Blogring nicht geschäftsfähig

Weil mir beim Umarbeiten mancher Beiträge auch die Kommentare bzw. Backlinks ins Auge fallen, bin ich über ein paar Verweise von einer Blogring dot org Toplevel-Domain gestolpert. Ich weiß, dass ich sie damals, das ist im Januar 2009 gewesen, noch aus dem Spamfilter holte, weil ich mir die Internetadresse angesehen hatte und meine Skepsis von den Inhalten dort nicht zu sehr herausgefordert wurde. Blogring dot org gibt es nun aber nicht mehr – knappe 12 Monate später hat sich dieses Geschäftsmodell offenbar auch wieder überlebt. Schöne automatisierte Web 2.0-Welt…

Am Beispiel Brecht: Wie Institutionen uns glauben machen

In einer Einführung in die Philosophie der Gegenwart von Reiner Ruffing findet sich in dem Kapitel “Kulturhistorischer Hintergrund” folgende, unscheinbare Aussage:

“Der Dichter Bertolt Brecht (1898-1956) schuf mit dem epischen Theater eine neue Ausdrucksform.”
S. 12

Es ist erstaunlich, wie an dieser Stelle eine Art manipulative Unbewusstheit vorliegt. Jeder wird bestimmt schon ein Mal Dinge zusammengefasst haben, oder anderen Leuten in seinem Umfeld Vorschläge unterbreitet haben. Die Gehirnforschung, die Psychologie, sie klären uns darüber auf, dass wir geflissentlich Informationsbröckchen über die Zeit synthetisieren, und dabei manche Informationen unter den Tisch fallen.

Episches Theater

Ich erinnere mich, dass ich im Grundstudium eine Ausarbeitung über das epische Theater von Brecht schrieb. Weniger die Ausarbeitung, als die ganze Lektüre, die ich auf dem Weg dorthin gelesen habe, hat mir gezeigt, dass nicht Bertolt Brecht derjenige genannt werden kann, der das epische Theater erfunden hat; das Zitat aus der Einführung in die Philosophie der Gegenwart lässt aber einen derartigen Schluss zu. Um ihn herum waren eine Vielzahl anderer, die ebenso dazu beitrugen, wenn nicht gar schon eine Vorreiterrolle übernahmen. Wir merken an diesem Punkt, wie leicht wir und unsere Auffassung von solchen Aussagen gelenkt werden können. Jemand, der diese Zeilen liest und vorher nicht über Brecht gestolpert ist, der wird das Wort so hinnehmen und es an anderer Stelle vielleicht noch weitertragen.

Wahrheit der Institutionen

Wir vertrauen auf die Institutionen und vergessen dabei unsere eigene Urteilskraft. In meinem Beispiel handelt es sich um die Institution des Buches. Was in Büchern steht, kann doch nur richtig sein?

Das Fernsehen, und noch dazu das öffentlich-rechtliche ist eine weitere Institution, der wir uns anvertraut haben. Klar ist aber auch, dass wir nicht umhin kommen, Arbeitsteilung zu betreiben. Wenn wir also auf unsere Institutionen vertrauen wollen, müssten diese sich auch vertrauenswürdig zeigen.

Nun muss man sich eine Vielzahl solcher kleinen, unscheinbaren Aussagen vorstellen. Eine Matrix von Falschaussagen. Kleinvieh macht auch Mist, heißt es. Stellen wir uns vor, wie weitreichend man über viele solcher kleinen, unscheinbaren Aussagen von etwas ferngehalten wird, was am Ende die Wahrheit heißen könnte. Doch gibt es so etwas wie Wahrheit? Ein Problem, das wir erkennen, zum Beispiel in anderen Kulturkreisen, ist, dass das Vorenthalten von Informationen auch eine Form von Manipulation nach sich zieht.

In unserer Zeit wird immer mehr Wissen erzeugt. Diese Pluralität der Fakten, die nebeneinander stehen, sorgt dafür, dass wir keine davon eindeutig identifizieren können oder wollen. Es gibt Akteure, die sich das zutrauen. Solche, die über genügend Wissen in einem Bereich verfügen. Aber ich argumentiere im Sinne der breiten Masse.

Es gibt viele, die mit erhobenem Zeigefinger von Volksverdummung sprechen, meinen damit aber die Populärkultur. Wenn nun aber die Wissenschaft uns verdummt, was dann?

Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?

März 2005: Zur Monatsmitte kommt aus dem UIP-Filmverleih ein Universal-Studios Horror-Thriller in die deutschen Kinos. Ein Jahr und zweieinhalb Monate später flimmert derselbe Film über meine Mattscheibe. Die US-amerikanisch-neuseeländische Co-Produktion ist zu subtil für einen Film von der Stange, allerdings auch nicht zu authentisch, um wesentlich höher eingestuft werden zu können. Boogeyman – der schwarze Mann, erzählt die Geschichte eines adulten Jugendlichen, der in seiner Kinderzeit eine grausige Geschichte von seinem Vater erzählt bekommen hat, die ihm eine Menge schlafloser Nächte bereitete und nach dem Tod seiner Eltern neurotische Wesenszüge annimmt.
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Doppelter Abschied von Kochberg

Mit dem Titel dieses Artikels hat auch Ulrich Kaufmann einen von ihm erschienen Aufsatz benannt. Erschienen ist der Aufsatz in einem Sammelband Jakob Michael Reinhold Lenz: Vom Sturm und Drang zur Moderne (2001). Herausgegeben wurde der Sammelband im übrigen von Andreas Meier. Inhaltlich versucht Kaufmann ein Gedicht von Volker Braun mit einem von JMR Lenz in Verbindung zu setzen. Beide heißen jeweils “Abschied von Kochberg”. Er gliedert seinen Aufsatz in drei Kapitel. Im ersten führt er zunächst ein wenig den Kontext und Inhalt des Gedichts von Volker Braun an. Im nächsten Kapitel tut er Selbiges für das Gedicht von JMR Lenz. Im dritten Kapitel schließlich, versucht Kaufmann eine Synthese der gedanklichen wie biographischen Belange zumindest rudimentär herbei zu schreiben.
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Was bin ich?

Es geht im Folgenden nicht um ein Ratespiel aus alten Fernsehtagen, dessen Übervater-Moderator, Robert E. Lembke, 1989 verstarb. Wenn wir in dem benötigten Kontext die Frage beantworten wollten, müssten wir gleich zwei hintereinander stellen: “Bin ich ein Mammut?” – “Bin ich ein Opossum?” Und schon wären wir mitten drin im Geschehen von Pixars neuem Streich in Sachen Eiszeit. Ice Age 2 läuft seit Anfang April in deutschen Kinos und am Samstag hatte ich Gelegenheit dazu, mich zum zweiten Mal von Otto als Synchronstimme der Faultierfigur Cid erfreuen zu lassen.
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Fürsprache für Studenten…

Hin und wieder kommt es vor, dass nicht nur jeder denkt, das Studenten den lieben langen Tag die Beine hochlegen. Ein literarischer Fürspruch findet sich in dem Stück Der Hofmeister von Jakob Michael Reinhold Lenz. Im vierten Akt, in der sechsten Szene tut der Musikus Rehaar folgendes Wort an einen Studenten richten, der noch in der Nacht zuvor bei der Tochter des Musiklehrers durchs Fenster gestiegen ist – doch, ein Schelm, wer dabei Böses denkt. Der nächtliche Aufstieg blieb nicht unbemerkt, und offenbar zerreißt man sich das Maul über Rehaars Tochter. Umso wohlwollender klingen die Worte Rehaars, die er an den Hallodri Pätus richtet:

“Was ist zu tun, man muß Geduld haben, ich sag immer, ich begegne keinem Menschen mit so viel Ehrfurcht als einem Studenten: denn ein Student ist nichts, das ist wahr, aber es kann doch alles aus ihm werden.”

Sebastian, der Zöllner

Man gebe mir einen Hut. Ich werde ihn ziehen. Wenngleich mich wieder und aufs Neue das Gefühl beschlich, dass mir Strukturen, Beziehungen, Motive unterbewusst schon untergekommen sind, so überkam mich gleichsam eine andere Empfindung. Ich und Kaminski ist das maturierteste von Kehlmanns Werken, die ich bislang gelesen habe. Ich müsste mich nur ans Werk machen, die Arbeiten von Kehlmann, die ich bisher bereits gelesen habe, noch ein Mal zu lesen und würde Analogien und Parallelen aufdecken können, würde einen Zugang finden und dem in Wien lebenden Autor eine Kanüle anheften, aus der der Saft seiner Inspiration triefte. Vielleicht werde ich mich eines Tages derart seiner annehmen. Für den Augenblick reicht es, dass ich eine positive Grundschwingung vernehme.
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Ich hab’s noch gesagt…

Ich meinte vor kurzem in einem Kommentar, ich würde von Aprilscherzen nicht heimgesucht, weil ich gestern nicht aus dem Haus musste. Da bin ich dann selbst wieder einmal eines Besseren belehrt worden. Als einer von tendenziell immer über zehn Millionen Zuschauern, wurde ich von Thomas Gottschalk herein gelegt. Dieser kündigte zum 25-jährigen Bestehen des Formates seinen Abgang als Moderator von Wetten dass…? an. Es stellte sich schon in der anschließenden Heute-Sendung recht schnell heraus, dass das ein April-Scherz gewesen sein muss. Das Datum war mir gänzlich aus dem Kopf gefegt, als mich der Wetterfrosch wieder daran erinnerte. Es machte Klick, und ohne dass es Spiegel-Online oder andere Presseorgane mir bestätigten, wusste ich, dass ich Tommi zumindest für ein paar Minuten auf den Leim gegangen war.
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Verkapptes Genie

Ein Potpourri aus Ideen, die Kehlmann neu gemischt hat? Ein Allerlei, dass er zu einem sprachlichen Suchbild zusammensetzte? Was genau ist Mahlers Zeit?! Der Roman aus dem Jahr 1999, den ich in der Taschenbuchausgabe von 2001 gelesen habe – er las sich wie eine Reminiszenz an den Kurzgeschichtenband Unter der Sonne; immer wieder beschlich mich dieses Gefühl. Immer wieder kamen mir gewisse Namen, Passagen, Situationen oder Wortfetzen bekannt vor. Bislang ist die Lektüre von Mahlers Zeit die gewinnbringendste gewesen; kein Kehlmann-Roman hat mich mehr überzeugt. Anders als Unter der Sonne, erhält Mahlers Zeit von mir kein durchwachsen als Etikett, sondern darf sich mit einem gut schmücken.
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