Ein Buch mit sieben Siegeln

Tom ist ein Mensch, wahrscheinlich, so denkt er oft genug, einer von vielen Hominiden, die die Welt bevölkern. Kaum ein Tag vergeht, an dem der Zeiger sich nicht weiter dreht. Analog und digital, per Funk und ob an der Hand, an der Wand, und überall; die Zeit ist Toms ständiger Begleiter. Es gibt den Rhythmus von Tag und Nacht – Tom hat ihn schon versucht zu überwinden –, die Jahreszeiten – er hat mit Wind und Wetter zu tun, wie jeder andere auch –, Ebbe und Flut – hier macht sein Erlebnishorizont einen Rückzieher –, alles ist im Fluss, alles hängt zusammen. Tom ist, ehrlich gesagt, nur selten damit beschäftigt darüber nachzudenken, wie andere wohl auch. Ganz speziell, verdrängt er ein wenig die Berühmtheit dieser globalen Kategorie, sträubt sich, widersetzt sich dem Starstatus, den die Zeit in seinem Leben trotz allem einnimmt. Er wünscht sich manchmal, die Tyrannei dieser Herrschsüchtigen zu beenden, allein, es gelingt ihm nicht. Er versucht den Einfluss zu verdrängen, den sie auf ihn hat, ob er nun deswegen keine Armbanduhr trägt und weil er versucht sich keinen Stress zu machen, er wird das Gefühl nicht los, als sei sie überall und: Sie läuft ihm davon.

Menschsein, denkt Tom, ist nicht immer ganz einfach. Er ist ambivalent, hat er festgestellt und kriegt er manchmal auch von den Leuten zu hören. Tom erinnert sich an eine Zeit, als er noch unbeschwert war und sich nur über die unmittelbarsten Dinge seine Gedanken gemacht hat, doch die ist längst vorbei. Er hat eine Weile gebraucht, er selbst zu werden, zu erkennen, was er will und was er lieber bleiben lässt, weil er dem nicht gewachsen ist oder auch bloß denkt, er sei dem nicht gewachsen. Letzteres Gefühl hat ihn manchmal beschlichen, wenn er bei sich gedacht hat und zu sich gesprochen, dass ihm nicht zum ersten Mal eine Chance entglitt, ihm durch die Lappen ging. Tom ist heute, hier und jetzt nicht mehr ganz so traurig darüber, weil er gelernt hat, die Dinge nicht nur wie Prometheus zu behandeln, sondern hernach auch in die Rolle dessen Bruders zu schlüpfen. Es macht es ihm leichter, wenn er weiß, dass er es ist, der die Dinge bewerten kann, wenn er will und die Macht hat, über sein eigenes Leben zu verfügen. Gut und Böse, das weiß Tom nun, hängen vor allem davon ab, welchen Wert er ihnen beimisst und selbst wenn er in einer solchen Situation bloß die Qual der Wahl zwischen der Scylla und der Charybdis, dann ist es immer noch besser als keine eigene Entscheidung treffen zu dürfen. Am Ende, so viel Weisheit hat er schon erfahren, hat alles immer einen Sinn, selbst wenn es am Anfang nicht danach aussieht. Damit ist Tom schon einen Schritt weiter als viele, die ihn umgeben, ergibt er sich gern freiwillig in diese Illusion. Wenn Tom wüsste, wie wenig er damit im Grunde gewonnen hat; vielleicht ist es besser so.

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgendeine Erscheinung in sein Leben tritt. Doch nicht nur Träume sind’s, die Tom beschäftigen; Gedanken sind frei und Phantasie ist mächtiger als Wissen. Der größte Traum von allen, hat Tom das Gefühl, ist die Wirklichkeit, das Leben um ihn herum. Er ist als Mann geboren, nicht als Frau und das, findet Tom, ist gut so. Nie hat er sich Sorgen gemacht, im falschen Geschlecht zu stecken. Doch mit dem anderen Geschlecht hat er sowohl gute als auch schlechte Erfahrungen erlebt und gemacht und geteilt. Je jünger er war, desto eher hat Tom sich dazu hinreißen lassen zu glauben, dass es im Leben darauf ankommt. Vielleicht, denkt er heute, hat das alles bloß mit Kultur zu tun, vom Menschen selbst erzeugte Zensur, die in seinen Augen nicht immer sinnvoll ist. Es gibt andere Leute, kleine und große, dünne und dicke, die tagtäglich mit ihren Problemen ringen, wie auch manche Sportler mit anderen Menschen. Tom mag Fußball und ist damit wahrscheinlich nicht alleine auf der Welt und trotzdem hat er immer gedacht und gehofft, nicht so zu sein, wie jeder andere. Bislang hat er auch den Glauben daran nicht gänzlich verloren. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Deshalb vertraut Tom auf sich selbst, zu oft hat er schon die Fehlbarkeit von sich und Seinesgleichen erkannt.

Tom glaubt an sich selbst, und kann in anderen Glaubensfragen keine genaue Antwort geben. Der Herr ist nicht sein Hirte, so viel weiß Tom schon zu sagen, und er will nicht ein Leben lang einfach nur ein Schaf sein. Das was andere als Religion bezeichnen, lässt Tom für sich nicht gelten, trotz allem ist er nicht ohne Moral und frei von Ängsten und Befürchtungen, aber auch Hoffnungen und Wünschen, was auf ihn nach dem Tot warten soll.

Kaum ein Tag vergeht, an dem die Welt sich nicht an ihm vergeht. Die Natur wirkt auf Tom, wie ein großes Gewissen, vielleicht sogar wie ein Gehirn, oder selbst ein großes, ganzes Lebewesen. Die Menschen führen Krieg und betreiben Raubbau. Was wir als Naturkatastrophe auffassen, dieser Zeichenfolge für eine Bedeutung zuweisen, es hat bisweilen erstaunliche Ausmaße angenommen und entzieht sich – Gott sei dank – unserer Kontrolle (gänzlich). Denn bei dem letzten Wort reagiert Tom ängstlich, ihm wird nicht wohl bei dem Gedanken, dass eines Tages, vielleicht, der Mensch sich wirklich als die Krone der Schöpfung heraus tun wird.

Er  ist kein Triebtäter und kann doch diesem Impuls nie gänzlich entsagen. Alles, was er tut, wird von dem tierischen Instinkt geleitet, auch wenn das in gewissem Sinne eine heilige Kuh darstellt, Tom wäre sich nicht zu schade, sie jederzeit vom Eis zu holen. Er ist sich sogar sicher, dass jeder nur in sich selbst horchen muss, um seinen inneren Antrieb zu vernehmen. Warum dann trotzdem darüber diskutiert wird, vielleicht aus Ignoranz. Ein Thema, mit dem Tom sich gerne abgibt sind Frauen. Die alten Griechen haben sie als Bestrafung empfunden, für ihn sind sie ein Wunder der Natur. Jede Frau hat etwas Besonderes, selbst wenn er bei so mancher nur eine Kleinigkeit entdecken kann, so ist dies besser als nichts. So gerne wäre er ein Zauberlehrling, der von früh bis spät in der Magie des anderen Geschlechts ausgebildet werden wollte und sich tagtäglich damit im Umgang zu üben.

Doch, was macht all das für einen Sinn? Klar, hat er sich schon einmal die Frage gestellt, was er im Leben zu suchen hat. Er ist sich darüber aber nicht klar geworden, nur so weit, dass er vielleicht auf diese Frage niemals eine Antwort finden kann. Kaum ein Tag vergeht, an dem Tom nicht einen Gedanken daran verschwendet, ja sogar im Traum manchmal versucht ihn zu entdecken, den Sinn des Lebens. Er hat einmal gelesen, dass auch andere sich und die Welt ergründen, auf der Suche sind, nach dem, was die Welt im innersten zusammenhält. Er kann nicht sagen, dass er damals überschwänglich mit den Zeilen umgegangen, viel mehr hat er sie vergessen und doch: Wann immer sich die Gelegenheit ihm bietet, hat er sie parat. Ein Stück Lebensweisheit hat er damit wahrscheinlich erworben, ein bisschen philosophisch angehauchtes Gedankengut gespeichert. Trotz allem, geholfen hat es ihm noch nicht, darüber im Bilde zu sein. Tom ist wie jeder andere, wenn er sich fragt, warum er auf der Welt ist. Man kann nicht nicht denken, hat er einmal gehört, und dass die Tiere sich dieser leidvollen Aufgabe entledigen könnten, dem Denken. Zumindest glaubt man das an mancher Stelle im sozialen Raum. Könnte es nicht sein, dass wir einander alle gar so ähnlich sind, dass sich unsere Versuche zur Distinktion ins Unendliche erschöpfen und trotz allem kein Stück weiter bringen?

Es ist doch so, dass Tom sich niemals von der Last wird freimachen können, ein Mensch zu sein. Ja doch, es gibt die Möglichkeit des Suizids, um zu gucken ob auch diese Option sich dann mehr als Schein, denn als Sein entpuppt. Tom ist in Gedanken, ob er auf seinen natürlichen Tod warten soll, der irgendwann sowieso eintritt und die Zeit bis dahin nutzen um… ja wofür eigentlich? Er könnte sich in den Dienst der Menschheit stellen, zumindest so lange, wie sein Leben eben andauert und akzeptieren, dass er Zeit seines Lebens mehr Fragen anhäuft, als Antworten findet; eben ein Buch mit sieben Siegeln ist.

Alexander Bernhard Trust, zuletzt aktualisiert 2005 [PDF]

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