Ferdinand de Saussure – Ein Einblick à la Stetter

Dieser Einblick über das Schaffen und Wirken Ferdinand de Saussures (1857-1913) stammt ebenfalls aus dem Aufsatz Strukturale Sprachwissenschaft von C. Stetter, den ich bereits einleitend vorgestellt habe. Stetter hat in dem Abschnitt über Saussure sowohl sprachtheoretische, als auch sprachphilosophische Aspekte angesprochen – beide möchte ich an dieser Stelle referieren. Vorweg ein Hinweis, der im Grunde nichts zur Sache tut, meine Gedanken jedoch vielleicht davon befreit. Stetter thematisierte sehr wohl beide Bereiche, den der Sprachtheorie und den der Sprachphilosophie, in der Einleitung seines Textes, lieferte in meinen Augen aber nicht notwendigerweise einen Hinweis darauf, dass er seine differenzierteren Ausführungen auch auf beide Aspekte hin ausrichten würde.

Zunächst skizziert Stetter das Paradigma der Sprachwissenschaft vor der, wie Stetter angibt, Umwälzung durch Saussure. Und zwar wurden Spracheinheiten und die Bereiche, die allgemeinhin mit Bedeutung zu tun hatten der Psychologie zugerechnet und alle anderen Bereiche, die hingegen mit dem Ausdruck, respektive in diesem Fall mit lautlichen Aspekten zu tun hatten galten als Objekt der Sprachwissenschaft (vgl. S. 422). 1879 schließlich, wurde

“Saussures Mémoire sur le système primitif des voyelles dans les langues indo-européenes” (ebd.)

publiziert und hilft vor allem mittels zweier Sachverhalte, das alte Paradigma aufzulösen. Zum einen beweist Saussure,

“daß der europäische Vokalismus a – e – i – o -u älter sein mußte als der […] des Sanskrit […] und zweitens rehabilitiert er [Saussure] in diesem Zusammenhang die Morphologie und damit die Grammatik als Grunddisziplin der Linguistik” (ebd.).

Die bislang referierten Aspekte tendieren eher zu den sprachphilosophischen Einsichten, die mit dem Verständnis dessen umzugehen suchen, was Sprache ist. Stetter fährt nun fort, indem er das zweite zentrale Werk Saussures aufführt, den Cours de linguistique générale, und den Leser dezent darauf hinweist, dass diese Ausarbeitung nicht von Saussure selbst ediert wurde, sondern das

“Resultat der Bearbeitung von Mitschriften dreier Vorlesungen” (S. 424)

Saussures ist und überdies die geleistete

“konzeptionelle Arbeit der Herausgeber, A. Sechehaye und Ch. Bally, die diese Vorlesungen im übrigen selbst nicht gehört hatten” (ebd.).

Sodann fährt Stetter mit einer Gegenstandsbestimmung der Sprachwissenschaft nach Saussure fort. Er nennt hierzu zwei Aspekte:

“(I) Alle Sprachen sind dem Prinzip kontinuierlicher Transformation in Raum und Zeit unterworfen” und “(2) Sprache kann in keinem ihrer Aspekte als Naturphänomen begriffen werden, denn es gibt keinen anderen Zugang zu sprachlichen Einheiten als über die Bedeutung” (S. 425).

Im Resultat bedeutet dies, dass die herkömmliche Morphologie eher durch eine Theorie der Zeichen ersetzt werden müsste, um einer Sprachwissenschaft nach Saussure zu entsprechen (vgl. ebd.). Ich greife an dieser Stelle vorweg, wenn ich sprachliche Zuordnung als arbiträr bezeichne, um zu erläutern, was der zweite Aspekt der erörterten Gegenstandsbestimmung meiner Meinung nach nicht hinreichend genug deutlich macht, Stetter jedoch im Anschluss konstatiert – nämlich, dass die arbiträre Zuordnung schlussendlich zu einer Situation führt, die in der Wissenschaft, die doch daran interessiert ist,

“ihr jeweiliges Objekt sprache X als ein überschaubares Gebilde von endlichen oder doch wenigstens diskreten Elementen mit wohldefinierten Eigenschaften zu konstruieren” (ebd.),

genau Gegenteiliges, nämlich Unüberschaubarkeit, produziert. Stetter weist nun vor der eigentlichen Erörterung der Grundgedanken einer Theorie des sprachlichen Zeichens noch darauf hin, dass die von Saussure derart konzipierte Sprachwissenschaft in dichotome Begriffspaare zerfällt (vgl. S. 426).

“Was in der einen Perspektive Ausdruck ist, ist in der anderen mit nicht weniger Recht Bedeutung, was Zustand scheint, scheint in der anderen mit nicht weniger Recht Bewegung, der Diachronie steht die Synchronie entgegen usw.” (ebd.).

Dieser Aspekt jedoch – und wieder greife ich vorweg – erscheint mir persönlich nicht zu schwerwiegend, da doch Saussure seine theoretischen Aussagen mehr oder weniger relational begründet, ähnlich wie z. B. Pierre Bourdieu diest tut. Ich verweise deshalb nicht auf Humboldt oder Wittgenstein, wie Stetter dies manchmal tut, weil ich mich mit den Arbeiten beider Personen nicht auskenne. Da der Leser jetzt aber 3 Namen kennt, wir er vielleicht noch mehr vergleichende Möglichkeiten haben. 🙂 Kommen wir nun aber zu den

“Grundlinien einer Theorie des sprachlichen Zeichens” (ebd.).

Stetter präsentiert in diesem Abschnitt drei Kriterien oder Elemente einer Theorie des sprachlichen Zeichens nach Saussure und zwar a) Differenz, b) Analogie und c) Arbitrarität. Wir werden im Folgenden auf die einzelnen Begriffe näher eingehen.

Kommen wir zum Begriff der Differenz. Wie die anderen beiden Begriffe auch, verweist er ein wenig auf das Konzept relationalen Denkens, denn:

“Was immer ein Wort in welchem Sinn auch immer bedeuten mag, es kann dies nur im Kontext von anderen Wörtern und gegen andere, die an seiner Stelle im betreffenden Kontext eben nicht gewählt wurden” (ebd.).

Bedeutung entsteht so als logisches Produkt

“der Differenzen, die seine Identität [,die des sprachlichen Zeichens,] in Opposition zu allen anderen derselben Sprache fixieren” (ebd.).

Der Begriff der Analogie trägt den relationalen Charakter noch viel mehr zur Schau. An dieser Stelle sei der Analogiebegriff Saussures mit einer praxisnahen Beschreibung seiner Funktionsweise erläutert:

“Bezeichnungsweisen werden in Analogie zu anderen gefunden, neue Formen für veraltete analogisch gebildet usf.” (S. 427).

Das Prinzip der Analogie gilt dabei für alle Elemente einer Sprache (vgl. ebd.). Stetter liefert dem Leser zudem eine allgemeine Beschreibung des Analogieprinzips aufgrund von aristotelischen Prinzipien der Rhetorik. Denn

“Analogie ist […] ein Schluß von einem einzelnen auf ein einzelnes aufgrund einer Ähnlichkeitsrelation” (ebd.).

Ein weiteres Element – hier das letzte präsentierte Element – der saussurschen Theorie des sprachlichen Zeichens ist die Arbitrarität. Ein synonymer Begriff für Arbitrarität ist Willkürlichkeit, und genau um die willkürliche Zuordnung des sprachlichen Zeichens (signe linguistique) geht es.

“Das Band, das ein gegebenes Lautbild (image acoustique) mit einem bestimmten Begriff (concept) verbindet und ihm seinen Zeichenwert (valeur de signe) zumißt, ist ein radikal willkürliches Band” (S. 428).

So viel zu den drei evidentesten Elementen der saussurschen Theorie des sprachlichen Zeichens. Stetter führt dann noch einen weiteren Punkt aus, nämlich

“[d]as Problem der Identität sprachlicher Zeichen” (S. 429)

und gibt damit dem Leser zunächst einmal ein Rätsel auf, was sich vielleicht bei der Lektüre des dann folgenden Abschnitts – wenngleich nicht für jedermann und für andere nicht immer unmittelbar – selbst zu lösen vermag. Um diesen Abschnitt gewinnbringend in den Diskurs einordnen zu können, muss man sich zunächst wieder an den Beginn der stetterschen Beschreibung begeben. Dort haben wir nämlich etwas über das bestehende Paradigma der Sprachwissenschaft erfahren. Bedeutung war als zu problematisierendes Themengebiet der Psychologie zugeordnet und aus der Sprachwissenschaft ausgegliedert. Saussure holt die Bedeutung jedoch mit ins Bott der sprachwissenschaftlichen Untersuchungsobjekte und unternimmt dann noch einen Kunstgriff, der es den Sprachwissenschaftler fortan erlaubt, die Identität sprachlicher Zeichen zu untersuchen. Er löst das sprachliche Objekt “von seiner schriftlichen Fixierung” ab und legt auf diese Weise “das Problem seiner Identität als ein von der Linguistik kategorial zu beantwortendes allererst” frei (vgl. ebd.). Was aber hat Saussure dafür tun müssen? Er löst in einem ersten Schritt das Sprachsystem (langue) von der Schrift (écriture) und setzt ihm sodann die

“komplementäre Ebene des sprachlichen Vollzugs [(parole)] zur Seite” (ebd.).

Gewissermaßen als Fazit seiner Ausarbeitungen über Saussure formuliert Stetter in diesem Aufsatz,

“daß jeder sprachliche Wert eine im Gebrauch austarierte, intersubjektiv akzeptierte Größe ist. Per se ist die sprachliche Einheit sozial konstituiert” (S. 430).

Ich möchte meine Ausführungen damit an dieser Stelle ebenfalls enden lassen.

Stetter, Christian, 1996: Strukturale Sprachwissenschaft: (20. Jahrhundert). S. 421-445 in: Borsche, Tilman (Hrsg.): Klassiker der Sprachphilosophie: von Platon bis Noam Chomsky. München: Beck

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