Noam Chomsky und ein Ende

In der Tat schließt die nun folgende Erörterung den Aufsatz von C. Stetter : Strukturale Sprachwissenschaft ab. Nun seien an dieser Stelle noch einmal kurz alle bisher referierten Teile aufgeführt, angefangen bei der Einleitung über die Auseinandersetzung mit Saussure, bis hin zu Roman Jakobsons näherungsweiser Erklärung-Wie über das Lautsystem der Sprache. Es folgt jetzt eine eher übersichtliche und knappe Zusammenfassung dessen, was Stetter über Chomsky schreibt, gleichsam deshalb, weil wir von Chomsky noch hören werden, wenn es um Syntaxmodelle und die Transformationsgrammatik geht.

Stetter selbst fasst du Fakten des theoretischen Konstrukts der Transformationsgrammatik selbst äußerst kurz und refereriert stattdessen viel häufiger und viel grundlegender über das Verhältnis der theoretischen Ansichten Chomskys zu den bisher referierten Autoren. Stetter hatte es in seiner Einleitung zu diesem Aufsatz ja bereits vorweg genommen, dass Chomsky bisweilen mit seinen Arbeiten eher eine Grenze des Bereichs der strukturalen Sprachwissenschaft kennzeichnet, als wirklich zu diesem dazu zu gehören. So verwundert es dann auch nicht, wenn Stetter uns in diesem Abschnitt über Chomsky fast ohne Unterlass darauf hinweist, wo Chomskys Theorie an die Grenzen des paradigmatischen und strukturalen Sprachwissenschaftsverständnisses stößt. Er möchte diesen deshalb

“lediglich als negative[n] Grenzfall strukturalen Sprachdenkens” (S. 437)

skizzieren. Chomskys Verständnis ist insgesamt sogar einen leichten Wandel unterlaufen, an dessen Telos jedoch das Credo der Transformation als status quo unterstellt wird und auf diese Weise eine auf gewisse Weise universale und autarke Grammatik (den Kern) von der Peripherie abspaltet. Die Peripherie war einst zu Beginn, in den Aspects of the Theory of Syntax (1965) derjenige Teil, der sich – wenn auch am Rande – mit der Bedeutung beschäftigte. Allerdings wurde bereits an dieser Stelle die Perspektive total umgekrempelt und Bedeutung eher als ein Stoff betrachtet, der noch irgendwie zu den und durch die, in den Strukturebenen der Grammatik erzeugten, Ketten von Elementen überhaupt konstituiert wurde. Die Ebene der Bedeutung entsteht keineswegs zufällig sondern ist begründet auf den Resultaten der mannigfaltigen Transformationsprozesse. Diese wiederum werden zunächst so abstrakt wie möglich gehalten und es wird versucht – gewissermaßen rekursiv -, wie es Stetter nennt, eine Erklärung-Warum zu liefern. Die Prinzipien der Differenz, der Analogie und der Arbitrarität spielen kaum mehr eine Rolle und wenn überhaupt, dann nur noch eine untergeordnete, die meist allerdings eher wie die Jungfrau zum Kinde kommt, nämlich ungeplant und von Außen an sie heran getragen. Stetter ist in diesem Fall derjenige, der mit seinen analytischen Fähigkeiten und seinem guten Willen nach diesen Reibungspunkten sucht und manchmal auch fündig wird.

Stetter möchte uns in diesem Abschnitt auch klar machen, dass den vorhergehenden Theorien und der hier bei Chomsky angewendeten ein kategorialer Unterschied im Verständnis von Sprache vorliegt.

“Die für Saussure leitende Grundvorstellung, daß das Sein der Sprache in der kontinuierlichen Fluktuanz sich transformierender Erscheinungsweisen liegt, die wir zusammenfassend Sprachen nennen, ist damit a priori aufgegeben zugunsten einer Entscheidung, die Sprache in einer kontingenten Summer isolierter Fakten aufzusuchen” (S. 440).

Die Kategorien Chomskys und Saussures vergleichend schreibt Stetter:

“Der generative Linguist ist per se nicht interessiert am signifié und dessen Funktionen […] sondern ausschließlich an bestimmten formalen Eigenschaften des signifiant” (S. 441).

Insofern der signifiant noch eine Rolle spielt, ist auch die Verbindung zum Prinzip der Arbitrarität noch gegeben – denkt man zumindest. Doch dieser stellt in Chosmkys Theorie so etwas wie eine

“Folge von Geräuschen” (ebd.)

dar, die nur als Produkt aus den Tiefen- und Oberflächenstrukturprozessen angesehen wird und damit einen normativen Charakter erhält. Und auch dieser Ausdruck ist noch zu vage.

“Für Sprache soll […] noch immer das Arbitraritätsprinzip gelten, für die Formen der Universalgrammatik hingegen kann dies per definitionem nicht mehr gelten, denn diese sind, was und wie sie sind, von Natur aus” (S. 442).

Darüber hinaus dient die Abspaltung des signifiant vom signifié einem völlig anderen Zweck als dies im strukturalen Verständnis der Fall ist.

“Sie dient dazu, zum Eigentlichen selbst zu gelangen, dem Kern” (ebd.).

Es macht in meinen Augen nicht viel sind, die sprachphilosophischen Überlegungen, die Stetter an dieser Stelle noch weiter ausführt, weiter zu referieren. Vielmehr möchte ich mit einem Satz enden, der nach Stetter die Funktion eines generativen Grammatikers beschreibt. Denn dieser

“zielt prinzipiell nicht mehr auf Vollständigkeit seiner Beschreibung, d. h. auf die Darstellung des Sprachsystems der betreffenden Sprache” (S. 444)

und insofern unterscheidet sie sich auch von den bisher referierten Darstellungen über strukturale Sprachwissenschaft.

Stetter, Christian, 1996: Strukturale Sprachwissen- schaft: (20. Jahrhundert). S. 421-445 in: Borsche, Tilman (Hrsg.): Klassiker der Sprachphilosophie: von Platon bis Noam Chomsky. München: Beck

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