Schuster bleib bei deinen Leisten!

Ein Chor von 40.000 Fußballfans hätte diesem belämmerten Schuster Einhalt gebieten sollen, hätte Heinrich von Kleist (geb. 18.10.1777, gest. 21.11.1811) ihn in seine Geschichte “Das Erdbeben in Chili” imaginiert und einem sehr unrühmlichen Vertreter der Spezies Mensch, dem Schuster Meister Pedrillo, vielleicht Einhalt geboten. Doch Fußball ward noch nicht erfunden und Kleist offensichtlich kein großer Sportsfreund. Dies ist bislang die zweite Geschichte, die ich von Kleist gelesen habe, und die vorhandene Metaphorik und sprachliche Bebilderung bei Kleist hat sich bislang vorwiegend auf die Natur- und Tierwelt, sowie die Religion bezogen. Ich kann nicht behaupten, ich hätte sie lesen müssen, bin aber froh, dass der Lektürekanon, den ich für die Zwischenprüfung lesen soll, mit einer Fülle von interessanten Geschichten aufwartet.

Vom Schuster Pedrillo ist leider zu berichten, dass dieser dem Hauptmann Don Fernando von zwei Kindern, die der Gute auf dem Arm trägt, er ihm just seinen eigenen Säugling vom Arme reißt und am Beinchen wie eine Keule schwingt und gegen die Wand einer Kirche prallen lässt. Barbarisch und brutal wirkt diese Szene in der die vorher angedeutete und aufgezeigte menschliche Errettung durch die Natur von Menschenhand wieder zerstört werden musste. 1647 soll sich in der Hafenstadt St. Jago de Chile ein Erdbeben ereignet haben. Der Leser wird in einer besonders knappen Exposition darauf hingewiesen. Diese wird auf etwas mehr als den ersten 1 1/2 Seiten meiner Reclam-Ausgabe abgehandelt.

Wir erfahren von einem jungen Paar, dass wider die widrigen Umstände und Normen der Zeit handelte und dafür bitterlich bestraft werden sollte. Jeronimo Rugera war als Lehrer im Hause Asteron angestellt und zwischen ihm und der Tochter des Hausherrn, Donna Josephe, entwickelte sich ein “zärtliche[s] Einverständnis” (S. 49). Die Liebe der beiden Liebenden ward jedoch nicht gewollt. Donna Josephe verbannte man ins Kloster, nachdem ein zuerst ausgesprochenes Verbot, sie nicht davon abhielt den Geliebten zu treffen. Jeronimo hingegen kam dann sogar ins Gefängnis, allerdings erst, als er Donna Josephe ebenfalls im Kloster zu besuchen nicht umhin konnte und diese von ihm schwanger wurde. Die Tochter des Hauses Asteron wurde für diesen Frevel, als Anghörige einer Abtei schwanger zu werden, zum Tode verurteilt und erst in der dunkelsten Stunde, als Donna Josephe erhängt werden sollte, und als sich ihr geliebte Jeronimo ebenfalls mit einem Strick aus dem Leben treten wollte, intervenierte die Natur über dies, von Menschenhand erstreckte Schicksal, ein Erdbeben suchte die Stadt heim. Jeronimo kam frei und auch Josephe gelang es, ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Seine wir ehrlich, an dieser Stelle hätte die Geschichte ein Happyend haben können. Doch alles kam ganz anders. Warum und wieso, das möchte ich an dieser Stelle nicht ausbreiten, weil der eine oder andere vielleicht die Erzählung Kleists gerne selbst lesen wollen wird.

Kleist, Heinrich von: Das Erdbeben in Chili. S. 49-66, in: Ders., Die Marquise von O... - Das Erdbeben in Chili. Erzählungen. Stuttgart: Reclam, 1984.

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