Eine Nacht

„Komm Effi, komm!“, stöhnte er, unter ihr liegend, seinen eigenen Samenerguss bei diesem formidablen Koitus nicht länger zurückhalten wollend. Das dunkle Haar, die Mähne Effis hing herab und peitschte ihn jedes Mal, wenn sie lustvoll ihren Kopf wiegte. Die Sanftheit der Berührung seines Körpers mit den Haarspitzen glich nicht im Entferntesten den Schlägen einer Pferdepeitsche und doch fühlte er sich angetrieben. Sie ritt auf ihm, ließ sich gehen, bewegte ihre schmalen Hüften in zunehmender Ekstase. Sie sprach kein Wort. Er lag unter ihr wie ein Stück Beute, dass sie gejagt hatte und nun zur Strecke bringen wollte. Just krallte sie sich in seine Brustbehaarung und kam mit ihrem Kopf immer näher und näher. Er versuchte nach ihrem Busen zu greifen, doch fühlte er sich nicht dazu fähig, dieser Geschenke Gottes habhaft zu werden. Es war als hätte jemand einen unsichtbaren Bogen um diese weichen, vollkommenen Rundungen ihres Oberkörpers gezogen, der ihm, einem Griechen gleich, eine lebenslängliche Abbitte leisten ließ. Schließlich bückte sie sich ganz nah zu ihm herab, ihr Haar verdeckte das darunter liegende Gesicht und kitzelte zugleich seines. Dies bemerkend schlug sie in einer knappen Bewegung den Kopf kurz zurück, damit das Haar sich entfernte.

Ein Schrei ertönte und als nächstes fühlte er den Schweiß seiner Bettdecke. Panische Angst hatte ihn gerade in dem Moment ergriffen, als er die Augen der geträumten Effi hatte sehen können. Er hatte in den Spiegel einer Seele gesehen, die nicht die seine gewesen war. Ihn schrecklich marternde Augen, Murmeln gleich, hatten etwas Fahles und Unnahbares ausgesandt. In den Pupillen dieser Frau überkam ihn die Empfindung von Tod. Ihr Blick hatte ihm etwas fremdartig Böses gezeigt. Nicht braun waren sie gewesen, und auch nicht blau; nicht grün; nicht grau. Stattdessen strebte die Färbung ihres Sehwerkzeugs ein steriles Weiß an, betonte in Nuancen die Nähe zu den Verfärbungen einer leblosen Wasserleiche.

Er hatte geträumt. Offensichtlich hatten ihm seine Sinne einen Streich gespielt. Die seit einigen Wochen vollführte Bettlektüre, die er in dieser Nacht abgeschlossen hatte, musste ihm dieses Frauenzimmer im Traum auf seinen Körper gesetzt haben und sich seiner Schwäche bemächtigt haben. Noch beim Zuklappen des Buches hatten Tränen, in Rinnsalen, seine Wange gestreift und jetzt, wohl einige Stunden später, fühlte er an Ort und Stelle immer noch die Überbleibsel des getrockneten Ausdrucks von unmaskierter Trauer. Warum wollte man ihm am Ende die Erinnerung an dieses Buch derart vergrämen?! – „Das Leben geht mitunter komische Wege.“

Alexander Bernhard Trust, zuletzt aktualisiert 2006 [PDF]

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