Wieviel darf ein Buch kosten?

Oder wie Lion.cc die Buchpreisbindung umgeht. Was in anderen Ländern schon längst nicht mehr Gang und Gebe ist, das muss in Deutschland noch lange kein alter Hut sein. Irgendwann tauchte auf den Werbeinseln im TV ein komischer neuer Werbespot auf und prägte sich in den Köpfen vieler Leute ein. Ein paar Ringer tobten in einem Ring umher und sollten dabei für etwas ganz anderes Werbung machen. Die Szenen waren durchweg in s/w zu sehen, lediglich der Rahmen des Werbespots und die zu bewerbenden Produkte wurden in Farbe dargestellt. Dann ertönte die Ringglocke und eine freundliche Männerstimme erklärte uns, dass man die soeben eingeblendeten Produkte unter folgender Internetadresse online kaufen könnte.

Mit der Zeit kamen weitere Spots dazu und die Ringer mutierten zu anderen Figuren, was blieb, war der orangefarbene Hintergrund und der URL: “www.lion.cc”. Zumindest seit dieser Kampagne ist bestimmt der eine oder andere mal in diesen Internetshop eingekehrt und hat sich schlau gemacht, was man dort denn wirklich geboten bekommt. Ein Standbein dieses Shops ist zum Beispiel der Verkauf von Büchern, auch nach Deutschland. Was aber ist jetzt das Besondere bei lion.cc? Nun, der Onlineshop ist eine Tochter der östereichischen Libro AG, und da in Österreich die geltenden Gesetze keine Buchpreisbindung mehr vorsehen, sind die Bücher im Schnitt ein paar Mark billiger, als bei allen anderen Buchshops im Internet. Die Libro AG war nun die erste, die es gewagt hat, die Bücher ohne den Aufschlag für Buchpreisbindung auch an deutsche Kunden weiterzugeben. Amazon und Co hätten dies auch tun können, haben es aber nicht. Dass das bei den Verlagen nicht gut angekommen ist, ist eigentlich selbstredend. Folge der verbilligten Buchofferten der Libro AG an uns Deutsche war ein Boykott der deutschen Verlage. Die sahen nämlich die Fälle davon schwimmen, und nahmen an, sie würden in Zukunft durch dieses Angebot von lion.cc Gewinneinbußen verspüren.

Boykotte und Lieferstopps waren die Folge, von kurzer Dauer. 😉 Denn das Frankfurter Landgericht sprach zwei einstweilige Verfügungen aus und die Verlage mussten mit Geldstrafen bis zu einer halben Million Mark rechnen. Nachdem bereits zuvor oft über die Buchpreisbindung in Deutschland debattiert wurde, gibt es jetzt neuen Gesprächsbedarf. Noch dazu sind die Verlage um keine Ausrede verlegen, wenn es darum geht, die Boykotte zu rechtfertigen. Sie haben zwar keine rechtliche Grundlage für einen völligen Stopp der Lieferungen an die Libro AG mehr, aber ihnen fallen die dümmsten Ausreden ein, wenn es darum geht, eine Lieferung an Libro gar nicht oder nur mit Verspätung auszuliefern. Die Zeichen stehen auf Sturm, hüben wie drüben, aber mittelfristig müssen sich die Verlage damit abfinden, in Deutschland nicht länger extra abkassieren zu können. Ein Markt für billige Bücher könnte entstehen. Nicht nur, weil es in anderen Ländern schon länger keine Buchpreisbindung mehr gibt, sondern auch hinsichtlich der fortschreitenden Entwicklung im Bereich elektronischer Bücher sollten sich die Verlage, langsam aber sicher auf einen Kampf an einem freien Markt einlassen. Wer mehr über den Fall Lion.CC lesen möchte, dem empfehle ich die Ausgabe 29/2000 der Zeitschrift Die Telebörse. Aus dieser habe ich die diesem Artikel zugrunde liegenden Informationen entnommen. Darüber hinaus gibt es noch ein Interview mit dem Vorstandschef André Rettberg der Libro AG in der Ausgabe der Telebörse nachzulesen.

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