Sprache in den Neuen Medien (3)

Die Differenzierung des Medienbegriffs soll uns weiterhin beschäftigen. Dazu widmen wir uns den Überlegungen Sybille Krämers, die versucht das Medium einerseits von konventionellen (Sprach-)Zeichen abzugrenzen und es andererseits von technischen Werkzeugen zu unterscheiden.

Das Medium als Spur

Das Medium als Spur ist eine Metapher von Frau Krämer, die anzeigen soll, auf welche Weise ein Medium sinnstiftend wirkt. Es geschieht eher unwillkürlich, um nicht zu sagen unterbewusst. Ganz anders dazu das Zeichen. (Sprachliche) Zeichen sind geprägt durch Konvention, ihre Bedeutung ist arbiträr, wie man sagt, d. h. willkürlich. Es ist nicht so, dass die Bedeutung vom Himmel fällt, sondern wir verständigen uns darauf. Und auch eher weniger in der Form, dass wir zum Tag X eine Bedeutung vorgeben, vielmehr ist das, was Wittgenstein als Sprachspiel formuliert hat, ein gutes Bild, sich vorzustellen, wie Bedeutung von Sprachzeichen entstehen kann, nämlich im und durch den Gebrauch. Trotzdem spielt hierbei Absicht (Intention) eine große Rolle.

Krämer hälft fest, dass Zeichen “Kraft ihrer medialen Materialität” mehr sagen, “als ihre Benutzer damit jeweils meinen.” Sie nennt dies in Anlehnung an Zumthor einen Überschuss an Sinn, oder auch einen Mehrwert an Bedeutung. Medien haben also einen Einfluss auf den Inhalt, den sie transportieren, in der Form, dass sie an ihm eine Spur hinterlassen, die nicht beabsichtigt ist. Wie kann man sich so etwas vorstellen? Prototypisch ist das Beispiel der gesprochenen Sprache zu nennen. Hierbei soll die Stimme das Medium der Rede sein. Unsere Stimmbänder verraten während sie sich bewegen manchmal etwas, was uns selbst nicht lieb ist. Nervosität, in dem Sinne, dass wir vielleicht gelogen haben, und uns ertappt fühlen, sie kommt u. U. mit der Stimme zum Ausdruck.

Ebenfalls macht das Medium der Schrift ungewollt Vorgaben, erzeugt Bedeutung. Die Einheit des lautsprachlichen Phonems ist ein Analogon zum Graphem (das sind alles sprachwissenschaftliche Terme, auf die es im einzelnen hier nicht direkt ankommt). Es gibt aber wissenschaftlich keinerlei Belege für lautsprachliche, scharf voneinander zu trennende Einheiten. Nicht beabsichtigt zwar – aber auf diese Weise hat die Beschäftigung der Sprachwissenschaft mit der Schrift das Verständnis von (oraler) Sprache beeinflusst. So jedenfalls ein weiteres Beispiel von Sybille Krämer.

Der Apparat – das technische Medium

Ich hatte geschrieben, dass ein Medium, wenn es funktioniert, keine Spuren hinterlässt – wir sie zumindest nicht so leicht erkennen. Das Medium wirkt nach Krämer wie eine unbeabsichtigte Spur. Sie stellt die Anschlussfrage: “Wenn das Medium wirkt wie eine unbeabsichtigte Spur, warum wird dann das, was bisher latent war und also verborgen blieb, gegenwärtig so manifest?” An diesem Punkt, so Krämer, müsse man das Medium in den Kontext technischer Apparate rücken.

Warum müssen wir Medien mit technischen Instrumenten vergleichen? Damit wir noch einen Aspekt ansprechen, der mit der Funktionsweise von Medien zu tun hat. Instrumente, so Krämer, sind Werkezuge, die mit dem, was man mit ihnen bearbeitet, nicht in Verbindung stehen, außer solange man damit etwas bearbeitet. Medien hingegen sind zwar auch Vermittler, aber ohne Sie können wir Botschaften nicht entschlüsseln, da diese jederzeit untrennbar mit dem Medium vereint sind. Botschaften sind in Medien, wohingegen Werkzeuge den Dingen, die man mit ihnen bearbeitet äußerlich sind (vgl. S. 83f.). Damit man den Unterschied zu den Instrumenten (Werkzeugen) auch sprachlich fassbar machen kann, möchte Frau Krämer technische Medien als Apparate bezeichnet wissen.

Lassen wir wieder Frau Krämer zu Wort kommen, die den Unterschied zwischen Technik als Instrument oder Apparat wie folgt zusammenfasst: “Die Technik als Werkzeug erspart Arbeit; die Technik als Apparat aber bringt künstliche Welten hervor, sie eröffnet Erfahrungen und ermöglicht Verfahren, die es ohne Apparaturen nicht etwa abgeschwächt, sondern überhaupt nicht gibt. Nicht Leistungssteigerung, sondern Welterzeugung ist der produktive Sinn von Medientechnologien.” (S. 85)

Was ist ein (technisches) Medium?

Wir können uns an dieser Stelle erneut die Frage stellen, um das bisher geschriebene zusammenzufassen, was ein Medium sei. Ein Medium ist, so Krämer, offenbar nicht in einer Perspektive zu sehen, wie McLuhan sie eingenommen hat(, im Fachjargon wird diese mit dem Attribut anthropomorph bezeichnet). Also nicht als Erweiterung des Körpers und der Sinne. Denn auf diese Weise würde man Medien auf einen Werkzeugcharakter reduzieren. Gleichzeitig übt ein Medium trotzdem einen Einfluss auf die Botschaft aus, in der Art, dass es eine Spur an ihr hinterlässt. Somit greift der Medienbegriff der Systemtheorie nach Luhmann ebenfalls nicht.

Technischen Artefakten ist keineswegs eingeschrieben, dass sie entweder Medium oder Werkzeug sind. Vielmehr sind sie je nach Perspektive mal das eine, mal das andere. Mit dem Computer lassen sich Leistungssteigerungen erzielen, aber er kann genauso gut Welten erzeugen, Botschaften vermitteln, und somit zum Medium werden. Die Perspektive auf den Computer als Medium will ich in der nächsten Ausgabe der Reihe “Sprache in den Neuen Medien” vorstellen. Wir wollen dann mit Hilfe von Ausführungen von Martin Seel die Begriffe Realität und Wirklichkeit weiter spezifizieren, die bereits in dieser Reihe erwähnt wurden.

Sprache in den Neuen Medien (2)

Wir wollen mit der Differenzierung, was ein Medium ist, noch ein bisschen fortfahren.

Lange Zeit galt die Annahme, dass Medien lediglich reine Transportmittel für Informationen seien. Erst mit einer Umwälzung im wissenschaftlichen Feld, die man gemeinhin als linguistische (oder mediale) Wende bezeichnet (engl. linguistic turn), wurde diese Perspektive korrigiert. Heutige Medienwissenschaftler weichen von einem konservativ-technokratischen Medienbild ab und gehen nun dazu über, dem Medium selbst eine Beteiligung an der Bedeutung zuzuschreiben.

Die Krux, wenn Medien funktionieren

Wenn Medien funktionieren, wenn sie wirklich gut funktionieren, dann treten sie hinter die Inhalte zurück, die sie übermitteln helfen. Man spricht davon, dass Medien “der blinde Fleck im Mediengebrauch” seien (vgl. Sybille Krämer 1998). Um dem Bedeutungsanteil auf die Schliche zu kommen, den Medien von sich aus beisteuern, muss man ganz genau hinsehen, oder aber Störungen erzeugen. Denn:

“Wir hören nicht Luftschwingungen, sondern den Klang der Glocke; wir lesen nicht Buchstaben, sondern eine Geschichte; wir tauschen im Gespräch nicht Laute aus, sondern Meinungen und Überzeugungen, und der Kinofilm läßt gewöhnlich die Projektionsfläche vergessen. Medien wirken wie Fensterscheiben: Sie werden ihrer Aufgabe um so besser gerecht, je durchsichtiger sie bleiben, je unauffäliger sie unterhalb der Schwelle unserer Aufmerksamkeit verharren. Nur im Rauschen, das aber ist in der Störung oder gar im Zusammenbrechen ihres reibungslosen Dienstes, bringt das Medium selbst sich in Erinnerung.”
Ebd.

Latent spürbare Veränderungen

Das allerdings ist eine Annahme, die bereits Marshall McLuhan formulierte. Inhalte würden gegenüber der Wesensart von Medien blind machen. Ziel meines Hauptseminars an der Hochschule, folglich auch dieser Beitragsreihe im Blog, war es und wird es sein, folgendes zu zeigen und zu diskutieren: Zum einen, wie es möglich ist, dass Medien latent sinnstiftend agieren. Dabei gilt zu beobachten, wenn sie dies tun, wie sie es bewerkstelligen. Und im Besonderen ging es darum, zu zeigen, ob gerade Neue Medien (Chat, SMS, E-Mail, Foren, Weblogs, Newsgroups, etc.) einen Einfluss auf die Sprache haben. Wir werden noch im Einzelnen Gelegenheit bekommen, zu sehen, wie dies bei den einzelnen Neuen Medien ausschaut. Doch zunächst geht es darum, zu verstehen, warum Medien latent wirken, und es nicht immer leicht ist, an ihnen so etwas wie eine Spur zu erkennen.

Argumente für beide Seiten

Zwei große Medientheorien stehen stellvertretend für die Haltung pro und contra Indifferenz der Medien. Sprich: Haben Medien selbst einen Einfluss auf die Bedeutung, oder haben sie keinen. Einen Fürsprecher für die Position, dass Medien sinnstiftend sind, vor allem in der Art, dass sie ihre Umwelt verändern, finden wir in Herbert Marshall McLuhan (siehe folgende Ausarbeitung von mir). Mit seinem Diktum, das Medium sei die Botschaft, hat McLuhan diesen Gedanken explizit formuliert.

Argumente für die andere Position liefert uns die Systemtheorie, allen voran in Person von Niklas Luhmann. Luhmann unterscheidet seit den 80er Jahren die Begriffe Medium und Form. Diese sind entweder lose oder rigide aneinander gekoppelt, eröffnen jedoch die Perspektive der Bedeutungs-Indifferenz von Medien. Einfach gesprochen, Medien haben nach Luhmann keinen Anteil an der Bedeutung des Inhalts den sie transportieren.

Die Wichtigkeit der Perspektive

“Wo Theorien zu solchen sich ausschließenden Ergebnissen gelangen”, schreibt Sybille Krämer, “liegt die Vermutung nahe, daß hier ein Phänomen nicht einfach widersprüchlich, sondern in völlig verschiedenen Hinsichten beschrieben wird.” (Ebd.)

So eindeutig ist diese Vermutung allerdings nicht, die Frau Krämer äußert, denn immerhin gibt es genügend Anhänger der einen oder anderen Richtung, und das gilt für ganz ganz viele andere Sachverhalte genauso, in denen Experten sich uneins sind. Es ist nicht der Normalfall, dass man versucht, dem Grund für die Unterschiedlichkeit der Aussagen nachzugehen. Dies noch erläutert, führt uns der Gedanke wieder zurück zum Anfang. Im ersten Teil der Reihe habe ich geschrieben, wie wichtig ein Wort, ein Begriff, eine Definition für das (wissenschaftliche) Arbeiten sein kann. Wir wissen nun, dass McLuhans und Luhmanns Ansätze sich zwar gegenläufig anhören, ahnen aber, dass nach Sybille Krämer, sie nur zwei Seiten einer Medaille sind.

Sprache in den Neuen Medien (1)

Warum ist es wichtig, sich über Begriffe und Definitionen zu unterhalten? Auf den ersten Blick ist das wahrscheinlich nicht unbedingt ersichtlich. Ein Wort ist ein Wort. Doch bestenfalls steht und fällt mit dem Wort und seiner Bedeutung die ganze Arbeit drumherum, vor allem im akademischen Feld. Mit Begriffsbestimmungen setzt man Grenzen, sich selbst und anderen. Wir wollen uns über Sprache in den Neuen Medien auslassen, doch zunächst die Begriffsbestimmung des Wortes Medium vornehmen.

Was ist ein Medium?

Der Medienbegriff ist vielschichtig und mehrdimensional. Wann immer man Lehrbücher der Medientheorie aufschlägt, wird einem gezeigt, was dies unscheinbare Wort Medium, das wir alle so häufig verwenden, eigentlich alles bedeuten kann. Die meisten von uns werden unter einem Medium wahrscheinlich ein technisches Gerät zur Vermittlung von Information bzw. Inhalten verstehen. Mit Blick auf die Geschichte stellt man fest, dass die heute so vage gewordene Bezeichnung, in der Vergangenheit relativ eng gefasst war.

Auf das lateinische Wort Medium rückgreifend, wird ein Medium interpretiert als die Mitte oder etwas Vermittelndes. Noch heute gibt es die Berufsbezeichnung der Mediatoren, die zwischen verhandelnden Parteien vermitteln. Im 18. und 19. Jahrhundert hieß mediatisieren auch unterordnen. Als Adliger wurde man dem Fürsten in der Nachbarschaft mediatisiert. Und schließlich gibt es noch den Begriff des Mensch-Mediuns. Jemand, der mit den Toten kommunizieren kann, oder zumindest vorgibt es zu können. Dieses Verständnis des Wortes Medium stammt aus dem 19. Jahrhundert (Spiritismus).

Naturwissenschaften

Ein moderner Medienbegriff wird zurückgeführt auf die Naturwissenschaften. In der Physik ist ein Medium ein Raum, in dem sich Teilchen ausbreiten. Friedrich Knilli hat sich die dortigen Zusammenhänge nutzbar gemacht und sie in den Sprachgebrauch der Medientheorie überführt. Dementsprechend führte ein erster allgemeiner Medienbegriff nach Knilli das Bild vom Ort der Ausbreitung auf die Kommunikation zurück. Damit wurde jedoch auf ein Mal viel mehr zum Medium gemacht, als etwas, das die Übermittlung vollzieht.

Auf eine Gesprächssituation gemünzt, sind beispielsweise Schallwellen, Membrane im Ohr und andere Dinge mehr nach Knilli Elemente einer Medienkette.

McLuhan: das Medium ist die Botschaft

Ebenfalls sehr weit gefasst ist das Medienverständnis des kanadischen Mediengelehrten Herbert Marshall McLuhan. Dieser nahm sogar Licht, Sand, Wasser und anderes mehr als Medium an, weil diese Dinge je einen Unterschied im Maßstab erzeugen (dazu gleich mehr). Die Interpretation der McLuhanschen Aussagen ist umstritten. Das liegt nicht zuletzt daran, dass McLuhan selbst sich wenig um eine wissenschaftliche Vorgehens- aber vor allem Ausdrucksweise bemüht hat. Seine Texte eröffnen ihr Wissen eher implizit. Nach dem Lesen stellt sich ein Aha-Erlebnis ein, wirklich dingfest machen kann man die Erfahrungen allerdings nicht.

Eine große Streitfrage beispielsweise betrifft die Interpretation von McLuhans Diktum “the medium is the message.” Die Auslegung geht soweit, dass ein technokratisches Verständnis dafür sorgt, Medieninhalte als unwichtig anzusehen. McLuhans eigenes Interesse galt allerdings kaum den Inhalten, als vielmehr den Veränderungen, die Medien in der Umwelt bewirken. Deshalb McLuhans Hinweis auf den Maßstab. Licht als ein Medium beispielsweise hat unseren Rhytmus von Tag und Nacht komplett umgekrempelt. Ein Fernseher, wie er noch zu McLuhans Zeit in Fokus des Wohnzimmers die Familie sich hat davor versammeln lassen, erzeugt eine Dynamik im Miteinander, usw. usf. Doch McLuhan kann man mit diesen knappen Ausführungen nicht abgehandelt wissen, dafür sind seine Gedanken viel zu umfangreich.

Ordnung ist das halbe Leben

Wenn man beginnt Ordnungskategorien zu finden, um Medien zu unterscheiden, kann man irgendwo anfangen und faktisch nirgendwo aufhören. Einige davon sollen hier zumindest vorgestellt werden. So können wir Medien danach unterteilen, ob sie formellen oder informellen Charakter haben. Informelle Medien zeichnen sich dadurch aus, dass sie ohne einen Unterbau an gesellschaftlichen Institutionen auskommen. Im Gegensatz zu zum Beispiel Radio und Fernsehen (formellen Medien), die ohne Rundfunkanstalten und Vertriebs- und Verbreitungswege nicht als Medien funktionieren könnten.

Oder wir sind in der Lage, Medien nach Ordnungsziffern in primäre, sekundäre und tertiäre Medien zu unterscheiden. Erstere sind solche, die kein Gerät zwischen Sender und Empfänger für die Kommunikation benötigen. Sprache gilt als prototypisches primäres Medium. Sekundäre Medien sind solche, die auf der Produktionsseite technische Hilfsmittel benötigen. Das Buch ist ein solches Medium, oder die Zeitung. Der Leser hingegen braucht keine technischen Hilfsmittel für die Rezeption. Anders bei der Schallplatte, der CD, dem Internet u. a. m. Hier wird nicht nur Technik auf Seiten der Produzenten eingesetzt, sondern ebenso beim Konsumenten.

Differenzierung und kein Ende?

Außerdem sind wir in der Lage, Medien anhand ihrer Funktion zu unterscheiden. Es werden für gewöhnlich 3 + 1 Einteilung(en) gemacht, und zwar in Medien der Wahrnehmung, Medien der Speicherung (und Bearbeitung) und Medien der Übertragung. Die vierte Kategorie ist jene, die eine Kombination der ersten drei anbietet, solche Medien in der vierten Ebene dienen der Kommunikation. Je nach Fragestellung fallen unterschiedliche Medien in ganz verschiedene und eben mehrere Kategorien.

Realität und (Medien-)Wirklichkeit, Massenmedien oder Medialität wären weitere Begriffe, die man ebenfalls diskutieren könnte, um eine Vorstellung von dem Wort Medium zu erhalten. Allerdings möchte ich die Beiträge in dieser Reihe nicht zu komplex werden lassen. Zumal ich an den entsprechenden Stellen beispielsweise die Medialität von Einzelmedien wie dem Chat, SMS, E-Mail usf. ansprechen werde, wenn nötig. Theodor Fontane würde behaupten, dies sei ein weites Feld. Interessierten ist dies nie ein zu weites Feld, aber ich möchte eben auch das Interesse für diese Themen abfragen und wecken. Deshalb ist immer ein Kompromiss zwischen Komplexität und Eingängigkeit zu finden. Ich hoffe, dass mir das gelingen wird.