Endstation Sehnsucht

Man hatte die Wahl zwischen „der“ oder „die“ Munko. Zumindest konnte man es als eindeutig menschlich identifizieren, und damit war der sächliche Artikel Fehl am Platz.

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Es waren Wände aus Glas und nicht aus Beton. Es waren Wände aus Sicherheitsglas, meterdick. Sie umrahmten eine Fläche von allerhöchstens zehn Quadratmetern. Zehn Quadratmeter, die für den oder die Munko eine Art Gefängnis darstellen. Ein ewiges Martyrium, in dem ein Munko – bezeichnen wir ihn fortan, trotz der Unentschiedenheit in seiner Merkmalscharakteristik, mit dem männlichen Artikel – nicht Platz zum Leben haben sollte, aber auch nicht Platz zum Sterben haben durfte. Die Verquickung dieser bedingenden Umstände ist besonders wichtig; eine andere wäre undenkbar.

Im Zentrum des Glascontainers haust nun der Munko, seit Jahr und Tag, und selbst das ist zu viel gesagt, denn er haust dort nicht. Er hat nicht die Wahl – die Wahl haben andere. Sein Schicksal hängt ab von – ja wovon eigentlich? Da ist also dieser knapp zwanzig Kubikmeter umfassende Aufenthaltsraum, schlechterdings wohl so etwas wie ein Wartezimmer. Für den Munko ist es auf jeden Fall eines, für alle, die daran vorüber gehen ein Mahnmal. Doch ein Mahnmal zu errichten, darum ging es zu Beginn nicht, vielmehr um den Vollzug einer archaischen Bestrafung. Der Munko wurde bahrbäuchig mit seinen ungewaschenen, schwarzen, schmierigen Locken auf ein Stuhlkonstrukt gebunden. Seine Extremitäten hatte man bald in jede Richtung, aus der eine Ecke des Raumes sich ihm näherte, gefesselt. So hatte in dem letzten Augenblick der Betrachtung diese Szenerie etwas Tragikomisches an sich, etwas, das nur der zu verstehen wusste, der die Vorgeschichte kannte. Doch um eben jene wurde ein Geheimnis gemacht, damit Schaulustige sich nicht eben einfühlten. Keine Emotion, ob Hass, ob Mitleid, ob Ekel, sollte durch irgendeine Vorbedingung bei den spärlichen Zuschauern evoziert werden. Der Munko sollte ein unlösbares Rätsel bleiben, ein Abstraktum, zu dem man eine ebensolche Beziehung einzugehen bereit ist, aber keinerlei emotionale Bindung spürt.

Unbemerkt von auswärtigen, beobachtenden Augenpaaren stand in der dritten Ecke des Glaskubus ein Zeigestock. Er tarnte sich, in die Klebefuge gelehnt, ebenso gut wie eine Gottesanbeterin kurz vor ihrem Übergriff. An seinem oberen Ende fand sich eine grobschlächtige, schmale Silberklinge. Um den Hals des Schaftes gewickelt, befand sich eine Art roter Wimpel, der ein Mal weiß gewesen war.

Eine Decke suchte man an dem gläsernen, unvollständigen Würfel vergeblich, stand er doch selbst inmitten einer großen, unübersichtlichen Einrichtung aus Beton und Stahl. Die derzeitige Atmosphäre triefte vor beschaulicher Lethargie. Schon lange hatte keine Menschenseele mehr einen Fuß in die Halle des Munko-Kubus gesetzt. Er schien nicht darauf zu warten. Jeder Schweißtropfen trocknete auf der Haut, weil das künstliche Klima es wollte. Irgendwo stand Elektronik, die die Abläufe an diesem Ort kontrollierte. Fing der Munko an zu japsen und zu raunen, lösten die auditiven Sensoren einen warmen Wasserdampf aus, der aus Rohren über dem Glaskonstrukt quoll. Auf diese Weise strengte man die Lungen des Munko gerade so sehr an, dass sie nicht embolisch reagieren konnten, der ganze Organismus zudem nicht austrocknete. Ein perfides Spiel von Geben und Nehmen.

Vom Mittelpunkt des Raumes aus betrachtet, die Perspektivität des Munko einholend, musste dieser Glaskäfig sich wie ein Gewölbe ausnehmen. In seinem Blick an die Beweglichkeit des eigenen Halses gebunden, musste er sich von der Rückwand beobachtet fühlen und würde er die Glasfront vor sich flüchten sehen, wann immer er versuchte, sich ihr zu nähern. Dort saß er also, der oedipsche Tyrann, dem jeden Tag ein wenig wie Sisyphos zu Mute sein musste, und niemand wusste, warum. Kein Hinweis wurde angebracht; niemand wusste, wer eigentlich den Munko dorthin gebracht hatte, und keiner wollte es wissen. So blieb der Munko, seine Existenz in dem Kubus, in seiner Tragweite an einen Sack Reis gebunden, der eines Tages umfallen würde, ohne das das Karma der Welt davon Notiz nehmen würde.

Alexander Bernhard Trust, zuletzt aktualisiert 2006 [PDF]

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