Sprache in den Neuen Medien (4)

Nach der bisherigen Differenzierung des Medienbegriffs wollen wir uns nun der Frage zuwenden, was den Computer als Medium (oder technischen Apparat) nach Sybille Krämer ausmacht.

Neue Qualität der Kommunikation

Wir kennen zwei typische Formen der Kommunikation: Die eine ist oraler Natur, prototypisch das Gespräch von Angesicht zu Angesicht, auch Face-2-Face-Kommunikation genannt. Die andere Situation ist jene, die durch einen Text vermittelt entsteht, eine Lektüre. Im direkten Gespräch ist eine sehr persönliche Umgebung vorhanden.

Während nach Krämer bei der Face-2-Face-Kommunikation Kommunizieren und Interagieren zusammenfallen (vgl. S. 86), unterscheidet sich die über den Computer als Medium vermittelte Kommunikation davon. Sie weicht signifikant “von den uns vertrauten Situationen und Mustern mündlicher oder schriftlicher Kommunikation” ab.

Realität ist medial vermittelt

Ein Text von Martin Seel, der in demselben Sammelband erschien, wie der zuvor verwendete Text von Sybille Krämer, diskutiert “welche Rolle die neuen, elektronischen Medien in der menschlichen Welterschließung spielen.” (S. 245)

Doch Seel versucht zunächst medienphilosophisch zu erläutern, dass der Zugang zur Realität medial vermittelt ist. Für uns gibt es keine erfahrbare Realität ohne Medien. Außerdem versucht Seel über die Tragweite dieser Vorstellung Auskunft zu geben: Was bedeutet das eigentlich, dass aller Zugang zur Welt medial vermittelt ist? Man kann sich die Frage stellen, ob man dieser Position zustimmt. Sie ist quasi seit Kant etabliert und aus der akademischen Vorstellungswelt nicht mehr wegzudenken. Alle Erfahrung, die wir machen, wir machen sie durch Medien. Dabei sind natürlich nicht primär die technischen Medien von heute gemeint, obwohl wir mittlerweile erleben, dass diese einen besonders hohen Stellenwert einnehmen, und fast nichts mehr ohne Technik zu funktionieren scheint. Das heißt freilich nur, dass das Erfahrbare medial vermittelt ist, und eben nicht, dass es keine Welt ohne Medien gäbe (vgl. ebd. S. 250).

Der umfassende Computer

Martin Seel möchte den umfassenden Computer, wie er ihn nennt, als Prototyp der Neuen Medien vorstellen. Umfassend ist er deswegen, weil wir mit ihm so viel anstellen können, er übernimmt Funktionen von Radio, TV, CD-Player, etc. pp. Seels Text stammt, wie auch der von Sybille Krämer aus einem Sammelband aus 1998.
Wir sind heute 10 Jahre weiter und die Rede ist von Eee-PCs und Netbooks, von OMCs und anderen. Viel mehr Menschen finden den Zugang zu umfassende(re)n Computern. Die Annahmen von damals werden heute umso deutlicher erfahrbar.

Der Computer wird von Seel wie folgt unterschieden. Er ist ein nicht-natürliches Medium, anders als z. B. das Licht. Er ist außerdem, anhand einer relativen, besser kontingenten Kategorie, ein unverzichtbares Medium.

Wir hatten im ersten Beitrag der Reihe bereits die Einteilung 3 + 1 kennen gelernt. Seel verwendet eine ähnliche Unterteilung, in Wahrnehmungs-, Handlungs- oder Darstellungsmedien. Der Computer ist indes nicht nur nach Seel ein Medium, dass die drei Funktionen miteinander vereint und damit zum Kommunikationsmedium wird. Der umfassende Computer ist zudem nach Seel ein inklusives Medium, und kein exklusives, insofern als er Leistungen anderer Medien zu bündeln versteht. Wir merken immer auch, wie willkürlich manche Differenzsetzung erscheint.

Sprache in den Neuen Medien (3)

Die Differenzierung des Medienbegriffs soll uns weiterhin beschäftigen. Dazu widmen wir uns den Überlegungen Sybille Krämers, die versucht das Medium einerseits von konventionellen (Sprach-)Zeichen abzugrenzen und es andererseits von technischen Werkzeugen zu unterscheiden.

Das Medium als Spur

Das Medium als Spur ist eine Metapher von Frau Krämer, die anzeigen soll, auf welche Weise ein Medium sinnstiftend wirkt. Es geschieht eher unwillkürlich, um nicht zu sagen unterbewusst. Ganz anders dazu das Zeichen. (Sprachliche) Zeichen sind geprägt durch Konvention, ihre Bedeutung ist arbiträr, wie man sagt, d. h. willkürlich. Es ist nicht so, dass die Bedeutung vom Himmel fällt, sondern wir verständigen uns darauf. Und auch eher weniger in der Form, dass wir zum Tag X eine Bedeutung vorgeben, vielmehr ist das, was Wittgenstein als Sprachspiel formuliert hat, ein gutes Bild, sich vorzustellen, wie Bedeutung von Sprachzeichen entstehen kann, nämlich im und durch den Gebrauch. Trotzdem spielt hierbei Absicht (Intention) eine große Rolle.

Krämer hälft fest, dass Zeichen “Kraft ihrer medialen Materialität” mehr sagen, “als ihre Benutzer damit jeweils meinen.” Sie nennt dies in Anlehnung an Zumthor einen Überschuss an Sinn, oder auch einen Mehrwert an Bedeutung. Medien haben also einen Einfluss auf den Inhalt, den sie transportieren, in der Form, dass sie an ihm eine Spur hinterlassen, die nicht beabsichtigt ist. Wie kann man sich so etwas vorstellen? Prototypisch ist das Beispiel der gesprochenen Sprache zu nennen. Hierbei soll die Stimme das Medium der Rede sein. Unsere Stimmbänder verraten während sie sich bewegen manchmal etwas, was uns selbst nicht lieb ist. Nervosität, in dem Sinne, dass wir vielleicht gelogen haben, und uns ertappt fühlen, sie kommt u. U. mit der Stimme zum Ausdruck.

Ebenfalls macht das Medium der Schrift ungewollt Vorgaben, erzeugt Bedeutung. Die Einheit des lautsprachlichen Phonems ist ein Analogon zum Graphem (das sind alles sprachwissenschaftliche Terme, auf die es im einzelnen hier nicht direkt ankommt). Es gibt aber wissenschaftlich keinerlei Belege für lautsprachliche, scharf voneinander zu trennende Einheiten. Nicht beabsichtigt zwar – aber auf diese Weise hat die Beschäftigung der Sprachwissenschaft mit der Schrift das Verständnis von (oraler) Sprache beeinflusst. So jedenfalls ein weiteres Beispiel von Sybille Krämer.

Der Apparat – das technische Medium

Ich hatte geschrieben, dass ein Medium, wenn es funktioniert, keine Spuren hinterlässt – wir sie zumindest nicht so leicht erkennen. Das Medium wirkt nach Krämer wie eine unbeabsichtigte Spur. Sie stellt die Anschlussfrage: “Wenn das Medium wirkt wie eine unbeabsichtigte Spur, warum wird dann das, was bisher latent war und also verborgen blieb, gegenwärtig so manifest?” An diesem Punkt, so Krämer, müsse man das Medium in den Kontext technischer Apparate rücken.

Warum müssen wir Medien mit technischen Instrumenten vergleichen? Damit wir noch einen Aspekt ansprechen, der mit der Funktionsweise von Medien zu tun hat. Instrumente, so Krämer, sind Werkezuge, die mit dem, was man mit ihnen bearbeitet, nicht in Verbindung stehen, außer solange man damit etwas bearbeitet. Medien hingegen sind zwar auch Vermittler, aber ohne Sie können wir Botschaften nicht entschlüsseln, da diese jederzeit untrennbar mit dem Medium vereint sind. Botschaften sind in Medien, wohingegen Werkzeuge den Dingen, die man mit ihnen bearbeitet äußerlich sind (vgl. S. 83f.). Damit man den Unterschied zu den Instrumenten (Werkzeugen) auch sprachlich fassbar machen kann, möchte Frau Krämer technische Medien als Apparate bezeichnet wissen.

Lassen wir wieder Frau Krämer zu Wort kommen, die den Unterschied zwischen Technik als Instrument oder Apparat wie folgt zusammenfasst: “Die Technik als Werkzeug erspart Arbeit; die Technik als Apparat aber bringt künstliche Welten hervor, sie eröffnet Erfahrungen und ermöglicht Verfahren, die es ohne Apparaturen nicht etwa abgeschwächt, sondern überhaupt nicht gibt. Nicht Leistungssteigerung, sondern Welterzeugung ist der produktive Sinn von Medientechnologien.” (S. 85)

Was ist ein (technisches) Medium?

Wir können uns an dieser Stelle erneut die Frage stellen, um das bisher geschriebene zusammenzufassen, was ein Medium sei. Ein Medium ist, so Krämer, offenbar nicht in einer Perspektive zu sehen, wie McLuhan sie eingenommen hat(, im Fachjargon wird diese mit dem Attribut anthropomorph bezeichnet). Also nicht als Erweiterung des Körpers und der Sinne. Denn auf diese Weise würde man Medien auf einen Werkzeugcharakter reduzieren. Gleichzeitig übt ein Medium trotzdem einen Einfluss auf die Botschaft aus, in der Art, dass es eine Spur an ihr hinterlässt. Somit greift der Medienbegriff der Systemtheorie nach Luhmann ebenfalls nicht.

Technischen Artefakten ist keineswegs eingeschrieben, dass sie entweder Medium oder Werkzeug sind. Vielmehr sind sie je nach Perspektive mal das eine, mal das andere. Mit dem Computer lassen sich Leistungssteigerungen erzielen, aber er kann genauso gut Welten erzeugen, Botschaften vermitteln, und somit zum Medium werden. Die Perspektive auf den Computer als Medium will ich in der nächsten Ausgabe der Reihe “Sprache in den Neuen Medien” vorstellen. Wir wollen dann mit Hilfe von Ausführungen von Martin Seel die Begriffe Realität und Wirklichkeit weiter spezifizieren, die bereits in dieser Reihe erwähnt wurden.

Sprache in den Neuen Medien (2)

Wir wollen mit der Differenzierung, was ein Medium ist, noch ein bisschen fortfahren.

Lange Zeit galt die Annahme, dass Medien lediglich reine Transportmittel für Informationen seien. Erst mit einer Umwälzung im wissenschaftlichen Feld, die man gemeinhin als linguistische (oder mediale) Wende bezeichnet (engl. linguistic turn), wurde diese Perspektive korrigiert. Heutige Medienwissenschaftler weichen von einem konservativ-technokratischen Medienbild ab und gehen nun dazu über, dem Medium selbst eine Beteiligung an der Bedeutung zuzuschreiben.

Die Krux, wenn Medien funktionieren

Wenn Medien funktionieren, wenn sie wirklich gut funktionieren, dann treten sie hinter die Inhalte zurück, die sie übermitteln helfen. Man spricht davon, dass Medien “der blinde Fleck im Mediengebrauch” seien (vgl. Sybille Krämer 1998). Um dem Bedeutungsanteil auf die Schliche zu kommen, den Medien von sich aus beisteuern, muss man ganz genau hinsehen, oder aber Störungen erzeugen. Denn:

“Wir hören nicht Luftschwingungen, sondern den Klang der Glocke; wir lesen nicht Buchstaben, sondern eine Geschichte; wir tauschen im Gespräch nicht Laute aus, sondern Meinungen und Überzeugungen, und der Kinofilm läßt gewöhnlich die Projektionsfläche vergessen. Medien wirken wie Fensterscheiben: Sie werden ihrer Aufgabe um so besser gerecht, je durchsichtiger sie bleiben, je unauffäliger sie unterhalb der Schwelle unserer Aufmerksamkeit verharren. Nur im Rauschen, das aber ist in der Störung oder gar im Zusammenbrechen ihres reibungslosen Dienstes, bringt das Medium selbst sich in Erinnerung.”
Ebd.

Latent spürbare Veränderungen

Das allerdings ist eine Annahme, die bereits Marshall McLuhan formulierte. Inhalte würden gegenüber der Wesensart von Medien blind machen. Ziel meines Hauptseminars an der Hochschule, folglich auch dieser Beitragsreihe im Blog, war es und wird es sein, folgendes zu zeigen und zu diskutieren: Zum einen, wie es möglich ist, dass Medien latent sinnstiftend agieren. Dabei gilt zu beobachten, wenn sie dies tun, wie sie es bewerkstelligen. Und im Besonderen ging es darum, zu zeigen, ob gerade Neue Medien (Chat, SMS, E-Mail, Foren, Weblogs, Newsgroups, etc.) einen Einfluss auf die Sprache haben. Wir werden noch im Einzelnen Gelegenheit bekommen, zu sehen, wie dies bei den einzelnen Neuen Medien ausschaut. Doch zunächst geht es darum, zu verstehen, warum Medien latent wirken, und es nicht immer leicht ist, an ihnen so etwas wie eine Spur zu erkennen.

Argumente für beide Seiten

Zwei große Medientheorien stehen stellvertretend für die Haltung pro und contra Indifferenz der Medien. Sprich: Haben Medien selbst einen Einfluss auf die Bedeutung, oder haben sie keinen. Einen Fürsprecher für die Position, dass Medien sinnstiftend sind, vor allem in der Art, dass sie ihre Umwelt verändern, finden wir in Herbert Marshall McLuhan (siehe folgende Ausarbeitung von mir). Mit seinem Diktum, das Medium sei die Botschaft, hat McLuhan diesen Gedanken explizit formuliert.

Argumente für die andere Position liefert uns die Systemtheorie, allen voran in Person von Niklas Luhmann. Luhmann unterscheidet seit den 80er Jahren die Begriffe Medium und Form. Diese sind entweder lose oder rigide aneinander gekoppelt, eröffnen jedoch die Perspektive der Bedeutungs-Indifferenz von Medien. Einfach gesprochen, Medien haben nach Luhmann keinen Anteil an der Bedeutung des Inhalts den sie transportieren.

Die Wichtigkeit der Perspektive

“Wo Theorien zu solchen sich ausschließenden Ergebnissen gelangen”, schreibt Sybille Krämer, “liegt die Vermutung nahe, daß hier ein Phänomen nicht einfach widersprüchlich, sondern in völlig verschiedenen Hinsichten beschrieben wird.” (Ebd.)

So eindeutig ist diese Vermutung allerdings nicht, die Frau Krämer äußert, denn immerhin gibt es genügend Anhänger der einen oder anderen Richtung, und das gilt für ganz ganz viele andere Sachverhalte genauso, in denen Experten sich uneins sind. Es ist nicht der Normalfall, dass man versucht, dem Grund für die Unterschiedlichkeit der Aussagen nachzugehen. Dies noch erläutert, führt uns der Gedanke wieder zurück zum Anfang. Im ersten Teil der Reihe habe ich geschrieben, wie wichtig ein Wort, ein Begriff, eine Definition für das (wissenschaftliche) Arbeiten sein kann. Wir wissen nun, dass McLuhans und Luhmanns Ansätze sich zwar gegenläufig anhören, ahnen aber, dass nach Sybille Krämer, sie nur zwei Seiten einer Medaille sind.