“Macht Alkohol schlau?”

So fragt in meinen Augen eine Webreporterin (Bonbonzicke – Name v. d. Red. geändert) der Newscommunity Stern Shortnews in ihrer Überschrift ziemlich naiv danach, ob die Wirkung von Alkohol den Menschen schlau machen würde. Sie beruft sich dabei auf einen kleinen Artikel in der RP-Online über Ergebnisse einer australischen Studie. Kritik verdient die reißerische Überschrift der Bonbonzicke schon deshalb, weil sie eine Antwort suggeriert, die vollkommen an den Ergebnissen der Studie vorbei geht.

Mitschuld trägt der Artikel “Warum Wein und Bier schlau und erfolgreich machen” bei der RP-Online, und die offensichtlich positive Grundeinstellung von Bonbonzicke (im Folgenden kurz BZ), Alkohol und dessen Konsum betreffend. Der Artikel von BZ, der dem Namen der Community (short = engl. für kurz) alle Ehre macht, beschränkt sich auf acht knappe Zeilen. In den ersten beiden gibt BZ die These der Studie verknappt wieder, merkt dann aber in den Zeilen drei und vier nicht wie sie im Grunde bereits der zuerst genannten Aussage damit einen Riegel vorschiebt und sie als nicht haltbar entlarvt.

In ihrem Kurzartikel schreibt BZ nämlich zunächst Folgendes:

“Forscher der Universität in Sydney fanden in einer Studie heraus, dass Alkohol in begrenzten Mengen das Denkvermögen fördere. Nicht-Trinker, so das Ergebnis der Studie, seien häufiger arm und ungebildet als Leute, die Alkohol in Maßen konsumieren” (Shortnewsartikel von BZ).

Es wird eindeutig, dass die Aussage, Alkohol in begrenzten Mengen würde das Denkvermögen fördern, bereits zu der Art des darunter präsentierten Ergebnisses im Widerspruch steht. Zeilen drei und vier lassen vermuten, dass man lediglich Fragebögen zu diesem Thema ausgewertet habe und im Endeffekt Größen wie Einkommen, Bildung, etc. mit dem Volumen an Alkoholkonsum in Verbindung bringen will. Dass diese sehr oberflächliche Verknüpfung von potenziellen Einflussfaktoren mit irgendwelchen Indikatoren mehr als fragwürdig ist, wird z. B. im Grundstudium der Sozialwissenschaften vermittelt.

Doch gehen wir der Sache – wie immer – auf den Grund. Die RP-Online schreibt bereits acht Zeilen in ihrer einleitenden Zusammenfassung und geht dann im eigentlichen Artikel noch ein Mal doppelt so viele Zeilen, rein quantitativ betrachtet, über die Wiedergabe von BZ hinaus. Wir erfahren bei RP-Online unter anderem, dass

“[g]eringe Mengen Alkohol […] die sprachliche Ausdruckfähigkeit, Auffassungsgabe und das Erinnerungsvermögen” (RP-Online)

fördern. Was sagen wir jetzt dazu?

Uih, toll! Also lass mal das Saufen anfangen und schlau werden.

Mach mal halblang. So einfach ist die Sache nämlich nicht.

Und so einfach ist die Sache nämlich wirklich nicht. Denn:

“Übertreibt man es, verkehrt sich der Vorteil ins Gegenteil” (ebd.).

7000 Personen hat das australische Forscherteam befragt. Die Versuchspersonen verfügten über eine Varianz von 44 Jahren im Alter. Der oder die Jüngste war 20 Jahre alt und der oder die Älteste 64 Jahre jung. Dabei wurden drei Gruppen in Alterskorridoren erstellt, und die Versuchsanordnung sollte derart eine vergleichende Längsschnittanalyse darstellen. Bereits bei RP-Online ist von einem berechtigten Einwand der Forscher selbst zu lesen.

“Die Forscher betonten jedoch, dass die Ergebnisse nicht hinreichend seien und dass der Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und Denkvermögen tiefer gehend untersucht werden müsse” (ebd.).

Moderater Alkoholgenuss, innerhalb der Grenzen, die das Forscherteam dafür vorgesehen hatten, sollte eine derartige Verbindung nachweisen. Fahrlässig ist eine derartige Versuchsanordnung nicht, jedoch ist das Ergebnis, selbst bei positiver Korrelation, in meinen Augen nicht als eine Anleitung fürs Trinken aufzufassen. Drei Jahre Tätigsein im Bereich der ambulanten und stationären Drogen- und Suchttherapie haben mir persönlich gezeigt, dass es Hinz und Kunz treffen kann, der oder die hernach süchtig werden und dass es in diesem Fall keinerlei probate Grenzwerte geben kann. Jeder reagiert unterschiedlich auf den Konsum von Drogen, Alkohol ist da keine Ausnahme, und so würde es mich nicht wundern, wenn trotz der Angabe von Grenzwerten für moderaten Alkoholgenuss Leute dadurch auf Dauer alkoholabhängig werden könnten.

Harald Juhnke ist ein Beispiel von vielen, in denen Personen des öffentlichen Lebens vorgemacht haben, wie es besser nicht nachgemacht werden sollte. Deutschlands Trinkerjugend hatte in einem Schlagersong sogar ein Idol in Harald Juhnke sehen wollen. Dass man eine Schlagzeile auch anders als BZ formulieren kann zeigt der Wissenschaftsteil vom ORF-Onlinemagazin. Der titelte nämlich:

“Moderater Alkoholkonsum schadet Intelligenz nicht” (ORF-online).

Gleichzeitig erfährt man dort überdies, dass der Vorteil moderaten Alkoholgenusses in der Anregung gewisser Denkfähigkeiten nicht nur gegenüber Leuten besteht, die viel mehr trinken, sondern auch gegenüber Abstinenzlern (vgl. ebd.). Da leider nirgends die Namen der beteiligten Wissenschaftler mitveröffentlicht wurden, bestand für mich keine Möglichkeit in einem zeitlich angemessenen Rahmen direkten Zugriff auf die Ergebnisse zu erzielen und somit eventuell noch weitere Aussagen bezüglich dieser Forschungsergebnisse zu tätigen. Doch aus meinen eigenen Unterlagen, einer Sammlung von wissenschaftlichen Artikeln zum Thema Alkohol und Alkoholmissbrauch wird ersichtlich, dass eine derartige Studie nicht neu ist. Für diejenigen, die des Englischen mächtig sind und sich dafür interessieren, gibt es einen Artikel aus 2002, der bereits auf einen Einfluss moderaten Alkoholgenusses verwies, der die Hörfähigkeit von Versuchspersonen verbesserte (vgl. Macquarie University).

Weiterhin besteht vielleicht ein Zusammenhang zwischen vermindertem Krebsrisiko und Alkoholkonsum und ebenso zwischen der Langlebigkeit der Nieren oder sogar dem Risiko für Schlaganfälle. Schlecht hingegen sei der Konsum von Alkohol für Frauen während der Schwangerschaft weil, vereinfacht ausgedrückt, dass Kind mittrinkt. Ebenfalls kann übermäßiger Alkoholkonsum, vielleicht sogar moderater Genuss zu Schlafstörungen führen; die bereits geäußerte Kritik und die ebenso noch folgende Kritik können auf die geschilderten bislang hypothetischen Verbindungen zwischen gewissen Entitäten und Alkohol(konsum) ausgeweitet werden. Bereits im Jahr 2000 schien eine Studie aus Tokio ein ähnliches Ergebnis wie das der Forschergruppe aus Sydney vorweg genommen zu haben (vgl. lifeline).

Das Problem ist aber in dieser Darstellung wiederum, dass nicht eindeutig festgestellt werden kann, ob wirklich der Alkohol diesen Einfluss ausübt. Die getesteten Personen könnten allesamt andere Eigenschaften, Lebenweisen, usf. aufgewiesen haben, die für ihren höheren IQ (zumal nur ca. 3 Punkte) verantwortlich gemacht werden könnten. Wenn jemand in der Versuchsanordnung derart vorgeht, findet er im Endeffekt fast nichts. Er findet immerhin ein Indiz, einen Anhaltspunkt. Doch dieser müsste dann in weiteren Studien abgesichert werden und es müssten andere Versuchsanordnungen dagegen gestellt werden, die auf einen Zusammenhang von z. B. dem Körpergewicht der Probanden, ihrem Cholesterinspiegel, ihrer Haarfarbe, weiß der Kuckuck von was für potenziellen Indikatoren, ausgeht und versucht zwischen diesen eine Verbindung nachzuweisen. Dabei könnte am Ende dann heraus kommen, dass der Alkoholgenuss gar nicht der ausschlaggebende Punkt gewesen sein muss, sondern sogar noch die gegenteilige Wirkung unbemerkt entfalten konnte.

Ganz fiktiv unterstellt: Personen mit schwarzen Haaren und wenig Cholesterin im Blutbild wären eventuell noch intelligenter, wenn sie auf den Alkohol verzichten würden. Diese Beliebigkeit in der Versuchsanordnung lässt sich ungefähr so interpretieren: Die Leute sehen nur das, was sie sehen wollen! Wenn die Forscher sich nicht bewusst machen, was genau ihre Versuchsanordnungen bereits im Vorfeld für Weichen stellt, können am Ende vielleicht gar keine anderen Ergebnisse dabei heraus kommen. Es regiert die Beliebigkeit und die Wissenschaft verkümmert zum Selbstzweck. Doch bei so viel Kritik muss angemerkt werden, dass in dem lifeline-Artikel auf eine solche Verkettung von Umständen oder das Fehlen des direkten Zusammenhangs wie folgt hingewiesen wurde:

“Den Grund für den Zusammenhang zwischen Alkoholgenuss und Intelligenz sehen die Wissenschaftler eher in den Ernährungsgewohnheiten insgesamt: Japaner, die gern Reiswein trinken, neigen auch mehr dazu, rohen Fisch zu essen. Die essenziellen Fettsäuren im Fisch haben eine positive Wirkung auf die Gehirnentwicklung. Rotwein-Trinker essen mehr Käse und stärken ebenfalls durch den Fett-Gehalt des Käses ihr Gehirn. Wenn es das alkoholische Getränk selbst ist, das für eine erhöhte Intelligenz sorgt, dann seien es so genannte Polyphenole, die die entscheidende Rolle spielen, erklärten die Forscher. Sie haben positive Wirkungen auf den Alterungsprozess des Körpers. Zum Beispiel erweitern sie verengte Arterien” (ebd.).

Das aber heißt für die Ergebnisse aus Sydney oder generell für die Empfehlung, Alkoholkonsum würde in irgendeiner Weise gut sein:

Vorsicht!

Denn wenn nun jemand zum Glas oder zur Flasche greift, weil er davon überzeugt ist, er oder sie würden sich damit selbst etwas Gutes tun, könnte sie gleichsam ihr blaues Wunder erleben. Mit der oben zitierten Stelle korrelierend könnte man sagen, dass Personen, die beispielsweise Fastfood-Junkies sind, vielleicht gar keinen Vorteil davon haben, oder, wenn man noch weiter ausholt, vielleicht sogar nur die wenigsten Leute einen Vorteil im Bereich der Intelligenz bei gleichzeitigem Alkoholgenuss verspüren werden. Also, viel Spaß beim Vermehren der gewonnenen Einsichten.

2 Comments

  1. Den Alkohlkonsum benötigen wir genauso wie den Zigaretten und Rauschmittelkonsum um wertvolle Arbeitsplätze in dieser Sparte zu erhalten. Auf die Steuern können wir nicht verzichten. Und auf die ganzen Arbeitsplätze und Therapiezentren können wir auch nicht verzichten.Auf die wissenschaftlichen Betrachtungsweisen und die Leute die sie erarbeiten können wir auch nicht verzichten,sonst hätten wir ja noch mehr arbeitslose Akademiker.Die Alkies und Junkies und alle Substanzenabhänigen schaffen und erhalten,durch ihr uneinsichtiges rückfälliges Verhalten, eine grosse Zahl an Arbeitsplätzen.
    Sie sind sozusagen die Arbeitgeber für Therapeuten und Pychologen und Ärtzte und andere geringverdienden Berufsgruppen.
    Wie anders läßt es sich erklären das unser Sozialsystem diese Institutionen immer noch finanziert?
    Rückfallquten von 80% im ersten Jahr nach einer Langzeitterapie sind Fakt!
    Nach 5 Jahren sind es 100%.Diese Therapien kosten viel Geld.
    Kein Unternehmen in der freien Marktwirtschaft dürfte sich erlauben solche Ergebnisse als Erfolg zu verbuchen.
    Dieses gelingt nur Psychologen,Therapeuten und anderen Gefühls und Gehirnakrobaten; Oder breitgesoffenen zugekifften armen Kli(nik)enten denen gebetsmühlenartig Besserung versprochen wird wenn sie nur endlich die angeboten Hilfe lernen anzunehmen.
    Dieses Konzept ist auch reformbedürftig. Oder nicht?
    Nur wieviele Therapeuten müssten wir dann therapieren oder supervisionieren.
    Vieleicht gingen garnicht soviele Arbeitsplätze verloren?-. Vieleicht würde sich alles nur verlagern.Sozusagen Therapeuten werden zu Kli(nik)enten sowie Täter zu Opfern und Opfer zu Tätern?
    Alles eine Sache der Betrachtungsweise.

    Für die Fastfood- junkies gilt : Intelligenz säuft, Dummheit frisst.

  2. Mh, ich muss sagen, gibt es da noch eine Betrachtungsweise nach der Sintflut? *g* Wer wie viele Arbeitsplätze schafft steht auf dem Papier. Machen wir dies nicht, tun wir das. Wenn wir uns nicht mehr tot saufen, vielleicht kommen wir dann alle in den Himmel und am Ende gibt es ganz viele neue Himmelspfortenwärter?!
    Ich habe 3 Jahre in so einem Laden gearbeitet und manche der Beschäftigten dort haben, wie z. B. auch ein Teil der Leer… pardon Lehrkörper und viele andere Leute in vielen anderen Berufszweigen, fassen allesamt ihre Arbeit nur als Mittel zum Zweck auf. Am Ende kommt etwas halbgares, unausgewogenes dabei heraus. Schrecklich, wie wenig nachhaltig gerade im Bereich Bildung und Gesundheit “gearbeitet” wird. Müssen Akademiker Arbeitsplätze haben? Müssen wir jedem eine Jobgarantie geben? Brauchen wir eine Bundeswehr? Fragen über Fragen. Intelligente Leute, oder welche, die es sein wollen, werden sich schon zu beschäftigen wissen, selbst wenn man ihnen dafür kein Geld gibt – zumindest denk ich das. 🙂
    Wo die Kette in dieser Gesellschaft anfängt und wo sie aufhört ist eigentlich egal, weil auch die Tatsache, dass es Therapeuten gibt im Grunde eine Ausrede für Leute sein kann, die unbedingt die Erfahrung machen möchten, wie es ist, für immer von einem dellirischen Dauerzustand fortzukommen. Um krank zu sein, muss man nicht wissen, wie es ist, gesund gewesen zu sein. Rückfallquoten von 99% + Dunkelziffer werden angenommen, wenn man über das erste Jahr hinaus geht. Die Frage ist ja, ob wir Sissiphos sein wollen, oder einfach nur ein Spielverderber. Mir ist auch oft der Gedanke gekommen und meine Kollegen haben mich manchmal sehr despektierlich für meinen Idealismus angeschaut, doch ich finde, es lohnt sich immer. Aufgeben kann man immer noch. 😉 Therapien kosten Geld, richtig, aber Geld ist doch im Grunde nur eine Fiktion, von daher kann man gut damit Leben. Ob Leute es haben, oder andere es ausgeben spielt in Wirklichkeit nur an der Oberfläche der Gesellschaft eine Rolle, denn Zufriedenheit stellt sich erst jenseits dieser oberflächlichen Ebene ein. Wer Hunger leiden muss, kann sich über Essen freuen, wer friert wird kaum ästhetische Beschwerden erleben können und so gibt es viele Dinge, die im Grunde nur eine Frage der persönlichen, subjektiven Beurteilung sind, wenn nicht gar unser ganzes Leben im Grunde nur von uns selbst abhängt, oder aber einer höheren Gewalt.
    Ich habe in dem Artikel hauptsächlich versucht darzustellen, wie wenig fundiert so eine oberflächliche Pamphlete ist, die dort abgedruckt wurde, wie wenig man erfährt. Dein Kommentar allein führt Aspekte an, die schon aus der Betrachtung desjenigen Journalisten heraus gefallen sind. Man kann nicht “alles” erwähnen, aber man kann, finde ich, fairerweise erwähnen wollen, was man alles “nicht” erwähnt hat. 🙂
    Supervision, tolles Wort. Vielleicht schreckt aber gerade dieses Fremdwort die Kollegen in einem Kollegium ab, über die Missstände ihres kollegialen Kollektivs zu kommunizieren?! Ich selbst habe nie einer Supervision beisitzen dürfen, da ich nur “studentischer Pflegehelfer” getitel wurde, aber habe aus Interesse immer in Erfahrung bringen können, dass ein Großteil derjenigen, die daran teilgenommen haben, keinen Sinn darin gesehen haben, offen miteinander umzugehen, wenn jemand Fremdes dabei war. Der Grund dafür liegt darin verborgen, dass sie es auch ohne fremde Einflüsse nicht geschafft hätten. Erst, wenn man etwas für sich selbst in Erfahrung bringt, kann man darüber nachdenken etwas zu ändern. Doch Therapeuten sind schwerlich therapierbar und meist über alle Dinge erhaben. Was sicherlich kein repräsentatives Vorurteil darstellen kann, weil dazu mehr Empirie, als die qualitative Beobachtung eines singulären Akteurs von Nöten wäre.

    Essen ist doch auch was Schönes, oder? Maintenant, merci pour plus de mots. 🙂 Jederzeit ein gerne wiedergesehener Gast.

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