Madeleine Chapsal über Jacques Lacan

Ganz offensichtlich hat M. Chapsal eine gewisse Rolle im Leben von Jacques Lacan gespielt, während ihrer Studienzeit, vielleicht auch darüber hinaus, war sie mit ihm bekannt. Sie selbst ist sich offensichtlich nicht ganz so schlüssig, ob sie ihre Rolle eventuell nur als Nebenrolle deuten mag. Doch worauf es ankommt, in dem Kapitel ihres Buches Französische Schriftsteller intim, sind einige zentrale Aussagen über Lacan, genauso wie einige zentrale Aussagen Lacans aus dem im selben Kapitel präsentierten Interview mit diesem Psychoanalytiker und Professor für Psychologie, denn in dieser Funktion wird er erst interessant für mich und meine Zwecke, die ich in diesem Semester in einem Hauptseminar der Neueren Deutschen Literaturgeschichte zum Thema eines Ansatzes einer psychoanalytischen Literaturtheorie verfolge. Nachdem dieser Mammutsatz abgehandelt ist, widmen wir uns den Aussagen und hoffen, dass so etwas nicht noch ein Mal vorkommt.

Chapsal charakterisiert Lacan als einen ambivalenten Charakter, der zugleich fordernd und anstrengend, gleichsam jedoch ehrliche Dankbarkeit ausstrahlen könnte und,

“daß sich hinter seiner scheinbaren Gleichgültigkeit ein ungeheurer Stolz auf ein Werk verbarg, das den Anspruch erhob, totalitär zu sein, das ihn und uns alle umfaßte…” (S. 33)

Lacan gilt als komplex und in meiner Nachbetrachtung der Ausführungen Chapsals würde ich ebenfalls gerade heraus formulieren wollen: Lacan war ein komischer Kautz. Ob ich dieser Person damit jetzt posthum Unrecht tue, wir wissen es nicht. Wichtiger jedoch sind einige Aussagen, die in dem nachfolgend abgedruckten Interview aufkommen und sicherlich nicht für jeden der Leser hier verständlich sein können. Fachkundige, die Freud kennen, die vielleicht auch eine Idee von Lacan und seiner Adaptation der Freudschen Thesen haben, oder dieses Feld kennen lernen wollen, können manche der Aussagen vielleicht als Ausgangspunkt für ihrer weitere Forschung betrachten. Ich selbst verfahre ebenso.

Eine wichtige Hilfestellung mag vielleicht sein, dass Lacan versuchte, die innere Logik von Geisteskranken zu erkennen, und darum ein theoretisches Konstrukt aufzubauen versuchte. Dass sein Interesse jedoch weitaus allgemeiner ausfiel und Lacan prinzipiell die negative Konnotation von Krankheit störte, dass er, wie eben Freud auch, es lieber gesehen hätte, wenn gewisse Elemente der Psychoanalyse sich in allen gesellschaftlichen Akteuren wiederfinden ließen, soll ebenfalls noch angemerkt sein. Ein Großteil des Interviews fußt auf dem Bereich der Psychoanalyse, der sich mit den Sexualtrieben auseinandersetzt, ausgehend vom Unterbewussten. Lacan möchte den Bereich jedoch nicht unbedingt derart begrenzt sehen. In dem Moment, als er mit der These der Verdrängung von Trieben konfrontiert wird, gibt er zu verstehen, dass in seinen Augen in solchen Fällen von keiner wirklichen Verdrängung gesprochen werden könne.

“Anders ausgedrückt, wenn der Patient ‘verdrängt’, so bedeutet das nicht, daß er es ablehnt, sich etwas bewußt zu machen, was ein Trieb wäre – nehmen wir zum Beispiel den Sexualtrieb, der sich in Form von Homosexualität ausdrücken wollte – nein, der Patient verdrängt nicht seine Homosexualität, er verdrängt die Sprache, in der die Homosexualität eine Rolle als Signifikant spielt.” (S. 41)

Das vorletzte Wort (Signifikant) in diesem Zitat dient uns als Anzeiger für die Verquickung Lacans Theorien mit denen der Linguistik, im Besonderen hier der Zeichentheorie des Schweizers Ferdinand de Saussure. Lacan hat eine interessante Transferleistung von der Psychoanalyse hin zur Linguistik unternommen. Gerade dieses Feld lohnt es sich in meinen Augen zu untersuchen, doch dazu an dieser Stelle vorerst nicht mehr.

Ergänzend zu dem vorher gesagten diese beiden Zitate:

“Nun ist aber in der Psychoanalyse Verdrängung nicht Verdrängung einer Sache, sondern Verdrängung einer Wahrheit.” (S. 42)

und

“Zwangsvorstellung bedeutet nicht automatisch sexuelle Zwangsvorstellung, auch nicht Zwangsvorstellung von diesem oder jenem im besonderen: Zwangsvorstellungen haben bedeutet, in einem Getriebe, in einem Räderwerk gefangen sein, das immer mehr fordert und nicht stillsteht.” (S. 45)

Eine Verdrängung, so erfahren wir außerdem, sei nur eine Verdrängung der Sprache. Wenn man Lacan also beim Wort nimmt, dann fehlen den Kranken, wie den Gesunden die Worte, um über die Wahrheit zu reden, weil es ihnen aus irgendeinem Grund unangenehm zu sein scheint. Er stellt die interessante Frage:

“Ist die Sprache das Wesen des Menschen?” (S. 47)

Er selbst würde darin, in der Beantwortung dieser Frage, eine sehr lohnenswerte Aufgabe erkennen können. So verwundert es auch nicht, wenn er wenig später das Unbewusste (ES) als Instanz der anonymen Sprache charakterisiert. Ich muss zugeben, ich weiß noch zu wenig von Lacan, aber möchte doch behaupten, er meint damit, dass das Unbewusste sich bei Kranken derart in den Vordergrund schiebt und für den Akteur spricht, dass dieser in Angst davor und im Widerstreit zu ihm leben muss, weil doch eigentlich die geheimen Wünsche der Wahrheit entsprechen, das ES es jedoch nicht erlaubt, darüber zu reden. Als Abschluss und Anstoß für die weitere Beschäftigung soll folgende Frage/Aussage Lacans für sich stehen:

“Kennen Sie Freuds Formulierung, ‘dort wor Es ist, muß Ich werden’? Der Patient muß wieder seinen Platz einnehmen, den Platz an dem er nicht mehr war, den diese anonyme Sprache eingenommen hatte, die man Es nennt.” (S. 49)

Chapsal, Madeleine: Französische Schriftsteller intim. Ins Deutsche übertragen von Sabine Gruber. München: Matthes & Seitz. 1989; hier S. 29-50

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