Dichotomie

… ist ein Stichwort mit dem Christa Bürger in einem Wort sehr viel von der Situation aus dem Ende des 18ten Jahrhunderts und den Anfängen des 19ten Jahrhunderts, also der Epoche der Weimarer Klassik, zusammenfassen kann. Das 24te Kapitel ist nicht umsonst genauso (Dichotomie) überschrieben. Zwar beginnt Bürger zunächst mit einer Impression über zwei Frauen aus der Institution der Literatur, verliert sich dann jedoch in der Diskussion um die Dichotomisierung der damaligen Zeit. Sie schreibt über einen sich damals vollziehenden Trennungsprozess, der zur Trennung von hoher und niederer Literatur führte.

Obgleich dieses Kapitel relativ umfangreich ist, lässt sich sein Inhalt dennoch recht unmittelbar auf diesen einen Nenner bringen. Christa Bürgers Intention liegt darin, an der Folie des Modernisierungsprozesses, den sie für ihre Betrachtung von der Welt zugrunde legt, den Trennungsprozess nachzuvollziehen, zu reflektieren, der in der Zeit der Weimarer Klassik einsetzte und in einem nicht unwesentlichen Aspekt zur “Trennung von Kunst und Lebenspraxis” (S. 210) führte. Die Institution Literatur strebte nach Autonomie und entfremdete sich damit zusehends von der gesellschaftlichen Öffentlichkeit (vgl. S. 211). Die Dichotomie von Autonomie und Lebenspraxis schien analog zu der von hoher und niederer Literatur.

Erstgenannte verkennt den lebenspraktischen Bezug, während die andere gerade in der Ablehnung des Autonomiebekenntnisses aufgeht. Die Einstellung gegenüber der Wirklichkeit war in beiden Lagern eine unterschiedliche; sie erlaubte der Institution Kunst die Unterscheidung zwischen Werk und Nicht-Werk (vgl. S. 216). Diese Trennung, von der Bürger schreibt, und die sie eindeutig zu beschreiben weiß, vollzieht sich jedoch nicht sofort, sondern erst allmählich. Der Weg geht “[v]om ‘menschlichen Elend’ zum ‘Himmel auf Erden’, vom Auklärungsroman zur Unterhaltungsliteratur” (S. 217). Letztere hat jedoch für Bürger selbst einen faden Beigeschmack. “Als Genußmittel konsumiert, kann Literatur nur süchtig machen und unfähig zum vernünftigen Gebrauch” (S. 213). Die Situation, die Bürger beschreibt, stellt sich wie folgt dar: “Die literarische Elite entzieht sich der Kultivierung der Publikumsbedürfnisse und der Diskussion um die Herausbildung einer als sinnhaft erfahrbaren bürgerlichen Gesellschaft. Die große Mehrheit der Literaturkonsumenten wendet sich von einer autonomen (hohen) Literatur ab, die ihnen die Befriedigung lebenspraktischen Bedürfnisse verweigert” (S. 218). Ebenso dichotomisch angelegt wird das Bildungssystem. “Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts übernimmt der gymnasiale Deutschunterricht die Literaturvorstellungen der Weimarer Klassik und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Kanonisierung der klassischen Literatur” (S. 221). Die Situation auf der Volksschule stand dazu im krassen Gegensatz (vgl. S. 222).

Bürger, Christa, 2003: Mein Weg durch die Literaturwissenschaft. - Frankfurt am Main: Suhrkamp. (=es 2312); hier Kapitel 24. Dichotomie, S. 208-224.

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