Joseph Ratzinger ist tot, es lebe Benedict der XVI.

Es hat nicht so lange gedauert, wie von manchen vielleicht erwartet, sie schienen über die schnelle Einigung auf einen Nachfolger für Johannes Paul II. überrascht. Eines steht wohl außer Zweifel, da es in den Medien so häufig kolportiert wird, Ratzinger sei ein großer Theologe, eine – positiv formuliert – intellektuelle Persönlichkeit (vgl. Artikel in der NZ). Aus der Sphäre der bewegten und vertonten Bilder erfährt man als Zuschauer jedoch auch von Einschränkungen, die Benedict XVI. eher nur intelligibel erscheinen lassen. Er sei kein so emotionaler und offener Typ wie Karol Wojtyla, heißt es aus mancher Kehle.

Soll er das denn überhaupt werden? Die Namenswahl, deutet sie einen Bruch mit der Linie Johannes Paul II. an, oder steckt irgendwo vielleicht doch ein versteckter Pfad in die ideologische Weltsicht des verschiedenen Krakauer Geistlichen? “Es spricht jedoch einiges vor (sic!), dass er gerade als Benedikt XVI. dennoch an die Linie seines Vorgängers Wojtylas anknüpfen will, zu dem er sich stets loyal verhalten hatte – Ratzinger galt im Vatikan mitunter sogar als die rechte Hand von Johannes Paul II.” (NZ). An gleicher Stelle wird auch etwas ausführlicher über die Vorgänger Benedicts XVI. referiert, Benedict XIV. und Benedict XV.

Das Bundesaußenministerium begrüßte die Wahl Ratzingers zum neuen Pontifex, doch um welchen Preis? Die Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel. Fischer, der genug mit der VISA-Affäre zu tun hat, hat im eigenen Ministerium keine Angestellten mehr ehren wollen, die formal zu Institutionen des NS-Regimes gehörten, ob sie dort nun aktiv mitarbeiteten oder lediglich passiv tätig waren, spielt dabei keine Rolle. Ratzinger selbst war Mitglied der Hitlerjugend gewesen und aus Israel tönen vereinzelt kritische Stimmen zur Wahl Ratzingers zum neuen Papa an (vgl. NZ). Eigentlich dürfte dann Joschka dem Benedict auch keine Ehre erweisen, oder? Nun, vielleicht kann man ihm zugute halten, dass er annimmt, Kinder – und Ratzinger war damals noch recht jung – hätten nicht unbedingt über so viel Reife und Widerstandswillen verfügen müssen, wie mündige und trotzdem schwache Erwachsene. Wir wissen es nicht und wollen es in diesem Punkt dabei bewenden lassen, schließlich geht es um Benedict XVI. und nicht Joschka I. Und der Rest der Welt? Wie wird die Entscheidung zu Gunsten Ratzingers bei der Papstwahl z. B. in Südamerika aufgenommen, wo die weltweit meisten Christen auf einem Kontinent versammelt sind? Insgesamt mit gemischten Gefühlen. Dabei sind es vor allem die Gläubigen aus dem Volk, die ein wenig enttäuscht sind, dass, obgleich sie so zahlreich sind, keinen Papst aus ihren eigenen Reihen als neuen Pontifex begrüßen dürfen. Es deutet sich auch an, dass Benedict XVI. eine Re-Christianisierung Europas ins Auge fassen wird, ganz getreu der Linie seiner (Benedict-)Vorgänger (vgl. Artikel in der NZ). Meiner Meinung nach, sollten die Deutschen zu allererst nicht zu sehr in Lobhudelei für Ratzinger ausbrechen und überdies keine allzu hohen Ansprüche an das neue Oberhaupt der katholischen Kirche stellen. Joseph Ratzinger ist tot, es lebe Benedict XVI. Diese Formulierung, die bereits in der Überschrift dieses Eintrags steht, soll keinen Lobgesang ausdrücken, sondern vielmehr einen entspannten Blick auf die Zukunft andeuten. Wir werden sehen, wozu der neue Papst in der Lage sein wird, und obgleich ich selbst nur wenig Zeit in puncto Glaubensfragen aufwende, so war es mir doch Wert, die Papstwahl ein wenig zu kommentieren.

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