Habitus zwischen Struktur und Praxis

Pierre Bourdieus Konzept des Habitus half dem 2002 verblichenen französischen Soziologen “die Konstitution und Reproduktion sozialen Lebens zu verstehen” (S. 163). Der Habitus gilt als Bindeglied zwischen der objektiven Struktur und der subjektiven Praxis und sollte, in den Augen Bourdieus, die blinde Dichotomie von Subjekt- und Objektzentriertheit als Wahlmöglichkeiten von wissenschaftlichen Paradigmen überwinden helfen. Es gilt die Formel: Struktur-Habitus-Praxis unter der Vorausseetzung der “Universalität von Status- und Klassenkämpfen” (ebd.). Soll heißen, die Kämpfe die ausgetragen werden, gehorchen alle denselben Prinzipien. Kein Kunstgriff, aber ein Hilfsmittel, das diese Universalität sichert, ist die Ökonomie der Praxis, das Annehmen von unterschiedlichen Kapitalsorten, die in den verschiedenartigsten Kämpfen dazu führen, dass dennoch dieselben Mechanismen wirken, jene die auf den Prinzipien des Kapitals fußen. Wie aber reproduziert sich das soziale Leben mithilfe der angegeben Formel?

Vereinfacht ist der Reproduktionsprozeß so vorzustellen, daß eine Struktur (Verwandschaft oder Klasse) bestimmte Dispositionen (bei Individuen oder Gruppen) ausprägt, die zu praktischen Handlungen und einer strategischen Praxis führen, so daß die ursprüngliche Struktur wiederhergestellt und der Zirkel geschlossen wird. Die Vermittlung zwischen Struktur und Praxis leistet der Habitus. Er ist definiert als ein System von Dispositionen, die als Denk-, Wahrnehmungs und Beurteilungsschemata im Alltagsleben fungieren und deren Prinzipien sozialer Klassifikation als Klassenethos zum Ausdruck kommen (ebd.).

Bourdieu empfindet den Habitus auf der einen Seite als etwas, das selbst von den objektiven Strukturen strukturiert ist, auf der anderen Seite jedoch strukturierend wirkt, zu dem Zeitpunkt, da es sich in Praxis ausdrückt. Angeführt wird eine erweiterte Beschreibung von Beate Krais (vgl. S. 164), auf die jedoch nicht eingegangen wird.

Die genannte Formel gilt bei Bourdieu als universales Prinzip für die Beschreibung aller Gesellschaftsformen, wird jedoch zur Beschreibung moderner Gesellschaftsformen notwendigerweise angepasst. Heutige Gesellschaften sind nämlich anders gegliedert. Die Differenzierung erfolgt nicht mehr entlang einer Linie der Abstammung, des Alters und Geschlechts, sondern nach Bildung, Beruf und Einkommen (vgl. ebd.). Denkbar sind überdies noch viele weitere Kategorien der Differenzierung.

Gegen Ende seines ersten Abschnitts (Struktur, Habitus und Praxis) im zweiten Kapitel, das mit dem Titel Die analytische Konstruktion des sozialen Raums überschrieben ist, versucht Müller auf ebendiesen Aspekt einzugehen und schlägt einen Bogen. Er stellt vereinfacht dar, wie das Prinzip des sozialen annäherungsweise in 3 Schritten gedacht werden könnte. Bourdieu denkt sich die soziale Welt unterteilt nach gewissen vorherrschenden Prinzipien, die über eigenschaften verfügen. Diese Eigenschaften lassen sich einfach ausgedrückt, als die diversen Kapitalsorten verstehen (vgl. ebd.). So wird ein mehrdimensionaler sozialer Raum zwischen den Achsen der Teilungsprinzipien aufgespannt. In einem zweiten Schritt werden die sozialen Akteure auf Positionen im sozialen Raum verortet, entsprechend ihres Besitzes an Kapitalia und der relativen Verteilung (z. B. mehr ökonomisches, dafür weniger kulturelles Kapital) (vgl. ebd.). In einem dritten Schritt wird, ganz in Analogie zu Max Webers Verhältnis von Klasse und Stand, versucht zwischen den einzelnen Positionen eine Verbindung zu soziokulturellen Distinktionsmerkmalen herzustellen, die gesammelt in Form von Lebensstilen auftreten. Es wird demnach ein Bezug von einer Position zu einem entsprechenden Lebensstil gesucht (vgl. ebd.).

Müller, Hans-Peter: Kultur, Geschmack und Distinktion : Grundzüge der Kultursoziologie Pierre Bourdieus. In: Neidhart, Friedhelm; Lepsius, Rainer M.; von Alemann, Heine (Hrsg.): Kultur und Gesellschaft. Opladen : Westdeutscher, 1986, S. 162-190; hier S. 163ff.

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