Eine schöne [gesellschaftskritische] Geschichte

H. G. Wells schrieb den Roman Die Zeitmaschine, den ich just gelesen habe. Bislang kannte ich zwei Verfilmungen, von denen mir nur die neuere noch halbwegs in Erinnerung geblieben ist. Jene Filmfassung weicht in Teilen von der Romanversion ab. Die Kritik, die einer meiner Freunde an der Logik der Geschichte bemängelte lässt sich höchstwahrscheinlich auf die “Un-Logik” des Filmes, nicht aber auf den Roman von Herbert G. Wells selbst entfalten. Mir liegt es fern, hier und jetzt die Geschichte des Zeitreisenden, wie er in der Übersetzung genannt wird, komprimiert wiederzugeben. Vielmehr bin ich darauf aus, die gesellschaftskritischen Töne, die man diesem Werk entnehmen kann, ein wenig näher zu beleuchten.

Während kurz vor Schluss des Romans der Protagonist in seiner Zeitmaschine aus der Zeit des Jahres 802701 geraden noch entkommen kann und noch ein paar kurze Schritte in Richtung des Endes jedweder Zivilisation unternimmt, ist das nicht die eigentliche Kritik, die Wells äußert, sondern nur das Nachdruck verleihende Ende einer solchen. Zuvor gerät der Zeitreisende, sicherlich in der Retrospektive – er erzählt die erlebten Geschehnisse im illustren Kreis von einigen Zuhörern in den Wänden seines Hauses – zu der sehr schwerwiegenden Erkenntnis, wie die Menschheit sich vom Zeitpunkt seiner Welt hin zu einer sehr düsteren Vision hin entwickelt haben muss. Während der erste Blick noch ein paar positive Aspekte birgt – der Zeitreisende wird in den ersten Tagen seines Aufenthaltes lediglich mit dem Verschwinden der Sprachfähigkeit und des Intellekts, dafür allerdings mit dem Gewinn von Unbeschwertheit und zugleich dem Verlust von Angst konfrontiert, wie er zunächst zu denken gewillt ist. Eine Lebensform, die ihn wegen ihrer Körpergröße an menschliche Kinder erinnert nimmt ihn nicht bewusst im Kreis der ihren auf, vielmehr muss er schnell feststellen, dass die Ressourcen des Verstehens bei diesen Wesen (Eloi) begrenzt scheinen. Während seines bald 2 Wochen währenden Aufenthalts dort wird er jedoch in vielen Punkten eines besseren belehrt.

Weena z. B. macht eine Ausnahme, dieses weibliche Kindswesen, dass er nach einigen Tagen im Jahre 802701 kennen lernt, geht eine Art Beziehung zu ihm ein, wenngleich er selbst es schwer hat und der Leser es schwer haben wird, diese Form der Beziehung näher zu bestimmen. In dieser Welt in der Intellekt und Sprachfähigkeit verloren gingen, lässt sich der Zeitreisende zu sehr von der unbeschwerten Lethargie einholen, die dort herrscht. Eines Tages muss er den Verlust der Zeitmaschine entdecken und rennt bald zwei Tage lang auf der Suche nach seiner Erfindung über diesen Planeten. Dabei stößt er auf Anzeichen weiteren Lebens, dass jedoch unter der Erde zu hausen scheint. Die Morlocken sind im Gegensatz zu den Eloi Fleischfresser und langsam beginnt der Zeitreisende zu ahnen, wie sich die Menschenrasse von einst aus einer vollkommen scheinenden Aristokratie, in der die Spaltung zwischen Oben und Unten, zwischen Arm und Reich immer offensichtlicher geworden war, in eben die Eloi und die Morlocken entwickelt haben müssen. Der Wohlstand lies die Reichen sich abgrenzen, machte sie gemütlich und ließ sie faul werden, sodass sie am Ende nicht merkten, wie ihre Intelligenz mit der Zeit schwand, wenngleich die äußeren Lebensumstände sie sich nicht sorgen ließ. Der Abschaum hingegen durfte verslummen, und sich den Reichen dienstbar und Untertan machen. Langsam und doch stetig wurde das Dunkel ihr zu Hause, sie fühlten sich im Untergrund wohl. Ausgangspunkt für solche Spekulationen der räumlichen Verdrängung sieht der Zeitreisende in dem Verhalten bereits zu seiner Zeit bestätigt, wo besonders das Gesindel die Nachtzeit nutzte und die Untergrundbahnsteige und dunklen Ecken der Städte bevorzugte. Jedoch macht Not erfinderisch und lässt nicht faul werden. Wenngleich die Morlocken eine körperliche Mutation durchmachten, die sie in den Augen des Zeitreisenden hässlich erschienen ließ, machte die Zeit sie nicht derart dumm und sprachlos wie sie es mit den Eloi anstellte.

Der Autor präsentiert dem Leser ein Endzeitszenario, das er in Form des Zeitreisenden bereits zu kommentieren versucht. Am Ende bleibt jedoch die Frage offen, ob sich der Zeitreisende, der kurz nach seiner Rückkehr, nachdem er seine ungeheuerliche Geschichte erzählt hatte, erneut auf die Zeitreise begab, dies aus dem Grund tat, weil er die Welt davor retten wollte, zu schnell den Fortschritt zu erreichen, und sie somit in ihrem Lauf zumindest aufzuhalten. Oder aber wollte er sich mit seinem Wissen darum kümmern die Verhältnisse der Zukunft zu verändern? Vielleicht suchte er auch sein Glück in einer Beziehung, die ihm zunächst komisch vorgekommen war, und erst im Nachhinein als wertvoll und wunderschön aufgegangen war. Mit dieser Frage wird der Leser allein gelassen und jeder mag sich die Gedanken selbst fortentwickeln, wenn er die Geschichte, die, wie ich finde, eine schöne Geschichte ist, selbst gelesen hat.

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