Positivismus à la Hermand

Sicherlich habe ich auch hier wieder irgendetwas gelesen, das dann am Ende ein wenig Licht ins Dunkel bringen sollte. Doch lasse ich das wissenschaftliche Schreiben mal ein wenig beiseite und bin dieses Mal ein wenig informeller. Wer unbedingt selbst nachlesen will, dem sei der Titel verraten: Jost Hermand – Synthetisches Interpretieren. Der Untertitel lautet Zur Methodik der Literaturwissenschaft, und zumindest das Inhaltsverzeichnis deutet an, dass es um eine Darstellung der Methodik der Literaturwissenschaft, in welchem Sinne auch immer, gehen könnte.

Nachdem sich Jost Hermand im Vorwort nicht mit viel Ruhm bekleckerte, die Engstirnigkeit der einzelnen Positionen in der Literaturwissenschaft an den Pranger stellt, muss ich, nachdem ich das erste Kapitel Aufstieg und Fall des Positivismus gelesen habe, wohl einräumen, dass Hermand so viel dazu geschrieben hat und doch so wenig damit ausgesagt hat. Sein sprachlicher Duktus ist dem heutigen etwas fremd, das liegt u. a. an der zeitlichen Differenz von bald 40 Jahren seit Erscheinen des Buches bis heute. Und wenn Hermand in dem Titel den Snobbismus mancher Kollegen beklagt, so sollte er sich vielleicht selbst angesprochen fühlen. Die Methodik der Literaturwissenschaft erklärt sich bestimmt nicht durch unnötig verkomplizierte und verklausulierte, in einem Folianten synthetisierten Prosawerk vorgestellten Verse.

Worum es eigentlich geht kommt nur relativ knapp bei Hermand, und auch nur sehr unverständlich hervor. Zunächst geht es darum, dass Geschichtlichkeit und Fortschritt zueinander gehören können, aber nicht von jeher zusammen stehen. Es bedarf einer Konkretisierung. Historismus sei ein notwendig Ordnung stiftendes Prinzip. Indem man die Geschichtlichkeit zuließe, würde man Veränderbarkeit prinzipiell unterstellen und somit Fortschritt nicht ablehnen, respektive sogar befürworten. In der Geschichte des Positivismus, erläutert Hermand, ist bezüglich des Verständnisses von Historismus und technokratischem Fortschrittsglauben einiges durcheinander gewürfelt worden, im Wandel suchte man dann wieder den Weg weg von einer Synthese, jede Entität sei gegenüber einer anderen gleichberechtigt. Dies führte laut Hermand zur Entpolitisierung und dem Verlust von Fortschrittgläubigkeit. Ein Ergebnis jedoch sei der Positivismus, eine Methodik der Literaturwissenschaften, die auf bloßes, oberflächliches Sammeln von Fakten konzentriert ist und alle ideologischen Fragen beiseite zu legen versucht; Positivismus sei nichts anderes als eine vordergründige Geschichtswissenschaft, ein Sammeln von Fakten ohne die Auseinandersetzung mit den gewonnen Fakten zu suchen. Ich werde mir vielleicht noch ein zweites Kapitel dieses Buches antun, doch dem guten Herrn Hermand nicht unbedingt noch eine dritte Möglichkeit, mich zu ärgern, sollte sich keine Besserung einstellen.

Erkenntnisgewinn?

Fehlanzeige!

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