. Die beschleunigten Luftteilchen wären ihm ein Indiz dafür; eine symbiotische Existenz ist es eingegangen und hat sich in seinem Schicksal von anderen abhängig gemacht. Den Zustand des Seins hat es nicht gewählt und trotzdem ist es dazu gezwungen, damit auszukommen, sich dauerhaft kein Gehör verschaffen zu können. Niemals wird es die Möglichkeit haben, das Argument als Ausrede geltend zu machen, es sei auf taube Ohren gestoßen. Es klammert sich den ganzen Tag und die ganze Nacht an die Stange mit den Gliedmaßen und um die Flügel, ganz so, als wollte es uns damit etwas sagen. Dieser Ausdruck lebenslangen stummen Protests ist in seiner Vollendung ein unerreicht asketischer Moment, wie ihn wahrscheinlich niemals ein lebendiges Wesen erreichen wird. Das Gitter, die Flügel, die Stange und seine Gliedmaßen, alle sind sie, wie ein Bettler auf der Straße auf die Güte Fremder angewiesen. Gleich einem Schwanz, ist uns bislang eine weitere Gliedmaße unachtsam nicht aufgefallen: Die dunkle, aus mehreren Schichten bestehende Nabelschnur, die der hier beschriebenen Komposition zum Leben verhilft. Wenn man sie in Perfektion die einzige Aufgabe erfüllen lassen will, die sie ob ihrer Beschaffenheit zu erfüllen in der Lage ist, kommt man nicht umhin, die Nabelschnur via Steckdose in einen elektronischen Kreislauf einzuführen. Dies tun wir immer mal wieder, ohne uns zu fragen, ob es jedes Mal so ist, wie beim letzten Mal, ob nicht dieses Mal die Käfig-Flügel-Stange auf Gliedmaßen und mit Schwanz ihrem Ärger Luft machen möchte oder uns von seinem Leid klagen. Das Gitter wird es wissen, nur kann es uns nichts sagen, oder wollen wir es vielleicht einfach nicht verstehen?

Alexander Bernhard Trust, zuletzt bearbeitet 2005 (2001) [PDF]

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