Angst und Paradoxie…

…sind im ersten Akt von Martin Walsers Der Schwarze Schwan als Paar zur Schau gestellt. Das Stück selbst nimmt den Fehdehandschuh auf und versucht eine von vielen möglichen Strategien zur Bewältigung einer NS-Vergangenheit. Der Schwarze Schwan im Titel deutet es bereits an und wird sodann in der Geschichte ad absurdum geführt, dass es um Reue und Sühne für die Judenverbrennung gehen soll.

Ein Rudolph, der Sohn seines Vaters, ebenfalls ein Rudolph mit Vornamen, findet einen Brief, der ihn erschrecken lässt, so schaut es zumindest noch danach aus. Wie weit bewegt den jungen Mann dieser Brief? Er lässt ihn das gerade bestandene Abitur bei der Ausgabe verweigern und er lässt ihn seine geplante Verlobung ablehnen. Der junge Rudolph fühlt sich schuldig, oder spielt, dass er sich schuldig fühlt. Der Vater, nicht nur seiner, stellvertretend noch ein anderer, Liberé, Professor, Nervenarzt, beide leugnen ihre NS-Vergangenheit und haben eine Trutzburg vor sich aufgebaut, eine Vergangenheit erfunden, ihren damals noch so kleinen Kindern ein Lebtag lang glaubhaft gemacht, so dass… Ja, so dass eigentlich nichts passieren müsste, dass den ganzen Laden auseinander fliegen lässt, dass die Fassade bröckeln und die Lügen auffliegen lassen könnte. Doch der junge Rudi findet diesen Brief und nimmt ihn an, gibt sich selbst die Schuld an der Judenverbrennung, obgleich er es nicht war. Sein Vater und Prof. Liberé, der seinerseits eine leibliche Tochter hat, und ein Adoptivkind (schwachsinnig, über 30, dass sich in NS-Jungmädel-Uniformen packt), aber allen eine Geschichte von Indien vorgegaukelt hat. Bis, ja bis Rudi von Rudolph in die Anstalt von Prof. Liberé eingeliefert werden sollte und es nicht mehr aushällt, dem Paradoxon einfach keine Gewalt mehr anzutun. Er will sich stellen, dem Rudi… weil er Angst gekriegt hat? Nein, bestimmt nicht, weil er die ganze Zeit über schon ein Leben führte, dass ihn geißelte. Die genauen Verstrickungen werden (noch) nicht berichtet, und ob und wer überhaupt die Schuld trägt, diese Frage wird (vielleicht) hinausgezögert. So dass ich den Leser an dieser Stelle auf den zweiten Akt verweisen möchte und ihn mit der angstvollen Paradoxie oder der paradoxen Angst, wie sie bisher im Stücke kolportiert wurde, alleine lasse.

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