Sebastian, der Zöllner

Man gebe mir einen Hut. Ich werde ihn ziehen. Wenngleich mich wieder und aufs Neue das Gefühl beschlich, dass mir Strukturen, Beziehungen, Motive unterbewusst schon untergekommen sind, so überkam mich gleichsam eine andere Empfindung. Ich und Kaminski ist das maturierteste von Kehlmanns Werken, die ich bislang gelesen habe. Ich müsste mich nur ans Werk machen, die Arbeiten von Kehlmann, die ich bisher bereits gelesen habe, noch ein Mal zu lesen und würde Analogien und Parallelen aufdecken können, würde einen Zugang finden und dem in Wien lebenden Autor eine Kanüle anheften, aus der der Saft seiner Inspiration triefte. Vielleicht werde ich mich eines Tages derart seiner annehmen. Für den Augenblick reicht es, dass ich eine positive Grundschwingung vernehme.
Continue reading →

Verkapptes Genie

Ein Potpourri aus Ideen, die Kehlmann neu gemischt hat? Ein Allerlei, dass er zu einem sprachlichen Suchbild zusammensetzte? Was genau ist Mahlers Zeit?! Der Roman aus dem Jahr 1999, den ich in der Taschenbuchausgabe von 2001 gelesen habe – er las sich wie eine Reminiszenz an den Kurzgeschichtenband Unter der Sonne; immer wieder beschlich mich dieses Gefühl. Immer wieder kamen mir gewisse Namen, Passagen, Situationen oder Wortfetzen bekannt vor. Bislang ist die Lektüre von Mahlers Zeit die gewinnbringendste gewesen; kein Kehlmann-Roman hat mich mehr überzeugt. Anders als Unter der Sonne, erhält Mahlers Zeit von mir kein durchwachsen als Etikett, sondern darf sich mit einem gut schmücken.
Continue reading →

Bankräuber, verkappte Massenmörder und Pyromanen

Drei Jahre vor dem Roman Der fernste Ort veröffentlichte Daniel Kehlmann eine Sammlung von Erzählungen. Unter dem Titel Unter der Sonne, erschienen 1998, nebst einer gleichnamigen Geschichte, noch sieben weitere Kurzgeschichten Kehlmanns. Bereits durch den Roman vor einer verfrühten Beurteilung gefeit, las ich zunächst alle acht Geschichten, ehe ich mir ein Urteil erlauben wollte. Der Titel meines Artikels deutet es an, es geht mitunter um sehr abstruse Charaktere, die Kehlmann in seinen kurzen Geschichten skizziert. Bevor ich mich den einzelnen Geschichten en Detail zuwende, schicke ich eine umfassende Bewertung voraus, die da lautet: Durchwachsen. Neben den dunklen Figuren, gab es auch einige lichtere. Jedoch die wenigsten davon wurden mir sympathisch, und auch, wenn sie das nicht sollten, so waren es manchmal sogar die ganzen Geschichten, mit denen ich nicht warm wurde.
Continue reading →

Ist er es wirklich?

Er ist Jahrgang 1975. Er gilt trotz allem immer noch als Nachwuchstalent der deutschen Literatur. Ich las die ersten vierzig Seiten und fühlte mich in Einheitsbrei und verständiger Sprachblässe wieder. Die Neugier trieb mich weiter. Sie trieb mich durch die Sätze und durch die Seiten, bis mir, kurz vor Schluss, so langsam aber sicher ein Licht aufging. Kehlmann benötigte vielleicht die einfachen Worte, um nicht den Eindruck zu erwecken, es ginge hierbei um etwas Geheimnisvolles.
Continue reading →