Eine schöne Geschichte

Viel eher könnte man verstehen, warum es nur eine schöne Geschichte ist, wenn man sich überlegte, dass sie eigentlich im Französischen abgefasst wurde, und in dieser Sprache vielleicht einen märchenhaften, novellenartigen Duktus tragen soll. Die deutsche Übersetzung versucht sich in derselben Schlichtheit wie das Original, nur dass wir die Geschichte von Religion, Familie und Freundschaft am Ende lediglich wie eine Fabel ohne Tiere lesen können. Angesichts des Preises von sieben Euro, selbst für die Taschenbuchausgabe, gibt es in Zeiten der Ressourcen-Ökonomie weitaus bessere Preis-Leistungs-Verhältnisse in Buchform käuflich zu erwerben.

Ich möchte damit die Erzählung, wie sie im Untertitel genannt wird, von Monsieur Ibrahim, vom kleinen Jungen Moses, und derer beider Freundschaft nicht schmälern. Aber einhundert Seiten in großen Lettern, die selbst in manchen Jugendbüchern nicht erreicht werden, sorgen für angenehme Kurzweile. Schnelle Leser werden in diesem Fall keinesfalls bevorzugt. Man kann Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran in einer guten Stunde auslesen, oder schneller. Es gibt Leseratten, die mit ihrem Geld haushalten müssen. Deshalb empfehle ich das Buch nicht pauschal. Wer als Erwachsener gerne noch ein Mal den Anzug der kindlichen Simplizität überstreifen möchte, der kann sich mit Eric-Emmanuel Schmitts Erzählung für eine gute Stunde entspannen.

Vater, Mutter, Kind

Komm wir spielen Vater, Mutter, Kind! Ist das das Credo, das in Schmitts Buch versprüht werden soll? Mitnichten! Denn, so einfach, wie es sich anhört, ist das echte Spiel um Liebe und Verantwortung oft nicht. So auch in diesem Fall. Der kleine Moses lebt allein mit seinem Vater. Seine Mutter hat sich früh aus dem Staub gemacht, so zumindest die Version, die Moses von dem männlichen Haushaltsvorstand zu hören bekommt. Momo, wie er von Ladenbesitzer Monsieur Ibrahim genannt wird, ist ein Kind, das ohne viel Zuneigung aufwächst. Momo wird von einer Dirne, die er dafür bezahlt, entjungfert werden. Er wird aber auch den Tanz der Derwische kennen lernen und über die Freundschaft zu Monsieur Ibrahim erkennen können, dass es Leute gibt, die ihn gern haben (können). Momos größtes Problem: Er wird von allen verlassen. Als sein Vater in einer Anwaltskanzlei gekündigt wird, schreibt er einen Abschiedsbrief, und als Momo aus der Schule kommt, findet er ein Vakuum, das er für eine Weile versucht ganz alleine auszufüllen. Der gutmütige Ladenbesitzer – ein Moslem – hat sich mit dem Sohn eine Juden angefreundet. Als sich eines Tages die Polizei einfindet, um Momo mitzuteilen, sein Vater habe sich vor einen Zug geworfen, und schon etliche Male vorher, ist es der Koran von Monsieur Ibrahim, der immer einen Rat weiß. Was es mit dem Buch auf sich hat, wie es mit Momo und Monsieur Ibrahim ausgeht, und ob Moses irgendwann den Koran versteht, seinen verschollenen Bruder treffen kann, und vielleicht sogar seine Mutter wiedersehen wird, das kann der geneigte Leser selbst gerne in Erfahrung bringen.

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