Roman Jakobson à la Stetter

Nun habe ich bereits die Einleitung und den Abschnitt über Ferdinand de Saussure aus dem Aufsatz Strukturale Sprachwissenschaft von C. Stetter referiert und fahre mit dem nächsten Abschnitt über Roman Jakobson (1896-1982) fort.

Zunächst muss ich meine Aussagen von zuvor korrigieren, denn Stetter nimmt in diesem Abschnitt durchaus Bezug auf einige zentrale Gedanken Saussures, wenn auch nur am Rand. Der Abschnitt über Jakobson entspricht quantitativ – in Seiten gerechnet – nur ungefähr der Hälfte des Abschnitts über Saussure und dennoch, gerade der zweite Gliederungspunkt an dieser Stelle beinhaltet unheimlich viele Informationen, die mitunter Schritt für Schritt abgearbeitet und nachvollzogen werden müssten. Ich benutze den Konjunktiv deshalb, weil ich mir zum jetzigen Zeitpunkt des Niederschreibens noch nicht darüber im Klaren bin, ob oder ob ich nicht näher auf jede Einzelheit eingehen soll. Zudem werde ich diesen Abschnitt des Textes vorläufig ans Ende meiner Beschreibung stellen und damit die stettersche Ordnung ein wenig durcheinander bringen. Mir erscheint es jedoch sinnvoll, zunächst alle anderen Teilabschnitte zu besprechen, bevor ich zu den zentralen Annahmen des Aufbaus des Lautsystems von Sprachen komme.

Die hier gemachten Aussagen beziehen sich samt und sonders auf das von Jakobson 1944 in deutscher Sprache veröffentliche Werk Kindersprache, Aphasie und allgemeine Lautgesetze. Jakobson beobachtet und analysiert jeweils den Prozess des ontegenetischen Spracherwerbs so wie des Sprachverlustes im hohen Alter und versucht aufgrund seiner Beobachtungen allgemeine Lautgesetze zu formulieren. Im Abschnitt 3, den Stetter Laut, Zeichen und Bedeutung überschreibt weist er zunächst darauf hin, dass die von Jakobson eingenommene Perspektive auf den ersten Blick den Annahmen Saussures zuwiderlaufen würde. Denn Saussure hatte

“Phonologie ja […] aus der Domäne der Linguistik im engeren Sinn ausgeschlossen, weil diese eben nur mit signifikativen Einheiten zu tun haben” (S. 433).

Nachdem wir jetzt den Rahmen abgesteckt haben, rekurrieren wir wieder auf den

“Aufbau des Lautsystems von Sprachen” (S. 432),

wie ihn sich Jakobson gedacht hat. Stetter führt hierfür insgesamt 7 Annahmen an, von denen die letzte, die siebte Annahme eher als zusammenfassende Hierarchierung der vorher erwähnten Aspekte angesehen werden kann. Doch zunächst Schritt für Schritt: die erste uns präsentierte Annahme (I) bringt keinerlei Schwierigkeiten mit sich, denn sie besagt lediglich, dass dem kindlichen Spracherwerb eine Lallphase voraus geht und gleichzeitig der Beginn des Spracherwerbs mit dem Aussetzen der Lallphase markiert wird (vgl. ebd.). Anhand seiner Untersuchungen konnte Jakobson weiterhin festhalten, dass (II), die Prozesse des Lauterwebs überall gleich – im Sinne der relativen Zeitfolge – ablaufen. Es bildet sich zunächst ein Minimalkonsonantismus (/p/ – /m/ – /t/) aus, gefolgt von einem Minimalvokalismus (/a/ – /i/ – /u/). Ein jedes dieser Phoneme, z. B. /p/, kann als Bündel distinkter Merkmale angesehen werden. Diese distinktiven Merkmale stammen aus dem Bereich der Phonologie, so z. B. oral/nasal od. labial/dental.

Stetter schreibt dazu weiter:

“Der Begriff des Phonems ist also dem des distinktiven Merkmals übergeordnet – die erste Hierarchie, nach deren Muster das gesamte Sprachsystem als hierarchische Ordnung sich überlagernder Schichten von zunehmender Komplexität und Differenziertheit gedacht wird” (ebd.).

Die (III) Anname lautet wie folgt:

“Die zeitliche Reihenfolge der sprachlichen Erwerbungen entspricht allgemeinen Gesetzen einseitiger Fundierung” (ebd.).

Was dies bedeutet folgt direkt im Anschluss, als es heißt:

“[s]o setzt die Ausbildung von Engelauten […] die von Verschlußlauten […] voraus” (ebd.).

Es sei mir verziehen, wenn ich an dieser Stelle ebensoviel zitiere, wie bei Austin, doch gerade dort, wo viele Fakten präsentiert werden, bleibt einem nicht viel anderes übrig – Fakten umzuschreiben, würde ihren Gehalt verändern. Annahme (IV) spricht von der Stufenfolge (gemeint ist offensichtlich nur das fortschreitend komplexer werdende Hierarchisierungsprinzip, dass unter VII noch erwähnt werden wird). Diese Stufenfolge

“gehorcht dem Grundsatz des maximalen Kontrastes und schreitet vom Einfachen zum Differenzierten vor” (ebd.).

Unter Annahme (V) heißt es dann, dass so genannte syntagmatische Relationen der Bildung entsprechender paradigmatischer Relationen voraus gehen (vgl. ebd.). Aber, was genau ist damit gemeint? Zunächst einmal ist hier die Rede von Relationen, also Verbindungen. Gemein ist in diesem Fall die Verbindung von Phonemen. Unter einer syntagmatischen Relation versteht man die bloß Anordnung von Phonemen nebeneinander. In diesem Stadium ist es dann noch möglich, salopp formuliert, Nonsens zu brabbeln. Dies ist möglich, da das Baby beim Spracherwerb die Unterscheidung, welche Phoneme wo stehen können und neben welchen anderen Phonemen dies geschehen kann, noch nicht vollzogen hat. Es ist dies die Beschreibung dessen, was man somit unter paradigmatischer Relation zu verstehen hat. Die Annahme (VI) bezieht sich auf die Ökonomie des Lautsystems und konstatiert, dass jene Ökonomie

“auf zwei irreduziblen Oppositionen von Lautqualitäten [beruht], ersten der Opposition farbig:farblos, zweitens der von hell:dunkel” (ebd.).

Auf eine differenziertere Erläuterung wird hier jedoch verzichtet, diese findet sich jedoch bei Stetter an der etwaigen Stelle (vgl. S. 433). Wie bereits zuvor erwähnt folgt jetzt unter der Annahme (VII) die

“Hierarchie sprachlicher Erwerbungen (ebd.):

  1. Distinktive Merkmale
  2. Das Phonem als Bündel distinktiver Merkmal
  3. Das Phonem als Wort bzw. Äußerung
  4. Differenzierung von Vokalen, Auseinandertreten von Phonem und Wort
  5. Differenzierung von distinktiven Merkmalen im Phonem, von Phonemen im Wort: die allmähliche Reduktion homonymer Wörter und entsprechend der Aufbau der Syntax” (ebd.).

Stetter, Christian, 1996: Strukturale Sprachwissenschaft: (20. Jahrhundert). S. 421-445 in: Borsche, Tilman (Hrsg.): Klassiker der Sprachphilosophie: von Platon bis Noam Chomsky. München: Beck

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