Lust zu lesen

Er griff zum Buch. Seine Finger berührten den Buchdeckel. Er strich darüber und konzentrierte sich auf den Augenblick. Musik schall von überall, im Mehrkanalton. Er schloss die Augen, blinzelte. Die Geräuschkulisse war nicht fort. Er wippte unruhig mit dem Bein, pfiff nervös die Melodei nach. Ja, die Melodei. Es war ihm einerlei geworden. Schön war’s. Er erschrak. Es klingelte sturm. Er trat vor das Fenster, blickte zur Straße hinunter, sah unter dem Eingang nur einen Schatten auf dem Gehweg. Der Schatten schien ihn mit dunklen Haaren bezirzen zu wollen. Er drückte über die Sprechanlage die Tür auf und jemand kam die Stiege herauf. Schnell drehte er den Schall ab, hastete wieder zur Tür. Er schüttelte ihr nicht die Hand, umarmte sie. Man kannte sich. Schon eine Weile hatte sie sich auf dem Sofa niedergelassen, als er endlich die Türe hinter ihnen schloss. Er horchte davor noch in den Flur: niemand sonst.

Endlich situierte er sich neben ihr, irgendwie verkrampft. Nie hätte er gedacht, dass sie sich so nahe kommen würden. Sie kannten sich – ja wie lange eigentlich? Mit Zaida war er zur Schule gegangen, bis irgendwann die kleine Schwester aufkreuzte, auf dieselbe Schule geschickt wurde. Es hieß, sie würden sich fortan nicht mehr küssen. Die Schwester könnte es dem Freund erzählen, und ihre Familie würde es erfahren. Er wurde trotzdem in die Familie eingeführt, als Freund. Dann begann er sich ausgiebiger mit Aischa auseinanderzusetzen. Es gefiel ihr, und er gefiel ihr auch. Sie kamen zueinander. Er ging oft ein und aus bei Aischa und ihrer Familie. Die Freundschaft zu Zaida litt jedoch. Er half im Haus und wurde immer mehr ein Teil der Familie. Schon zwei Jahre waren vergangen, seit er Aischa seine Freundin nennen durfte. Noch davor hatte er sich bereits im Haus der Familie bewegen dürfen. Er war mit Zaida liiert gewesen. Während der Schulzeit. Aber niemand wusste davon, durfte es auch nicht wissen. Zaida war bereits verlobt. Nur ihre Eltern wussten nicht davon. Sie hatte es ihnen verschwiegen, weil sie Angst hatte. Sie ließen, wenn er nicht dabei war, nicht immer ein gutes Haar an ihm. Immer hatten sie etwas auszusetzen. Elvan besonders. Immer hatte die Mutter Angst um ihre beiden Töchter, und nie war sie so ganz mit ihrem eigenen Leben im Reinen. Sie wollte, dass ihre Töchter es ein Mal besser haben würden.

***

Er mochte ihre Umarmungen. Schon als sie zur Tür herein gekommen war hatte ihre dezente Leibesfülle ihn erregt. Sie trug einen Strickpullover und zu enge Schuhe für ihre breiten Füße. Er mochte ihre Füße. Ein Mal hatte er ihr im Keller geholfen, die Sachen aus dem Auto zu tragen. Immer war er sehr umsichtig und freundlich. Es gefiel ihr, dass es ihm auffiel, wenn sie sich ein wenig herausmachte. Er fand immer liebe und schöne Worte. Er war mit ihr zum Auto gegangen, und beide hatten sie eine Kiste genommen. Eine schwere, übervolle Kiste. Auf dem Weg vom Auto in den Keller war der Boden der Kiste unter der Last des Inhaltes darin gebrochen. Sie fluchte über das billige Plastik und beugte sich auf den Boden. Er kroch neben sie und half ihr die Dinge vom Boden aufzulesen. Ein ums andere Mal berührten sich ihre Hände. Er mochte ihre Hände. Sie waren stark und doch zärtlich. Sie strahlten Wärme aus. Beide hatten nach etwas gegriffen, das auf dem Boden lag und unachtsamerweise nicht auf den Gegenstand geachtet. Sie griffen daran vorbei und fielen aufeinander zu. Ihr Körperschwerpunkt hatte sich verlagert und sie hatten das Gleichgewicht nicht halten können. Er hatte nur versucht wieder aufzustehen und sich auf eine Stelle am Boden gestützt, die er leer geglaubt hatte. Hastig zog er seine Hand zurück als er merkte, wie er ihren Knöchel fühlte. Sie schauten sich an. Es war ihr peinlich, und doch lächelte sie. Er wollte sich entschuldigen, aber sie ließ ihn nicht. Sie bedeutete ihm mit dem Zeigefinger zu schweigen. „Es ist okay“, sagte sie. Ihr Finger berührte noch immer seine Lippen. Er fühlte die Wärme. Er spitzte die Lippen. Sie zog ihre Hand von seinem Gesicht fort und blinzelte ihn an.

Eben hatte sie ihn auch wieder angeblinzelt, nachdem sie einander in den Arm genommen hatten. Jetzt saßen sie auf dem Sofa und blickten sich tief in die Augen. Sie hatte gemütlich braune Augen. Ihr schwarzes Haar war glatt. Es hing ihr nach vorne zum Pony herab. Sie nahm jetzt seine Hand. Es beruhigte ihn. Sie hatte es damals auch getan, nachdem beide alle Sachen vom Boden aufgelesen hatten. Er wollte die Kellertreppe hinauf, als sie seine Hand griff. Er hatte sich zu ihr umgedreht und sie war ihm mit der anderen Hand durchs Gesicht gefahren. Die nächsten Tage wurde er von dieser Berührung nicht mehr losgelassen. Er träumte von ihr.

Jetzt brauchte er nicht träumen. Sie saß neben ihm, hielt seine Hand. Sie sprachen nicht. Sie zog ihn zu sich herüber, fing an ihn zu streicheln. Er wollte etwas sagen, doch sie ließ ihn nicht. Eigentlich sprachen sie nur wenig, wenn sie ihn besuchte. Von der Begegnung im Keller an hatten sie sich nach und nach aufeinander zu bewegt. Beide hatten das Schicksal gebeten, ihnen Raum zu schaffen, damit sie sich ungesehen näher kommen konnten. – Er streichelte ihren Bauch. Sie hatte ihn nie viel reden lassen wollen. Nicht in solchen Momenten. Sehr oft waren sie im Keller aneinander geraten, und ein Mal hatte man sie beinahe erwischt. Beide fühlten sich ertappt und ließen danach eine Weile voneinander ab. Aber niemand sprach sie darauf an, und so kamen sie sich nach ein paar Wochen noch näher, als vorher schon. Über die Zeit hatte sich in ihnen Sehnsucht und Verlangen aufgestaut. Er erinnerte sich gerne daran, weil er sie das erste Mal geküsst hatte nach den Wochen der völligen Abstinenz. Sie hatten sich nur im Beisein der anderen gesehen. Immerhin umarmten sie sich die ganze Zeit über zur Begrüßung und zur Verabschiedung. Es war grausam und schön zugleich.

Sie blickten sich stumm an und wollten einander etwas sagen. Keiner konnte den Anfang machen. Sie küssten sich, so wie damals. Er genoss ihre Küsse. Erotische Fluten überkamen ihn. Sie spielten nicht miteinander. Beide wollten und konnten nicht voneinander ablassen. Aber wie würden sie es den anderen erklären können? Niemand würde sie verstehen. Sie schwiegen. Noch. Sie zog ihn zu sich heran. Er saß nun auf ihr. Mit ihren warmen starken Händen berührte sie seine Brust. Er drückte ihre Hände unter seinem Sweatshirt an sich. Wie sollten sie den Altersunterschied verständlich machen? – Ihnen war es egal, aber den anderen in der Familie bestimmt nicht. Es war kompliziert. Aber sie wollten sich lieben und nicht mehr heimlich tun. Sie liebten sich. Er geriet bei jedem Kleidungsstück, das sie einander abstreiften mehr und mehr in Wallung. Mit seiner linken Hand öffnete er den Verschluss ihrer C-Körbchen. Er fasste ihren Busen, lutschte an ihren Nippeln, saugte daran. Er drückte seinen Kopf an ihre Brust. Er fühlte sich erfüllt und wohl. Er stand auf, zog sie vom Sofa zu sich her. Sie vergaßen die Zeit um sich herum und mochten es kurze Augenblicke oder Ewigkeiten sein, sie genossen sie miteinander. Ihre Liebe war komplett. Er spürte sich sicher und sie fühlte sich respektiert. Er öffnete den Reißverschluss an ihrer Hose, glitt vor ihr auf die Knie und zog in der Bewegung ihre Beine entlang. Er mochte ihren Körper. Sie drehte sich herum, stieg mit einem Bein aus der Hose, schüttelte sie mit dem anderen Bein ab. Ungeduldig zog sie sich selbst den Slip aus. Ob sie daheim wussten, dass sie auch solche Unterwäsche ihr Eigen nannte. Es war ihr egal. Er war ihr wichtig. Sie stieg auf das Sofa, kniete sich darauf und nahm ihn bei der Hand. Er sollte sie streicheln und fühlen, wie feucht sie war. Ihre Wärme ließ wohlige Schauer über ihn einfallen. Ihre volle Scham, der weiche Druck ihrer Schenkel. Er griff lustvoll in ihre Backen. Sie sah sich um, holte ihn heran, griff nach dem Bund seiner Unterhose. Sie strapazierte das Gummi, ließ es flutschen. Zog es wieder auf, zog und zerrte solange bis sie gemeinsam für Chancengleichheit gesorgt hatten. Er führte sein steifes Glied ein, griff nach ihrem Hüftspeck und ließ sie unter seinen druckvollen Stößen stöhnen. Er mochte ihre volle Stimme. Sie waren nur zu zweit und mussten improvisieren, und doch ließen sie diesen Nachmittag ein ekstatisches Orchester zu Werke gehen. Sie verschwanden irgendwann in seinem Schlafzimmer. Sie wussten nicht wie viel Zeit schon vergangen war, und wollten es auch nicht wissen. Er labte sich zwischen ihren Schenkeln, schmeckte sie zwischen ihren Lippen, leckte sie. Unter seiner Fellatio machte sie ihn wild. Sie krallte sich in ihn und er sog jede ihrer Bewegungen in sich auf. Sie räkelte sich. Sie kam, und er lag zwischen ihren Beinen. Er hatte nach ihrem prallen Hintern gegriffen und mit seinen Händen ihren Backen und ihren Schenkeln, ihrer Hüfte das zurückgegeben, was sie mit ihren an seinem Kopf exerzierte. Ihre warmen starken Hände fassten seine Haare, ließen nicht locker. Er kroch zu ihr herauf. Setzte sich auf sie. Sein Schwanz pochte. Ihre Blicke wurden ungeduldig. Sie schlug ihm auf die Hände, die unartig an seinem erregierten Glied rieben. Er sollte sich zurücklehnen und sie rieb ihn bis er auf ihre reifen, vollen Brüste ejakulierte. Sie malte mit ihren Fingern in seinem Sperma herum. Sie führte ihre Hände immer wieder an ihren Mund heran und leckte daran herum. Beide hätten mehr Zeit noch gewollt, sie an diesem Nachmittag miteinander verbringen zu dürfen.

Elvan ging in sein Bad, wusch sich und zog sich wieder an. Die ganze Zeit verfolgte er dieses Schauspiel. Er lag noch immer auf dem Bett, beobachtete sie. Er griff wieder an sich herunter, fingerte an sich selbst herum und kam erneut. Elvan lachte. Sie küsste ihn. Auch er zog sich an – er würde später noch unter die Dusche steigen, und wahrscheinlich wieder beim Gedanken an sie unartig werden. Beide blickten sich an. Es war kompliziert. Sie umarmten sich, und sie fühlte wie es in seiner Hose wieder pochte. Nie hatte sie jemanden gekannt, der sie so sehr begehrte. Es freute sie. Noch ein Mal drückte Elvan den Freund ihrer jüngeren Tochter, blickte ihm tief in die blau-grünen Augen. Er küsste sie und verging in Ekstase.

Andreas stand noch eine Weile am Fenster, blickte dem davonfahrenden Auto hinterher. Ein violettfarbener kleiner Ford. Eigentlich, dachte er, nicht das richtige Gefährt für sie. Er zog den Vorhang zu, nahm das Buch vom Schreibtisch. Er hatte jetzt Lust, zu lesen.

Alexander Bernhard Trust, zuletzt aktualisiert 2006 [PDF]

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