Die Reise ins Ich

„Unverhofft kommt oft“, dachte sich Tom als ein Blinken auf dem Desktop seines Computerbildschirms mit unbestimmter Dringlichkeit seine Aufmerksamkeit an sich zog. Sein Instantmessenger, eine unter Haufen neumodischer, multi-funktionaler Chatprogramme altbewährte Anwendung, hatte ihn mit einem blinkenden, neuen Nachrichtenfenster überrascht. Nun fixierten seine Pupillen beinahe magnetisch dieses Fenster. In der Statuszeile war der Spitzname des Gegenübers für Tom zwar lesbar, aber ergab keineswegs sinnhafte Zusammenhänge – er kannte die Person, die sich dahinter verbarg noch nicht. In den Jahren seiner Internetkarriere als Hobbysurfer hatte er mit der Zeit gelernt, dass solche Gespräche in der Regel nach ein und demselben Schema abliefen. Er selbst hatte immer sehr gerne und sehr viel geschrieben, wurde jedoch nur äußerst selten dafür belohnt; andere Leute fingen ein Gespräch mit ihm an, und erwarteten dann, unterhalten zu werden.

„Nicht schon wieder“, kam Tom eine gedankliche Schranke zu Hilfe. Just als er im Begriff gewesen war, das Nachrichtenfenster eines kurzen Blickes zu würdigen und es danach halbautomatisch, mit zielstrebiger Willkür wieder von seinem Desktop zu entfernen, geschah etwas wider die Statistik. Die Person, die ihm dort virtuell zum ersten Mal begegnete, war nicht wie viele der anderen vorher: Sie war bereits über das begrüßende „Hallo.“ hinaus und hatte Tom eine äußerst simple und dazu noch alltägliche Frage gestellt. Eine Floskel? – Tom war mit der Zeit sehr skeptisch geworden, was Internetbekanntschaften anging.

„Wie geht es Dir?“, stand in schwarzen Lettern vor dem weißen Hintergrund des Chatfensters geschrieben.

Tom tippte als Antwort ein „Mir geht es gut.“ in die Tastatur, als bereits die nächste Nachricht eintrudelte. Er geriet ins Hintertreffen.

„Du kommst aus der Gegend um Köln, ja?“, frug die Unbekannte.

„Ja, ich bin aus der Gegend, richtig, aber gebürtig stamme ich von woanders. Wie geht es Dir?“, erwiderte er schließlich mit ein bisschen Verspätung ihre Frage.

„Danke mir geht es auch gut. Du musst wissen“, schrieb sie, „ich komme auch ganz aus der Nähe.“ Das Gespräch nahm unverhofft den Weg von anfänglichem Smalltalk und entwickelte sich zusehends auf eine tiefere und intimere Ebene. Nach gut einer Stunde intensiveren Schreibens hatte Tom Einiges über sein Gegenüber in Erfahrung bringen können. Sie war 25 – er würde es bald sein; sie hatte eine Vorliebe für distinguierte Konversation – er hatte immer jemanden gesucht, mit dem er sich über mehr als nur Alltägliches hätte austauschen können. Leute mit Ideen, die nicht nur im Hier und Heute situiert sind, sondern etwas verändern wollten. Sie war ungefähr so groß wie er, sie trug langes, wallendes, hellbraunes Haar, das, zusammen mit ihren azurblauen Augen, einen lebendigen und interessanten Kontrast zu der vornehmen Blässe ihrer Haut bildete. In solchen Internetgesprächen ist es nicht unüblich Fotos voneinander auszutauschen; Tom war zeitlebens jemand gewesen, der hauptsächlich sehenden Auges durch die Welt gegangen war, der überall besonders optische Reize aufnahm. Das Wort Reiz hatte dabei immer schon mehr als nur eine einfache Bedeutung gehabt. Besonders gern nahm Tom das andere Geschlecht optisch wahr. Er mochte die Schönheit, vieler, intensiver Augenblicke, die er während des ersten Viertels seiner Vita empfangen hatte. Ein wohlbehüteter Reichtum aus Erinnerungen, den er sich immer wieder vor sein geistiges Auge rufen konnte.

„Bist du noch da?“, las er im Chatfenster. Er hatte sich von seinen Gedanken treiben lassen, wie das Darwinsche Treibholz den Vogel vor Galapagos getrieben hatte. Tom hatte die Zeit vergessen und nicht mehr auf die letzten Zeilen seines Gegenübers geantwortet. Er hatte bis hierhin etliche Informationen erhalten, nur mit ihrem Namen hatte sie noch nicht vor ihm kokettiert – zumindest war es ihm so vorgekommen, dass alles, was sie ihm schrieb, irgendwie dazu gedacht war, ihn in seinen Bann zu ziehen. Sie schrieb so viele schöne Dinge, auf die Tom merkwürdig willkürlich anspringen musste. Es wäre ein Zufall von ungeahnten Ausmaßen, wenn diese Person einfach nur die Lücken auffüllen würde, die das Leben bislang noch nicht hatte schließen wollen.

„Ja, entschuldige. Ich war etwas in Gedanken. Sag, wie heißt Du? Oder magst du mir das nicht verraten?“

„Doch, aber alles mit der Zeit.“

Tom wollte, wie es der Antrieb seines Studiums ihm gebot, diesen Satz korrigieren, hielt sich gegenüber dieser sympathischen Person jedoch zurück.

„Du willst wissen, welchen Namen ich trage? Warum?“

„Nun, damit sich das Unheimliche zwischen uns in Luft auflöst und du kein Geist bleiben musst, der mir nicht fassbar wird.“

„Also dann: Ich heiße Sandrine.“

„Kommst du aus Frankreich? Oder spricht in deiner Familie jemand Französisch, dass sie dir diesen Namen gegeben haben?“, wollte Tom seine sukzessive größer werdende Neugier befriedigen.

„Bien sûr!“, erwiderte Sandrine auf seine Frage. „Aber gewiss doch. Ich spreche Französisch und ja, meine Mutter kommt aus Frankreich.“

„Je parle un petit peut de francais.“ schrieb Tom zurück und freute sich sehr, dass Sandrine über einen französischen Hintergrund verfügte. Er konnte nicht erklären warum, aber es stimmte ihn freudig. Eine weitere Stunde verging, in der Sandrine Tom vollkommen um den Finger wickelte. Er fühlte sich so bekannt mit dieser Person, obgleich er sie erst vor gut hundertzwanzig Minuten kennen gelernt hatte. Alles was sie schrieb gefiel ihm auf irgendeine Weise. Es gab noch keinen Punkt, an dem er sich reiben konnte oder hätte reiben wollen und trotzdem wurde es den beiden nicht langweilig. Im Gegenteil, die Situation geriet in Wallung. Angesteckt durch ein Versprechen Sandrines, sie wolle ihm helfen sein Französisch auszubauen, und dies nicht nur auf rein sprachlicher Ebene, brachen in Toms Fantasie die Dämme. Ekstatische Fluten überschwemmten seine Gedankengänge. Das Gespräch zwischen ihm und ihr entwickelte sich rasant auf eine Klimax zu, die zu Beginn ihrer Unterredung wohl niemand erwartet hätte. Erotische Phrasen wechselten den Standort, standen am Ende in beiden Chatfenstern geschrieben und dokumentierten die ungewöhnlichste und zugleich intensivste Beziehung, die Tom jemals zu einer Person eingegangen war. Für diesen Augenblick hatte er alles andere vergessen und sich ganz auf sich selbst und Sandrine konzentriert. Es gab nur sie und ihn.

Es war schon später am Abend, als Sandrine sich von Tom verabschiedete. „Mach’s gut.“, schrieb sie. „Ich muss jetzt leider weg.“

„…leider…“ hatte sie geschrieben. Das ließ ihn annehmen, dass sie sich auf ein Wiedersehen freute. Er wünschte ihr alles Liebe und wollte noch den Gedanken äußern, sie wieder zu sehen, als Sandrines Status bereits als nicht mehr aktiv (offline) angezeigt wurde. Tom sortierte sich und seine Gedanken – er hatte außerdem seine Kleider zu sortieren. Das Sperma in seiner Hose erinnerte ihn an etwas, dass er zuvor noch nicht erlebt hatte, und das in der Öffentlichkeit unter der Bezeichnung Cybersex firmierte.

Sandrine hatte Tom Honig um den Mund geschmiert und ihn neugierig in eine Falle tappen lassen, seinen wunden Punkt getroffen. Oder sie hatte für einen Abend lang all die leeren Stellen in Toms Sein auszufüllen vermocht, die zuvor nur seine frühere beste Freundin auszufüllen in der Lage gewesen war, weil er eine derartig offene Intimität nirgendwo anders hatte finden können als bei ihr… „und Sandrine“, dachte Tom den Gedanken zu Ende.

Er sah sie danach nie wieder. Sie hatte ihn mit seinen Sehnsüchten alleine gelassen. Aber Sandrine hatte ihn auf eine Reise in sein Innerstes geschickt, Gedanken angestoßen, die lange liegen geblieben waren; er hatte in der gleichen Nacht noch seine Freundin getroffen und versucht sich so normal als möglich zu verhalten.

Alexander Bernhard Trust, zuletzt aktualisiert 2006 [PDF]

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