Vor die Deutschen – Gottsched

Dreißigjährig veröffentlicht Johann Christoph Gottsched im Jahr 1730 seine poetologische Abhandlung Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen. Seine Lebenszeit hatte zu diesem Zeitpunkt die erste Hälfte noch nicht erreicht. Geboren um die Jahrhundertwende, im Jahr 1700 in Juditten, starb Gottsched mit sechsundsechzig Jahren.

Gottsched erneuerte (?) das deutsche Drama, indem er es sehr stark an der klassizistischen französischen Dramatik anlehnte. Gottscheds Vorstellung eines Dramas ist antibarock, und sie hält sich streng an Formideale. Den Kern seiner Tragödientheorie bildet der Begriff der Fabel – nach Gottsched der Kern jedes Dramas.

Fabel ungleich Mythos

Grundlage der folgenden Ausführungen sind die Paragraphen 13 bis 22 aus Johann Christoph Gottscheds (JCG) Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen. Das Hauptaugenmerk liegt bei JCG, wie bereits erwähnt, auf der Fabel. Auf den ersten Blick könnte man versucht sein, sie mit dem Mythosbegriff des Aristoteles gleichzusetzen. Beide Begriffe sind sich in einigen Punkten ähnlich, doch die Perspektive bei der Beschreibung unterscheidet sich.

Aristoteles (A.) verstand unter Mythos die Zusammensetzung der Handlung(en). A. sprach mehr aus der Sicht eines Produzenten. Gottsched spricht mehr aus der Sicht eines Analytikers. Gleichwie geht es darum, die tragischen Leidenschaften zu erzeugen (eleos und phobos). JCG nennt sie Mitleiden und Schrecken. Auch in JCGs Tragödienvorstellung gibt es so etwas wie A.s Anagnoris.

Aufällig ist hingegen folgende Beobachtung JCG:

“Durch seine guten Eigenschaften erwirbt sich Oedipus die Liebe der Zuschauer […].” (§13)

Zur Erklärung: JCG diskutiert die antike Tragödie Ödipus von Sophokles. Anhand dieser, und in Kontrast zu weiteren Beispielen aus dem Bereich der angelsächsischen oder französischen Tragödien, arbeitet er die zentralen Gedanken seiner eigenen Tragödientheorie heraus. Zudem begründet er seine Argumentation, indem er sich mal Bestätigung aus den Beispielen sucht, oder sich mal dagegen abgrenzt. Besonders schlecht weg kommt die englische Tragödie. Doch zurück zu Ödipus, dessen Eigenschaften die Liebe (das Mitleiden) der Zuschauer erwecken. Mit dieser Interpretation verstößt JCG gegen die Maxime A.s, dass die Handlung und der Mythos es sein sollen, die dabei helfen wollen, die tragischen Leidenschaften zu erwecken. Die Handlungsentwicklung vollzieht sich derart, dass

“der Chor in dieser Tragödie dadurch bewogen wird, recht erbauliche Betrachtungen, über die Unbeständigkeit des Glückes der Großen dieser Welt, und über die Schandbarkeit der Laster des Oedipus anzustellen […].” (§ 13)

Man merkt auch an dieser Stelle, dass zwar versucht wird, den Anschluss an die Motive der Handlung zu knüpfen, wie sie bei Aristoteles galten, nämlich Glück und Unglück. Ganz gelingt dies nicht, da besonders dem Charakter zu viel Aufmerksamkeit beigemessen wird; es sind dies jedoch Nuancen, um die es sich hier handelt. Spätere Tragödientheorien werden immer stärker den Bruch mit Aristoteles suchen.

Britisch geht anders oder
die Lehre von den drei Einheiten

Besonders gegen das englische Drama grenzt JCG oft ab. Er nennt es “[s]onderlich” (vgl. § 14), wenn er erkennt, dass das angelsächsische Theater keine Einheit der Handlung bietet. Zuvor war JCG so frei, drei Voraussetzungen an die Tragödie zu formulieren, von denen die Einheit der Zeit und des Ortes die anderen beiden seien, die es zu erfüllen gilt. Oft wird diese Auflistung der drei Einheiten irrtümlicherweise mit Aristoteles in Verbindung gebracht. Bei ihm werden vor allem zwei der drei Einheiten explizit heraus gearbeitet. Eine dritte hingegen ist nur implizit in den Prinzipien seiner Tragödienlehre vorhanden.

JCG vertieft seine Gedanken zu den einzelnen Einheiten in den nachfolgenden Paragraphen. Zur Einheit der Handlung stellt er in Paragraph 15 heraus, dass es bei der Fabel der Tragödie nur den einen moralischen Satz als Hauptabsicht gäbe. Folgerichtig darf es nach Gottsched nur eine Haupthandlung geben. Die Briten vermögen diese Anforderung in ihren Dramen nicht einzulösen. Nebenhandlungen, räumt JCG ein, könnten indes durchaus “andere moralische Wahrheiten in sich schließen” (§ 15). Er behilft sich mit dem Beispiel der Orakelsprüche im Ödipus von Sophokles. Hernach, zum Ausgang der Geschichte, ließe sich konstatieren,

“[d]aß die göttliche Allwissenheit nicht fehlen könne.” (ebd.)

In einem Epos könne die Erzählte Zeit Monate betragen, gibt JCG dann an. In Paragraph 16 verweist er dazu explizit auf A. Im antiken Drama daure die Handlung einer Tragödie “nur einen Umlauf der Sonne” (§ 16). JCG begründet die Einheit der Zeit mit der Wahrscheinlichkeit. Jedermann könne eine Handlung nachvollziehen, die binnen 24 Stunden abläuft. Wenn jedoch in einem Schauspiel zuerst ein Säugling gezeigt wird aus dem am selben Abend der Aufführung auf einmal ein Hüne wird, dann wirkt dies, nach Gottsched, befremdlich, ja unglaubwürdig. Erneut sind es die englischen Dramen, nebst den spanischen, die sich Gottscheds Kritik in diesem Punkt gefallen lassen müssen.

Ergänzend fügt er im nächsten Paragraphen an, dass vom Einsetzen der Handlung bis zu ihrem Ende nur eine gewisse Anzahl von Stunden verstreichen dürfe. Wieder ruht dies Argument auf dem Prinzip der Wahrscheinlichkeit. Meiner Meinung nach ist dieses Argument nicht haltbar, und wahrscheinlich bloß eine konservative Auslegung. Vielleicht geziemt es sich, nachts zu schlafen, und tagsüber zu wachen. Jeder der schon ein Mal mehr als 24 Stunden auf den Beinen war, wird aus eigener Erfahrung sagen können, dass bis auf entsprechende körperliche oder geistige Beeinträchtigungen nichts dagegen spricht, eine Handlung die sich über 24 Stunden erstreckt als glaubwürdig anzusehen.

Es fehlt nun nur noch die “Einigkeit des Ortes” (§ 18), um zur Glückseligkeit zu gelangen. Indirekt wird die Begründung erneut auf die Wahrscheinlichkeit abgeschoben. Sie wirkt indes ebenso ein wenig an den Haaren herbeigezogen, wie es umgangssprachlich so schön heißt.

“Die Zuschauer bleiben auf einer Stelle sitzen: folglich müssen auch die spielenden Personen alle auf einem Platze bleiben, den jene übersehen können, ohne ihren Ort zu ändern.” (§ 18)

Es möge bitte jeder selbst entscheiden, ob ihm diese dürftige Ausführung als Begründung ausreicht. – Zur Handlung führt JCG noch an, dass ein Knoten von Nöten ist. Die Verwirrung der Handlung sorgt für Aufmerksamkeit, heutzutage würde man geneigt sein zu sagen, dass man damit Spannung erzeugt. Gleichwohl sind Aufmerksamkeit und Spannung keine Synonyme.

Nicht wider die Vernunft oder
von der Beschaffenheit der Figuren

In den Paragraphen 20 bis 22 kommt Gottsched auf die Beschaffenheit der Charaktere einer Tragödie zu schreiben (sprechen). Allein wegen der Tatsache, dass der Besprechung der Figuren derart viel Raum geboten wird, kann man folgern, dass der Charakter im Vergleich zur Handlung deutlich aufgewertet wurde. Natürlich ist diese Aussage immer im Vergleich zur antiken Dramenkonstruktion des Aristoteles zu sehen. Sie beleben die Fabel, heißt es bei JCG. Der Tragödienschreiber müsse die Charaktere so gestalten, dass ihre Gemütsverfassung sofort ersichtlich wird, und davon ausgehend eine Vermutung ihrer unmittelbaren Handlungen geschehen könne. Von diesen (Haupt-)Figuren, die die Fabel tragen, dürfe es, so Gottsched, “selten mehr, als drey, oder vier” (§ 22) geben.

Wider die Vernunft allerdings geht nichts. Widersprüchliche Charaktere sind nicht erlaubt.

“Ein widersprechender Character ist ein Ungeheuer, das in der Natur nicht vorkömmt: daher muß ein Geiziger geizig, ein Stolzer stolz, ein Hitziger hitzig, ein Verzagter verzagt seyn und bleiben; es würde denn in der Fabel durch besondere Umstände wahrscheinlich gemacht, daß er sich ein wenig geändert hätte. Denn eine gänzliche Aenderung des Naturells oder Characters ist ohnedieß in so kurzer Zeit unmöglich.” (§ 21, Hervorhebung durch AT)

Und wiederum bleibt alles am Stichwort Wahrscheinlichkeit hängen. Jeder, dem dieses Stichwort in der Literatur(theorie) gehäuft unterkommt, sollte es als Anzeichen zur Kenntnis nehmen, dass der entsprechende Text wahrscheinlich aus dem Zeitalter der Aufklärung stammt (oder später).

2 Comments

  1. Gottsched hat eleos aber ganz sicher nicht mit “Mitleid” übersetzt – das tat nämlich Lessing und hat sich deswegen kräftig mit den Gottschedianern geprügelt!

  2. Im Text steht ja auch “Mitleiden” und “Schrecken”, das sind nicht meine Begriffe, sondern sie stammen aus der Gottsched-Literatur und zudem ist Mitleid von Mitleiden unterschieden. Dass diese Begriffe immer wieder eine Bedeutungsverschiebung erfahren haben ist richtig.

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