Psychoanalytisch positiv!

Jeder, der durch das Leben geht, weiß im Grunde nicht, was er davon hat. Denn es heißt, sobald man etwas mehr wüsste, wüsste man erst wie wenig man weiß. Es gibt auf dieser Welt etliche verborgene Schätze, die vielleicht nur gehoben zu werden bräuchten, und dies auf einer ganz abstrakten Ebene, die es für diesen Fall zu denken gilt.

Ich habe die Möglichkeit gehabt, das psychoanalytische Begriffsinventar ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen, und wie schön wäre es, wenn doch ein jeder die Möglichkeit hätte, sich diesbezüglich ein Bild zu verschaffen. Doch, worüber schreibe ich, habe ich vor in den nächsten Minuten zu schreiben?! Dark Water heißt ein Film, der derzeit in den Kinos läuft und den ich vor kurzem gesehen habe. Allerdings habe ich den Film höchstwahrscheinlich in einer Weise interpretiert,…

… wie ihn nur einige wenige zu interpretieren vermögen, geschweige denn, dass alle, die es könnten, diesen Film derart aufgefasst hätten. Dark Water ist laut Genrebezeichnung ein Horrorfilm. Die Bezeichnung trifft in dem Fall meiner Interpretation aus einer ganz anderen Perspektive dennoch voll ins Schwarze. Der Film spielt ein wenig mit unseren Ängsten, vor allem jedoch stellt er diese dar und gibt die Geschichte einer klassischen Neurosepatientin wieder. Dass in diesem Fall eine weibliche Vertreterin unserer Spezies einen derart pathologischen Befund gestellt bekommt, soll der Gleichberechtigung halber sofort relativiert werden. Es ist mitnichten so, dass wir uns – jeder Einzelne, um genau zu sein – von neurotischen Verhaltensweisen freisprechen könnten. Dank Freud und anderen wissen wir heute, dass es eher normal ist, eine Handlung als Komplex zu bezeichnen.

Dennoch, so merkt der aufmerksame Leser, habe ich die Bezeichnung neurotisch gewählt, da es sich hier um eine sehr ausgeprägte, eben krankhafte (pathologische) Ausbildung eines Komplexes – eine Neurose handelt. Die Geschichte ist kurz erzählt: Eine neurotische Frau und Mutter lebt in Scheidung, möchte mit ihrer Tochter in eine andere Stadt ziehen und ein gesichertes Leben jenseits ihres alten Umfelds beginnen. Doch leider ist diese Flucht nach vorne nicht wirklich von Erfolg gekrönt. In der Psychoanalyse spricht man von Verdrängung, respektive Verdrängungshandlungen. Eine Verdrängung ist immer auch ein Kompromiss, bzw. eine Kompromisshandlung, da ansonsten eine unüberbrückbare Situation vorherrschen würde, die sich in Hysterie oder anderweitigen anormalen Zuständen äußern würde. Diese nun alleinerziehende Mutter ist deswegen als neurotisch zu bezeichnen, weil sie ein Problem mit ihrer eigenen Mutter hat, ein unausgewogenes Verhältnis im ödipalen Dreieck von Vater, Mutter und Kind. Wir erfahren davon, über das Medium des Traums. Wir nehmen Teil an den Albträumen der Protagonistin, in der immer wieder anormale Beziehungssituationen zwischen Mutter und Tochter dargestellt werden.

Ich schrieb vorhin von Kompromisshandlungen… nun verhält es sich so, dass Neurotiker sich eine Art Ablassventil suchen, mittels dessen sie ihrer Neurose Luft machen. Dies kann in etwas sehr alltäglichem ausarten, wie z. B. dem übertriebenen Kontrollieren einer abgeschlossenen Tür, oder ähnlichem. Solange der Neurotiker sein Kompromisshandlungen in einem Umfeld an den Tag legt, in dem diese nicht anecken oder über Gebühr auffallen, könnte dieser sogar seinen Lebtag lang ungestört bleiben, nicht auffallen und (glücklich?!) bis an das Ende seiner Tage vegetieren. Ebenso verhält es sich in Dark Water, denn unsere alleinerziehende Mutter eckt immer wieder an, sie ist psychisch zudem labil und hat leider Gottes das Problem, dass ihre Kompromisshandlung (in diesem Fall eine gute, eine bessere Mutter sein zu wollen, als es die eigene gewesen ist) mit ihrem eigenen triebhaften Verhalten (in diesem Fall das Hasspotenzial im Verhältnis zwischen Mutter und Tochter) konfligiert. Eine solche Situation geht immer so lange gut bis sich ein Ungleichgewicht einstellt. Was passiert nun aber in dem Film? Die Mutter wird zusehends von ihrem Ex-Mann genötigt, sie wird als psychisch labil stigmatisiert, als lebensunfähig, der Mann möchte ihr die Sorgfaltspflicht entziehen. Kleinigkeiten, die sich dann ergeben, wie eine zunächst unzufriedene Tochter, komische Leute in einer neuen Umgebung, die Enttäuschung über sich selbst, seiner eigenen Tochter nicht geglaubt zu haben, undichte Wasserrohre, komische Geräusche, Stress (mit dem Ex-Mann und seinen Anwälten) – all das führt dazu, dass sich die negativen Faktoren ungleichmäßig potenzieren.
Im Medium des Films lässt sich dies sehr verschwommen und ohne Unterbrechung ausleben und darstellen. Anders vielleicht in einem Roman, wie E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann, in dem der Leser merkt, wann immer ein Übergang vom Traum in die Realität stattfindet, wenngleich die Protagonisten dies nicht immer selbst merken. Dies ist in Dark Water genauso. Die Mutter vermag nicht mehr zwischen Traum und Realität zu unterscheiden und der Zuschauer vermag dies ebensowenig, weil die Träume ebenfalls dermaßen real inszeniert sind, wie der Rest der Geschichte. Erst wenn man eine psychoanalytische Folie, ein derartiges analytisches Raster zugrunde legt, fallen einem spontan einige Dinge ein, die dann zunehmend Sinn ergeben. Ich bin mit dem Fortschreiten des Films mehr und mehr zu dem Urteil gekommen, dass hier eine Neurose sehr vorbildlich wiedergegeben wurde, und habe, in der Rückschau erkannt, dass ich bereits in etlichen Filme zuvor die Darstellung von neurotischen Personen miterlebt habe – nur damals war ich mir nicht darüber im Klaren gewesen.

Ist es deshalb jetzt etwas Besonderes? Nun, ich persönlich finde, dass dieser Film, wenn man ihn derart betrachten kann, einem noch zusätzlich zu horror and suspense etwas bietet, bieten kann. Ob dies jetzt eine Filmempfehlung war, die ich hier ausgesprochen habe? Ich weiß es nicht.

Eines sei noch erwähnt. Ich habe die Suizidhandlung gegen Ende des Films als etwas Heroisches empfunden, dass mich gleichsam zum Weinen bewegte. Erst kürzlich hat mich jemand darauf angesprochen, dass es keine Helden mehr gäbe. Ich finde, dadurch, dass diese Frau, diese alleinerziehende, neurotische Mutter den inneren Konflikt derart ausgefochten hat, dass sie am Ende die Sicherheit ihres Kindes gewährleisten konnte, und eben nicht, wie es normalerweise bei neurotischen Patienten üblich wäre, sich der inneren Triebkraft hinzugeben – in diesem Fall hätte dies den Tot der kleinen Mädchens nach sich gezogen.

2 Comments

  1. Es gibt aber in der Realität genügend Leute, die ebenso handeln. Bei den wenigstens Neurosepatienten geht es in Stadien akuter Gefährdung am Ende derart aus, dass sie andere vor sich selbst schützen (wollen) können.

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