Der Wunderbegriff im Kontext einer Evangelienerzählung

Der folgende Text ist von mir noch in der Zeit der Oberstufe am Gymnasium geschrieben worden. Ich habe ihn an einigen Stellen hauptsächlich grammatikalisch und stilistisch bearbeitet. Ich erläutere darin zunächst kurz eine Geschichte aus den Evangelien, um die es geht, nehme dann selbst Stellung dazu und formuliere meine eigenen Gedanken. Im Anschluss daran thematisiere ich nacheinander drei Kommentare von Wissenschaftlern und setze mich kritisch mit deren Arbeiten auseinander. Daran anknüpfend wird etwas differenzierter auf den Wunderbegriff eingegangen und hernach werden noch einige grundsätzliche Fragen in Bezug auf diese Evangelientexte konkretisiert. Der geneigte Leser sei darauf hingewiesen, dass ich die Literaturangaben nicht mehr rekonstruieren kann und diese daher fehlen. Außerdem sind aller Voraussicht nach eine Vielzahl gedanklicher Wiedergaben der Kommentartexte nicht gekenntzeichnet, dies ist wohl auf die mangelnde Praxis im Umgang mit Zitaten aus der Zeit zurück zu führen. Der Text liefert auch einige Anhaltspunkte für das Stettersche Credo der Ungenauigkeit in der Beschreibung aus Mangel an Distanzverlust – hier am Beispiel des Wunderbegriffs nachvollziehbar. Wirklich theologisch ist der Text nie, auch wenn er sich mit Evangelientexten beschäftigt.

Wunder gibt es immer wieder, so lautet der Titel eines deutschen Schlagers. Ob die Proposition allerdings zutrifft, bleibt noch zu überprüfen. Eine allgemeingültige Definition für Wunder gibt es wohl kaum, weil doch jeder eine andere Vorstellung von Wundern hat. Nähern wird uns diesem Begriff, indem wir uns ein paar Erzählungen aus der Bibel widmen und diverse Kommentare zu den etwaigen Bibelstellen mit unserer eigenen Auffassung vergleichen. Die Geschichte, um die es geht, lässt sich ungefähr wie folgt zusammenfassen: Jesus kehrt von einer Reise zurück und ihm begegnet ein Synagogenvorsteher, der ihn – von seinen heilenden Kräften wissend – darum bittet, seine Tochter, die dem Tode nahe steht zu retten. Die Ankunft Jesu bleibt jedoch nicht unbemerkt, und es versammeln sich eine Menge Leute um ihn. Darunter auch eine Frau, die seit Jahren unter starken Blutungen leidet. Mit ihrem Gewissen ringend, berührt sie Jesus’ Kutte und wird auf einmal geheilt von ihren Qualen. Jesus bleibt dieser Vorfall nicht unbemerkt. Er spürt, wie seine Kräfte aktiv werden und die Frau heilen. Auch kann er der Tochter des Synagogenvorstehers zur Gesundung verhelfen.

Nun gibt es drei Evangelien, das des Matthäus, das des Markus und das des Lukas, die ebendiese Geschichte nacherzählen. Die Evangelien sind erst lange nach dem Tod Jesu niedergeschrieben worden, und so bleibt ein gewisser interpretatorischer Spielraum vorhanden, den man allerdings bei dieser Erzählung nicht ohne weiteres erkennen kann. Die Erzählung des Matthäus ist zeitlich gesehen die zweite und insgesamt die knappste von allen. Matthäus beschreibt die Geschehnisse ohne Umschweife, begnügt sich mit der Beschreibung der wesentlichsten Aspekte. Es lässt sich jedoch ein Ansatzpunkt finden, der in den weiteren Erzählungen zu einer Diskrepanz führt. Matthäus erzählt nämlich, dass Jesus sich in dem Moment umblickt, als die Frau sein Gewand berührt und sie erblickt. Im Gegensatz dazu berichten Markus und Lukas, dass Jesus sie nicht sofort bemerkt und es die Frau ist, die alsbald zitternd zugibt, Jesus’ Gewand berührt zu haben. Bereits an diesem Punkt stellt sich die Frage, wie sich das Ganze wirklich zugetragen hat. Für das Verständnis nicht weiter wichtig und interpretatorisch ebenso wenig von Belang, so besteht doch ein Unterschied, und das, obwohl alle drei Evangelienschreiber die Geschehnisse gleich erlebt haben müssten. Matthäus berichtet nicht von einer großen Menschenmenge, geschweige denn von den Jüngern, die sich um Jesus versammeln. Es bleibt also unklar, ob die Jünger überhaupt alle zu dem Zeitpunkt um Jesus versammelt waren und von dieser Begebenheit nicht erst durch andere erfahren haben.

Markus hat sich im Vergleich zu den anderen am intensivsten mit der Ausarbeitung dieser Geschehnisse befasst und eindeutig am meisten dazu verfasst. Er geht an einigen Stellen ins Detail und glaubt zu wissen, dass die Frau, die Jahre an Blutungen gelitten hat, schon etliche Versuche der Heilung bei Ärzten unternommen hatte, jedoch keiner ihr hat helfen können – dies ist lediglich eine Feststellung meinerseits und soll keine Kritik an der Erzählung Markus’ darstellen. Im Anschluss daran kommen laut Markus einige Leute aus dem Haus des Synagogenvorstehers und teilen ihm mit, dass seine Tochter bereits gestorben sei. Bei Lukas hingegen ist es nur einer, der ihm diese Nachricht überbringt. Dieser Unterschied ist gering und könnte viel eher mit dem Erinnerungsvermögen zu tun haben, als mit der Einbildung oder dem Andichten von etwaigen Fakten. Es lässt sich hier nicht entscheiden, wer Recht gehabt haben könnte, und dieser Aspekt wirkt sich auch nicht negativ auf den Wahrheitsgehalt der ganzen Erzählung aus. Jesus erweckt an dieser Stelle das Mädchen wieder zum Leben. Dieser Sachverhalt ist in allen drei Evangelien gleich geschildert, lediglich die beiläufigen Ereignisse werden anders dargestellt. So ist bei Matthäus die Kunde von der Heilung des Mädchens alsbald überall verbreitet, wohingegen Markus und Lukas berichten, dass Jesus es den Leuten verboten habe, über die Heilung des Mädchens auch nur ein Wort zu verlieren.

Wenn man versucht, die drei Evangelien zeitlich einzuordnen, fällst es einem schwer eine gewisse Kontinuität zu entdecken. Zeitlich betrachtet ist Markus der Zweite, der ein Evangelium verfasst hat. Umso erstaunlicher ist dann jedoch die Tatsache, dass er so viele Details eingebracht hat, die hernach bei Matthäus, der zeitlich nach Markus kommt, wieder fehlen oder aus der Erzählung genommen werden. Matthäus trennt die Spreu vom Weizen und benennt wesentlich weniger Details als Markus oder später Lukas. Lukas, der sein Evangelium nach Matthäus verfasst hat, nimmt erneut den Detailreichtum in seine Erzählung auf, der schon bei Markus vorhanden war. Gerade diese inhaltliche Diskontinuität in der Chronologie lässt einen die Fragen, die beim Lesen aufkommen, noch schwieriger beantworten. Wenn Markus’ Erzählung noch vor den beiden anderen Evangelien notiert wurde, müsste diese noch plausibler klingen. Leider tun sich dann in den Evangelien zu viele Widersprüche auf, die man im Hinblick auf deren chronologische Abfolge noch weniger sondieren oder gar klären kann.

Im Folgenden sollen die Ideen eines Kommentars von Joseph Schmid aus dem Jahr 1959 wiedergegeben werden. Dieser geht zunächst auf das Evangelium des Markus ein. Er spricht von der Erzählung des Markus als einer eng verknüpften und lebendig anschaulichen. Letzteres möchte ich Markus, dank seines Detailreichtums nicht abstreiten, doch geht J. Schmid ein wenig zu weit, wenn er behauptet, dass aus diesen beiden Gründen die Echtheit der Erzählung nicht mehr in Frage gestellt werden kann. Schließlich geht auch niemand hin und beglaubigt einem Romanautor aufgrund derselben Eigenschaften die Echtheit seiner ausgedachten Geschichte. Wenn für jemanden die Erzählungen in der Bibel allerdings mehr als eben nur bloße Erzählungen darstellen, dann ist es nur natürlich, dass man sie auf diese Weise wie Schmid deutet. Er schreibt von einer Treuer der Überlieferung, die dadurch belegt werden kann, „dass Jesus nicht von vorneherein um eine Totenerweckung gebeten wird, sondern nur um die Heilung einer vom Tode Bedrohten“. Ich halte diesen Standpunkt für äußerst vermessen. Es mag sein, dass mir das Hintergrundwissen fehlt, um diese richtig beurteil zu können, doch im Augenblick erscheint es mir eher, als würde Schmid so tun, als sei er ein Augenzeuge. Demzufolge müsste er einige Hundert Jahre alt sein, um zu wissen, wovon er spricht. Der Autor sieht keinen Zusammenhang zwischen den Jahren, welche die Frau an ihren Blutungen gelitten hat und dem Alter der Tochter des Synagogenvorstehers. Abgesehen davon, dass dieser Aspekt von mir vorher unbeachtet geblieben ist, kann ich mit dem Autor diesbezüglich nur anschließen. Ich bin persönlich der Auffassung, dass dies ein Zufall gewesen sein könnte. Doch für das Wunderverständnis wäre es ein Gutes, wenn dieser Aspekt ein wenig Beachtung finden würde. Außerdem entwickelt der Autor so etwas wie Mitleid für die Frau, die von ihren Blutungen geheilt worden ist. Er spricht davon, dass die Ärzte sie um ihr Vermögen gebracht hätten. Weil dies im Matthäusevangelium nicht so deutlich zur Sprache kommt, der Autor dies aber derart interpretiert, stellt er sich auf die Seite der armen Frau. Er empfindet Mitleid, sogar Sympathie. Er beruft sich hierbei auf rabbinische Schriften, in welche die Heilmethoden der damaligen Zeit niedergeschrieben waren und konnte sich so einen Einblick verschaffen, wie sehr die Frau an den Heilversuchen der Quacksalber gelitten haben musste. Einen interessanten Aspekt liefert der Autor dieses Kommentars, indem er sagt, dass die Wunderheilung ohne den Willen Jesu geschehen ist. Er bezeichnet die heilende Kraft als eigenes Wesen, das bei der Berührung des Gewandes in Kraft getreten war. Es scheint also nicht in den Händen Jesus’ zu liegen, dass eine Heilung eintritt. Das würde sich auch im Nachhinein bestätigen, wenn man Jesus bei der Heilung der Tochter des Synagogenvorstehers nur den Titel als Mittel zum Zweck zugesteht. Man könnte dies wirklich derart interpretieren und behaupten, Jesus hätte nur einen Berührungspunkt gesucht und die heilende Kraft wäre wieder von selbst in Kraft getreten. Demnach ist die heilende Kraft eine unkontrollierte Kraft, die in Jesus wohnt und immer dann zu Tage tritt, wenn Jesus einen Kranken berührt. Schmid vollzieht in seinem Kommentar die Heilung des jungen Mädchens nach. Für mich finden sich allerdings keine Ansatzpunkte zur Kritik oder Zustimmung zu seinen Worten. Interessant ist höchstens noch der Aspekt, dass Jesus nicht zugestanden wurde, dass er Tote wiedererwecken kann. Solch eine Interpretation fällt einem jedoch nur ins Auge, wenn man sich näher mit der Materie befasst, wie es Schmid tut.

Bei der Interpretation der Geschichte aus dem Matthäusevangelium verfolgt Schmid denselben Gedanken wie ich. Er führt auch an, dass Matthäus die Geschichte verkürzt darstellt. Allerdings geht er dann noch etwas weiter und führt Stellen an, die sich aufgrund der Kürzungen anders darstellen lassen müssten. So z. B. dass der Synagogenvorsteher zu Beginn schon mit der Bitte zu Jesus kommt, seine tote Tochter wieder zu beleben. In den beiden anderen Evangelien tun dies Bekannte von Jäirus, dem Synagogenvorsteher, erst nach der Heilung der blutflüssigen Frau. Es ist so natürlich ein Leichtes zu sagen, dass die Dinge wegen der Kürzung anders dargestellt werden müssen. Doch kann es genauso gut sein, dass sich die Dinge wirklich auf diese Weise zugetragen haben. Bei der Interpretation des Lukasevangeliums nennt der Autor einige Verbesserungen, welche Lukas lediglich – dem Markusevangelium folgend – vorgenommen hat. Er spricht ihm unter anderem eine gewisse Subjektivität zu, indem er sagt, wie Lukas das Urteil über die Ärzte in dieser Passage mildert. Insgesamt sind einige Gedanken Schmids durchaus nachvollziehbar, besonders aber, wenn es darum ging, den Wahrheitsgehalt der Erzählung des Markusevangeliums zu beurteilen, kann ich Schmid nicht zustimmen.

Betrachten wir nun einen anderen Kommentar von Eduard Schweizer aus dem Jahr 1967. Der Autor beschäftigt sich mit dem Markusevangelium und stellt die Erscheinung der blutflüssigen Frau nicht ummittelbar in Frage, gibt aber an, dass dieses Ereignis nur von Markus hätte eingeschoben werden können, da dieser Zeitzwischenräume gerne mit Einschüben ausgeschmückt habe. Er führt an, dass die menschlichen Fähigkeiten an dieser Stelle ausgeschöpft waren und nur eine höhere Kraft, ein Wunder, hier noch helfen konnte. Wenn man diese Aussage stark reduziert, könnte man sie so formulieren. Die Wundergeschichte im Evangelium ist eine von vielen Wundergeschichten – alle nach Schema F geschrieben. Diesen negativen Beigeschmack möchte ich dem Autor allerdings nicht ohne weiteres andichten. Schweizer beschäftigt sich eingehend mit der Frage der Wortwahl und diskutiert in seinem Kommentar über diverse Übersetzungen des Wortes Heilens oder Heilung. Dieser Ansatzpunkt ist in meinen Augen allerdings wenig ergiebig, weshalb ich ihn nicht weiter ausführe. Auch führt Schweizer an, dass es ebenso typisch für solche Geschichten sei, dass ein Wunder nicht einfach geschehe und die Menschen in ihrem Erstaunen, ihrer Ehrfurcht, in ihrer Angst alleine gelassen werden, sondern dass im Anschluss daran immer einige klärende Worte gesprochen werden, um die Stimmung zu glätten, zu beruhigen und wie bei der Erweckung des toten Mädchens geschehen, sie durch ihr Umhergehen das Wunder erst noch bestätigt. Nach dem Verständnis des Autors sind die Worte Jesu von besonderer Bedeutung, da sie es erst ermöglichen, Gottes Kraft vollkommen anzuerkennen. Ohne die Worte Jesu würden die Menschen das Wunder nicht annehmen und verstehen wollen, dass der Glaube eine Wirkung auf das Leibliche haben kann. Der Autor stellt in diesem Fall den Glauben in den Vordergrund und sieht diesen als Kraft der Heilung an. Schweizer knüpft außerdem eine interessante gedankliche Spur, indem er die Wundergeschichte als ein Zeichen deutet. Ein Zeichen dafür, dass man mit dem Glauben den Tot besiegen kann. Hierbei ist es weniger die Tatsache, dass man hinterher am Leben bleibt, sondern dass man auch über den Tod hinweg glaubt und auf diese Weise „in eine Gemeinschaft Gottes“ aufgenommen wird. Ehrlich gesagt ist mir dieser Interpretationsansatz suspekt. Sicher kann man über die Moral einer solchen Geschichte nachdenken, doch führt sie führt das für mich nicht zu der Idee, dass der Glaube den Tod besiegt. Erst Recht dann nicht, wenn, wie in den anderen Evangelien beschrieben, die Frau bereits tot gewesen ist. Ich bestreite an dieser Stelle auch nicht, dass der Glaube Berge versetzen kann, nur in Bezug auf diese Geschichte ist dieser Gedanke für mich nicht eingängig genug. Selbst wenn das Wort Glaube in der Geschichte vorkommt, so sehe ich keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Ausspruch und der Intension dieser Geschichte.

Es folgt eine weitere und für diesen Essay letzte Interpretation von Drewermann. Er geht in seinem Kommentar zunächst besonders auf die Lage der blutflüssigen Frau ein, und versucht sich und dem Leser zu verdeutlichen, wie sich diese Frau gefühlt haben musste. Für ein allgemein besseres Verständnis der Geschichte ist dies keinesfalls schlecht. Er weist ihrer Krankheit einen psychosomatischen Ursprung zu. Diesen nüchternen Ansatz kann man (und ich) mit gutem Gewissen vertreten. Eine physische Ursache für eine solch langwierige Krankheit wäre zudem nicht einfach zu ergründen. Meiner Meinung nach geht Drewermann dann allerdings einen falschen Weg, indem er versucht, die Heilung der blutflüssigen Frau lediglich als einen Austausch von Gefühlen zu beschreiben. Er sieht den (über)menschlichen Kontakt mit Jesus – welcher lediglich in der Berührung seines Gewandes besteht –, den die Frau erfährt mit als Grund für die eintretende Gesundung an. Wenn man in diesem Fall von einem Wunder sprechen will, so ist Drewermanns Ansatz zu schlicht gestrickt. Drewermann muss in diesem Fall keine zu hohe Meinung von Wundern haben oder versucht alles immer möglichst realistisch darzustellen. Für ihn gibt es folglich keine unerklärlichen Dinge. Auch behauptet Drewermann, man können von solch einem Ereignis, das eine Person erlebt, Rückschlüsse auf das Verhalten einer Person ziehen. Sicherlich mag das an einigen Stellen der Fall sein, doch hierbei kann ich Drewermann nicht vollkommen zustimmen. Das Verhalten der Frau ist durch ihre Krankheit bedingt und wir wissen nicht, wie sich diese Frau, deren Namen wir noch nicht einmal kennen, sich vor ihrer Krankheit verhalten haben mag. Sie könnte das blühende Leben gewesen sein oder sich ihrer selbst nicht so sicher. Oftmals sind Krankheiten ein Grund dafür, dass sich das Verhalten eines Menschen drastisch ändert, und oftmals trägt eine Krankheit auch zu denselben Gemütsschwankungen bei. Kranke Leute sind zumeist scheu, depressiv oder gereizt und aggressiv. Als Erklärung für das Wunder der Heilung der Tochter des Jäirus gibt Drewermann an, dass es sich seiner Meinung nach nicht um den Tod im wörtlichen Sinn gehandelt habe, dem das Mädchen erlegen war, sondern sie nur symbolisch, auf einer geistigen Ebene, tot gewesen sei. Sie hat dem psychischen Druck von außen, unter dem sie als Tochter eines Synagogenvorstehers litt, nicht Stand halten können und völlig abgeschaltet. Dies ist eine Sichtweise, die ich so nicht teilen kann. Es widerstrebt mir, alles, was sich nicht auf anderem Wege erklären lässt, irgendwie auf eine geistige Ebene abzuschieben. Es ist löblich, dass Drewermann versucht eine Erklärung zu finden, doch bin ich der Meinung, dass sich diese Begebenheit so einfach nicht erklären lässt. Allerdings muss ich zugeben, dass es mir schwer fällt, einen anderen Lösungsansatz zu nennen. Demnach muss ich dieser Frage vorläufig unbeantwortet lassen. Ein Ansatzpunkt ist auf jeden Fall die Annahme, das Mädchen sei erst gar nicht tot gewesen.

Was hat aber die Reflexion dieser drei Standpunkte gezeigt? Sie hat zunächst gezeigt, dass es nicht leicht fällt Wunder zu erklären; mit der Definition von Wundern hat sich überdies keiner der Autoren beschäftigt, gestaltet sich eine solche nicht unbedingt einfach. Ein Wunder ist etwas, das einer Erklärung bedarf und die Verständnisfähigkeiten der einzelnen Person bei weitem übersteigt. Dies ist eine abstrakte Kategorisierung, mit der ich den Wunderbegriff für mich fassbar mache. Dabei muss ein Wunder nicht immer etwas mit einem naturwissenschaftlichen Phänomen zu tun haben. Viele Leute haben das Wort Wunder in ihren Wortschatz aufgenommen und benutzen es mitunter sogar jeden Tag. So z. B. wenn sie sagen: „Ein Wunder, dass es dich noch gibt!“ oder „Ein Wunder, dass es nicht regnet.“ Dabei ist der Begriff des Wunders an dieser Stelle jeweils anders gewichtet worden. Diese Art von Wunderbegriff schwächt aber den eigentlichen, transzendentalen Wunderbegriff, um den es mir hier geht, ab. Der Wunderbegriff taucht auch im Kontext der 7 Weltwunder auf. Diese sind alles Schöpfungen von Menschenhand, die einen immensen Kraftaufwand gefordert haben und vor denen man sich heute noch in Ehrfurcht verneigt und sich fragt, wie jemand solche Bauwerke hat erschaffen können. Wenn jemand von einem Blitz getroffen wird und trotzdem weiter lebt, spricht man von einem Wunder. Und man spricht von Wunderkindern, wenn diese auf einem Gebiet oder allgemein äußerst intelligent sind. Man benutzt das Wort zudem in Liedern auf der ganzen Welt. Ein Wunder ist etwas, dass einen erstaunt und verblüfft, aber meist auch positiv überrascht. Ein Wunder schließt – zumindest für den Betrachter – eigentlich eine negative Erfahrung vollkommen aus. Auch wenn, wie in dem Fall des Blitzschlags, jemand nur knapp dem Tod entgangen ist, so freut man sich umso mehr, dass er noch lebt. Die Definition von Wundern hängt oft stark mit den Begriffen Zufall und Wahrscheinlichkeit zusammen. Je geringer die Wahrscheinlichkeit ist, dass es zutrifft, desto größer ist der Anteil, den der Zufall an einem Wunder hat. Aber wo verläuft die Grenze? Ab welcher Wahrscheinlichkeit wird etwas zum Wunder, wenn es zutrifft? Sind 6 Richtige im Lotto schon ein Wunder? Eher jedenfalls, als vom Blitz getroffen zu werden und hoffentlich zu überleben. Man könnte sich bei dieser Gelegenheit genauso gut fragen, ob es ein Wunder wäre, wenn der dritte Weltkrieg nicht ausbricht? Doch die führt insgesamt ein wenig zu weit ab vom Thema. Man kann vielleicht ein Wunder nur für sich selbst definieren, indem man sich Stück für Stück an Eckpunkte der eigenen Vorstellung heran tastet. Ich würde nicht bloß übernatürliche Erscheinungen als Wunder bezeichnen, doch das sei jedem selbst überlassen.

Fragen wie z. B. die nach dem Wahrheitsgehalt der Geschichte, konnte keiner der Kommentare beantworten. Ich persönlich gerate höchstens in Zweifel, wenn eine Begebenheit an einigen Stellen doch sehr unterschiedlich von 3 Evangelienschreibern berichtet wird, oder zumindest einer in seiner Erzählung dem gezeichneten Bild der beiden anderen nicht immer entspricht. Diese Tatsache allein lässt jedoch keinen endgültigen Schluss darüber zu, ob die Geschichte wahr ist oder nicht. Zudem kann ich ausschließen, dass die Arbeit mit den Kommentaren mein Verständnis von Wundern beeinflusst hat. Das medizinische Phänomen der Krankheit der blutflüssigen Frau lässt sich allerdings näher erläutern. Drewermann liefert einen Lösungsansatz, indem er die Krankheit benennt. Er bezieht sich auf die Dysmenorhoe. In einem Medizinlexikon findet sich dazu Folgendes: „Menstruation mit – kolikartigen Unterleibsschmerzen […]; häufig auch mit Allgemeinbeschwerden“. Demnach wäre die Krankheit der Frau kein unerklärliches Phänomen, sondern eine erklärbare Krankheit. Man kann allerdings davon ausgehen, dass damals noch niemand darüber Bescheid wusste. Die Frage nach den Menschenmassen, die sich um Jesus scharren, lässt sich ebenfalls ohne die Hilfe von Kommentaren beantworten. Jesus war zu der damaligen Zeit in etwa jemand, der heutzutage als Psychotherapeut gelten würde. Jesus galt für viele als Wunderheiler und war deshalb stets von einer Vielzahl von Leuten umgeben. Dies ist zwar keinesfalls selbstverständlich, aber auch nicht völlig aus der Luft gegriffen. Denn selbst heute erfreuen sich diverse Wunderheiler einer großen Schar von Anhängern.

Die Arbeit an der Wunderthematik hat mich über den Begriff nachdenken lassen und mir gezeigt, dass es nicht einfach ist, zu sagen, was für mich ein Wunder eigentlich ausmacht. Beim Lesen der Evangelientexte und der Kommentare sind bei mir einige Ideen aufgekeimt, was mein Wunderverständnis betrifft. Auch wenn ich nicht immer der Meinung der Autoren gewesen bin, kann ich doch dank der differenzierten Ausarbeitungen in Zukunft etwas weniger subjektiv an solche Arbeiten heran gehen. Weiterhin bin ich daran erinnert worden – wenngleich ich dies häufig tue –, nicht unbedingt immer alles wörtlich zu verstehen, und ich war verblüfft, wenngleich nicht überzeugt, von der Symbolik, die die Autoren in manchen Aspekten entdeckt und thematisiert hatten.

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