Verbindung von sozialem und symbolischem Raum

Im Nachhinein betrachtet hat die Lektüre dieses Aufsatzes Sozialer Raum, symbolischer Raum aus Bourdieus Buch Praktische Vernunft vor allem als einführende Erläuterung, als Vorstellung Bourdieus Konzept des sozialen Raums gedient. Der Aufsatz entspricht in einem ersten Teil einem Vortrag, den Bourdieu 1989 in Japan gehalten hat, und in einem zweiten Teil einem Vortrag, den er im selben Jahr in Ost-Berlin gehalten hat. Doch beginnen wir vorne…

Bourdieu referiert über sein Konzept des sozialen Raums am Beispiel Frankreichs aus den 1970er Jahren. Er gibt dabei zu bedenken, dass seine Vorgehensweise, schon bei der Entwicklung des Projekts nicht hoch theoretisch gewesen sei und auch nicht ist (vgl. S. 13). Er erarbeitet sich Erkenntnisse vielmehr an einem Spezialfall (Frankreich), der es trotzdem erlaubt Rückschlüsse auf das Mögliche zu ziehen (vgl. S. 14). Seine Arbeitsweise charakterisiert Bourdieu wie folgt: “Konkret bedeutet dies, daß eine Analyse des sozialen Raums, wie ich sie am Beispiel Frankreich in den 1970er Jahren entwickelt habe, eine auf die Gegenwart angewandte vergleichende Geschichtswissenschaft ist oder eine mit einem besonderen kulturellen Raum befaßte vergleichende Anthropologie, die den Zweck verfolgt, das Invariante, die Struktur, in der beobachteten Variante zu erfassen” (ebd.).

Noch konkreter geht es darum, “die Prinzipien der Konstruktion des sozialen Raums oder die Mechanismen der Reproduktion dieses Raums, und diese in einem Modell darzustellen, das Anspruch auf universelle Gültigkeit erhebt” (S. 15). Als Prämisse und gleichzeitig Kritik am substantiellen Denken formuliert Bourdieu einen relationalen Standpunkt in der Herangehensweise (vgl. ebd.). Praktiken und Güter sind nicht intrinsisch, wie er es nennt, mit sozialen Positionen gekoppelt, sondern lediglich zu einem bestimmten Zeitpunkt bei bestimmter Konstellation im Raum.

Wie konstruiert man den sozialen Raum? Bourdieu beschreibt den Vorgang derart, dass man sich zunächst über die grundlegenden Differenzierungsprinzipien, die Formen von Kapital, bewusst werden muss, und dies anwenden. Für die französische Gesellschaft sind dies das ökonomische und kulturelle Kapital. Der soziale Raum erhält dann zwei Dimensionen. Die eine verläuft entlang des Volumens des Gesamtkapitals und die zweite entlang der relativen Gewichtung der einzelnen Kapitalsorten, also ob ökonomisches Kapital oder kulturelles höher bewertet werden (vgl. S. 19f.). Sodann stellt Bourdieu fest, dass es eine Entsprechung vom Raum der Positionen und dem Raum der Positionierungen gibt (vgl. S. 20), und er stellt überdies fest, dass die im Raum gekennzeichneten Unterschiede zunächst nur Unterschiede sind, und erst in der Praxis das inkorporierte Schema (Habitus) Bedeutung produziert (vgl. S. 22f.). Unter dem Aspekt der Logik der Klassen weist Bourdieu explizit darauf hin, dass die theoretischen Klassen keinen realen Klassen in der Gesellschaft entsprechen.

Was leistet also das Modell? “Das Modell bezeichnet also die Distanzen, aus denen sich Begegnung, Affinitäten, Sympathien oder selbst Wünsche vorhersagen lassen” (S. 24). Die Logik der analytisch gewonnenen Klassen erlaubt es, von vorhandenem Potential zu sprechen, dass allerdings erst erschlossen und nutzbar gemacht werden muss. Nähe einzelner Positionen im sozialen Raum birgt dabei ein größeres Potential des Zusammenschlusses der Positionsträger, als Entfernung (vgl. S. 24f.). Noch ein Mal: Das Vorhandensein eines sozialen Raumes, die bloße Existenz von Unterschieden, zieht die Behauptung oder sogar Existenz von Klassen nicht nach sich. Klassen existieren sehr wohl virtuell, müssten in der Realität aber erst durch Arbeit hergestellt werden (vgl. S. 26). Von einem sozialen Vakuum kann man trotzdem nicht sprechen. Denn die Konstruktion des Raumes geschieht ja sehr wohl individuell und kollektiv (vgl. ebd.). Zudem bestimmt die Position im Raum auch die Vorstellung vom Raum, man ist demnach nie vollkommen unbefangen, aber auch evtl. eingeschränkt in seiner Rezeptionsweise (vgl. ebd.). Für die wissenschaftliche Arbeit am Objekt zieht das eine vorherige Distanzierung vom Untersuchungsobjekt nach sich. Der Vortragstext (Japan) endet an dieser Stelle mit einem Verweis auf morgen, wird aber auf der folgenden Seite nicht weitergeführt, sondern es folgt ein zweiter Vortrag aus dem Jahr 1989, der als Anhang übertitelt wird. Ähnlich ist er auch zu lesen. Denn streckenweise wiederholt sich Bourdieu nur in den Ausführungen, er schildert zunächst wieder das Konzept des sozialen Raums, trägt einige Gedanken im Vergleich zu davor gedrängter dar. Er stellt auch hier wieder die Frage: Wie kann man die Übertragbarkeit auf andere Gesellschaften bewerkstelligen? Man konstruiert zunächst den Ram, abstrahiert die grundlegenden Strukturen und kommt so zu seinen Erklärungen der Zusammenhänge (vgl. S. 28f.). Ergänzend fügt Bourdieu in diesem Artikel jedoch eine dritte Dimension des sozialen Raums ein. Diese richtet “sich nach der Entwicklung von Umfang und Struktur” des Kapitals über die Zeit (vgl. S. 29). Am Beispiel der DDR kann Bourdieu die relative Gewichtung von Kapitalsorten und damit eine unterschiedliche Begründung für im Prinzip die gleiche Struktur finden. In der DDR war ökonomisches Kapital nicht wirklich wichtig, dafür aber politisches Kapital. Es sichert die private “Aneignung von öffentlichen Gütern und Dienstleistungen” (S. 30). So viel zu diesem Aufsatz, der in seiner Beschreibung insgesamt jedoch noch recht oberflächlich bleibt und vielleicht auch deshalb leichter eingängig ist, als die komplexeren Arbeiten Bourdieus.

Bourdieu, Pierre, 1998: Sozialer Raum, symbolischer Raum. In: Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns - Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 13-32.

Leave a Reply