Sebastian, der Zöllner

Man gebe mir einen Hut. Ich werde ihn ziehen. Wenngleich mich wieder und aufs Neue das Gefühl beschlich, dass mir Strukturen, Beziehungen, Motive unterbewusst schon untergekommen sind, so überkam mich gleichsam eine andere Empfindung. Ich und Kaminski ist das maturierteste von Kehlmanns Werken, die ich bislang gelesen habe. Ich müsste mich nur ans Werk machen, die Arbeiten von Kehlmann, die ich bisher bereits gelesen habe, noch ein Mal zu lesen und würde Analogien und Parallelen aufdecken können, würde einen Zugang finden und dem in Wien lebenden Autor eine Kanüle anheften, aus der der Saft seiner Inspiration triefte. Vielleicht werde ich mich eines Tages derart seiner annehmen. Für den Augenblick reicht es, dass ich eine positive Grundschwingung vernehme.

Auf der Suche nach dem Ich

Ich (Sebastian Zöllner) und (Manuel) Kaminski sind die zwei Pole zwischen denen Daniel Kehlmann das Spannungsfeld seines Romans aufbaut. Es sind in gewissem Sinne alte Bekannte. Kehlmann-Leser werden die Spannung zwischen diesen beiden Figuren wieder erkennen, sie werden sich heimisch fühlen in dem Roman aus 2003, der seit 2004 auch als Taschenbuchausgabe verfügbar ist. Sebastian ist ein junger, arroganter Schnösel, ein Journalist, der das Menschsein erst noch erlernen muss, der es sich jedoch zur Aufgabe hat werden lassen, eine Biographie von Manuel Kaminski anzufertigen. Eifrig ist er, der Sebastian, aber noch grün hinter den Ohren und unreif. Eifrig ist er, der Sebastian, hat aber noch keine Geschichte, weil er den Weg in seinem Leben noch nicht gefunden hat.

Ganz anders Manuel Kaminski. Ein ehemals bekannter Maler, ein in Teilen guter Maler, der seinen Höhepunkt bereits überschritten hat. Ein Maler, der erst ein Erlebnis der Läuterung bedurfte, um zumindest dem Joch der Kunstproduktion gerecht werden zu können, damit allerdings für sein Leben einen Preis zu bezahlen hatte. Ein Greis, einer mit Macken, jenseits der 80. Ein Figur, die fordernd ist und unnachgiebig auf uns wirkt. Eine Figur, die jedoch Licht und Schatten in sich vereint, die eine Geschichte hat und vom Leben gezeichnet ist. Beide lernen sich im Eifer Zöllners kennen, der es nicht zulässt, dass sie einander wirklich begegnen können. Doch je länger beide miteinander zu tun haben, desto durchsichtiger erscheint uns der Herr Zöllner. Er wird sich selbst fremd, und uns am Ende sympathisch?! Ein Spannungsbogen, wie er in der griechischen Tragödie par excellence hätte Verwendung finden müssen. Nicht umsonst erkor ich die Überschrift “Sebastian, der Zöllner” für diesen Artikel, denn kommt mir dieser Roman doch wie ein biblisches Gleichnis vor, an dessen Lack einzig der authentische Realitätssinn des Protagonisten kratzen kann. Inwiefern der Journalist im Verlauf der Handlung geläutert wird und ob nicht am Ende die säkulare Überraschung der Prozedur in die Parade fährt, darüber hülle ich mich in dezentes Schweigen.

Reproduzierbare Leseerfahrung?!

Kehlmann kann auf gut 170 Seiten mit seinen üblichen Ideen punkten. Er hat genug Raum, sie ordentlich zu verpacken und dem Leser zu überbringen. Es ist dies nämlich der längste Roman Kehlmanns, von Beginn seiner Veröffentlichungen bis eben zu dem Zeitpunkt des Erscheinens von Ich und Kaminski.

Wenn man überhaupt ein Fazit unter meine bisherige Kehlmann-Lektüre setzen kann, dann dieses, dass das Bild sich vervollständigt. Dort wo ich zuvor mit Skepsis reagierte, kann ich jetzt in Teilen mit Wohlwollen agieren. Die Geduld, die ich hatte, hat sich ausgezahlt. Es kann gut sein, dass meine Leseerfahrung mit Kehlmann reproduzierbar ist, wenn mein Gefühl einigermaßen als reflektierende Folie herhalten kann. Hätte dieser Roman nur den Umfang von z. B. Mahlers Zeit gehabt, er hätte zu viele Fragen aufgeworfen, und zu wenige Hinweise auf Antworten, er hätte den Leser überfordert. In dieser schmalen epischen Breite von – wie erwähnt – 170 Seiten, kann Kehlmann ein ausgewogenes Verhältnis produzieren, das den Leser interessiert und gerne wiederkommen lässt. Personen, die dies Buch als einziges und erstes von Kehlmann gelesen haben, würden wahrscheinlich von Beginn an ein durchweg positives Bild von Kehlmann gehabt haben.

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