Der Jammerlappen

Der Jammerlappen – Ein kurzes Trauerspiel auf drei Seiten

von Alexander Trust (im April 2006)

Figuren

  • Der Jammerlappen: Männlich, Mitte 30, Geschäftsmann, aufstrebend devot, seines Zeichens Muttersöhnchen.
  • Die Mutter: Ende 70, bestimmend, wenig beweglich – im Körper als auch im Geiste. Vom Leben gezeichnet sitzt sie in einem Lehnstuhl und wartet darauf, dass sie der Schlag trifft.
  • Die Freundin: Oberflächlich, schlagfertig, snobbistisch.
  • Gott: Kittelträger, Studium der Medizin mit summa cum laude abgeschlossen, ein Realist.

Erster Akt: Bei der Mutter

Der Jammerlappen: “Es geht mir gar nicht gut, Mutter.”

Die Mutter: “Das ist doch nichts Neues. Sei ein lieber Junge, und bring’ deiner Mama ihre Tabletten.”

Der Jammerlappen: “Okay Mutter, wie du willst – aber so geht es nicht weiter: Hörst Du mich?”

Er geht und holt die Tabletten. Nach einer Weile kommt er aus dem Bad zurück. Zitternd reicht er der Mutter die Medikamente.

Der Jammerlappen: “Hier hast du deine Tabletten Mutter. Die kenne ich noch gar nicht. Hat der Doktor sie dir neuerdings verschrieben? Ich denke, du weißt nicht, wie schlecht es mir eigentlich geht. Ich meine, Du kannst es dir einfach nicht vorstellen. Für Dich ist es auch einfach, dort zu sitzen, in deinem Lehnstuhl, faltig und schrumplig, und sich versorgen zu lassen. Es interessiert Dich überhaupt nicht, wie es MIR geht! Es hat dich noch NIE interessiert.”

Die Mutter: “Erzähl nicht einen solchen Unsinn: Mach’ mir lieber einen Kaffee.”

Der Jammerlappen: “Ja, selbstverständlich – aber da hast du den Beweis. Mein Leid ist Dir vollkommen egal.”

Er geht und setzt in der Küche Kaffee auf.

Der Jammerlappen: “Die Ärzte können mir auch nicht helfen!”

Er schreit aus der Küche herüber.

Der Jammerlappen: “Sie wollen einfach kein Leid an mir entdecken!”

Von ihm ungehört spricht die Mutter ein letztes Mal. Danach schluckt sie eine Überdosis Tabletten und entschlummert der Welt des Jammerlappens.

Die Mutter: “Sie würden auch kein Leid attestieren können, weil Du keine Leiden hast.”

Zweiter Akt: Bei der Freundin

Die Szenerie spielt sich ab, einen Tag unmittelbar nach dem Ableben der Mutter des Jammerlappens, in der Wohnung der Freundin.

Der Jammerlappen: “Mir ist so schwer ums Herz. Meine Mutter ist gestorben. Hast du denn überhaupt kein Verständnis?”

Die Freundin: “Ich verstehe, dass Du ein Weichei bist. Ein Jammerlappen sonder gleichen bist Du, sei doch froh, dass der Knochen endlich zu Asche geworden ist.”

Der Jammerlappen: “Du musst doch verstehen, dass es für mich nicht leicht ist.”

Die Freundin: “Ich empfinde es sehr schwer mit dir.”

Der Jammerlappen: “Du tust mir Unrecht.”

Die Freundin: “Ich muss mich zügeln, damit heut’ ausnahmsweise kein Unglück geschieht.”

Der Jammerlappen: “Ich kann nicht verstehen, warum nicht einmal Du, als meine Freundin, Verständnis für mich aufbringst.”

Die Freundin: “Und ich kann mich selbst nicht verstehen. Ich weiß beim besten Willen nicht, warum ich überhaupt deine Freundin geworden bin. Du kannst von Glück reden, dass Du immerhin einen Mann in der Hose hast.”

Der Jammerlappen: “Du bist nicht fair.”

Die Freundin: “Ich bin nicht länger deine Freundin.”

Der Jammerlappen: “Das ist nicht dein Ernst. Das hab’ ich nicht verdient.”

Die Freundin: “Nun, ich auch nicht!”

Der Jammerlappen: “Ich kann nicht glauben, dass du mich im Stich lässt, in einer Situation, in der ich deine Hilfe dringender denn je benötigte.”

Sie wendet ihren Blick entschieden zur Tür. Als er sich nicht von selbst in Bewegung setzt öffnet sie dieselbe und schiebt ihn davor. Ihre Tür fällt ins Schloss, er spricht von ihr ungehört noch eine Weile weiter.

Dritter Akt: Bei Gott

Von den Problemen seiner Alltagswelt hart auf die Probe gestellt, hat der Jammerlappen in der Nacht desselben Tages, an dem seine Freundin sich trennte, zur Flasche gegriffen. Durch den Alkohol berauscht, und in seinen Sinnen beeinflusst, setzte er sich in der Garage in sein Auto. Es gab einen riesen Wums, als er rückwärts in das verschlossene Garagentor fuhr, und der Airbag mit einem wuchtigen Knall auf sein Gesicht einschlug.
Er liegt nun, einen Tag später, auf einer Station im Krankenhaus, nur weiß er das noch nicht. Als er unter dem sterilen Schein von Tageslichtlampen die Augen aufschlägt, erblickt er, über ihm stehend, einen Mann im weißen Kittel, den er zunächst wohl für Gott hält, und der sodann auf ihn einredet, in einem gleichgültig monotonen Timbre.

Gott: “Hallo. Darf ich mich kurz vorstellen? Ich bin ihr behandelnder Arzt.”

Man merkt, wie sich beim Jammerlappen etwas regt, er jedoch keinen Ton hervorbringt.

Gott: “Ach ja. Wissen Sie, es könnte Sie interessieren, dass meine Kollegen und ich – also, wir denken, dass die Wucht, mit der der Airbag auf ihren Kopf knallte ihr Gehirn in Mitleidenschaft gezogen hat.”

Der Jammerlappen schaut nervös und hilflos in Richtung des Arztes. Es ist offensichtlich, dass er realisiert hat, in einem Krankenhausbett zu liegen und der Mann vor ihm nicht Gott ist.

Der Arzt: “Genauer gesagt ist ein Areal in Mitleidenschaft gezogen worden das, wie wir glauben, für Ihr Sprechen verantwortlich ist.”

Die Pupillen des Jammerlappens weiten sich immens. Er möchte aufstehen und wild werden. Als jedoch der Arzt bemerkt, wie der Jammerlappen auf ein Mal wie ein angeschlagenes Raubtier aufzutreten versucht, ruft er jemanden herbei, ihn festzuhalten. Er spritzt ihm ein Beruhigungsmittel. Im Augenblick der Injektion geht dem Jammerlappen ein Licht auf, er öffnet die Augen und wacht auf aus einem schrecklichen Albtraum. Über ihm ein Herr in weißem Kittel, der ihn anspricht. Er antwortet in stummen Gesten – Kopfnicken und Schulterzucken. Man merkt dem Jammerlappen an, dass er sichtlich erschrocken ist.

Der Arzt: “Sie können von Glück reden, dass Sie mit einem blauen Augen davon gekommen sind. Da sind schon ganz andere Dinge passiert.”

Der Jammerlappen: “Wie Recht Sie haben.

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