Kopfgeburten von Grass

Der ganze Titel des Buches lautet Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus, und ist keine gewöhnlich schwere, bis leichter werdende Kost von Grass. Auffällig ist die Machart des Buches. Der Leser wird mit einer Art Zwiegespräch konfrontiert, das aus verschiedenen Positionen verschiedene Positionen schildert und am Ende einige Handlungsschauplätze und Themen abarbeitet. Dies geschieht sprunghaft, mit Schlagworten überleitend, den Versuch unternehmend, das Eine mit dem Anderen zu verbinden. Der Titel deutet insgesamt nur ein Thema an, vielleicht das dem Autor wichtigste Anliegen. Meine Ausgabe, die ich zur Hand nehme, habe ich erst am Wochenende auf einem kalt verregneten Trödel erworben, für einen Euro und es stimmt mich tröstlich, dass mich mein selbstdiszipliniertes Interesse dazu treibt, das Buch bislang beinahe zur Hälfte gelesen zu haben und es aus demselben Grund wohl bis zum Ende zu lesen.

Dieser Titel wird aber kein Buchtipp in dem Sinne, allerhöchstens ein Nischenfüller. Zu speziell sind die Anliegen, zu belastet die Worte. Man wird am Ende zu wissen glauben, wie Grass über das leidige Thema des Kinderkriegens hierzulande und in der Welt denkt. Trotzdem kann das Buch nicht jedem empfohlen werden, der sich mit dieser Frage quält. Kopfgeburten ist ein fiktiver Titel für einen Film, soll es zumindest werden, wurde es aber nie in der Wirklichkeit, oder?! Jedenfalls sinniert Grass über Szenen für diesen Film, der Harm und Dörte Peters, ein Lehrerehepaar aus dem Nordwesten Deutschlands – sie könnten laut Grass überall herkommen -, auf eine außergewöhnliche, auch nicht touristische Einflüsse sammelnde Fernostreise schickt, dort die andere Seite der Medaille zu entdecken. Nicht den Überfluss sondern den Ausfluss. Zum anderen und nicht zum letzten bringt Grass eigene Reiseerinnerungen vor. An manchen Stellen lässt er sich für weitere Szene für Kopfgeburten inspirieren und kommt so von Stöckchen auf Steinchen, zumindest ab und an. Die 68er werden zum Thema gemacht, die Verhältnisse zwischen West und Ost, zwischen BRD und DDR. Dies geschieht anhand erzählerischer Einflechtungen über die Treffen eines kleinen Zirkels von Autoren aus beiden Teilen der Republik, die sich dann und wann zusammengefunden hatten.

Interessant ist dieses Buch jedoch nur für diejenigen, die sich als Zeitzeugen betrachten können oder diejenigen, die so viel darüber wissen (können), dass sie die ganzen Implikationen nicht überlesen. Ich wabere auf einer Welle, die weder den Blick vollkommen versperrt, die es mir aber auch unmöglich macht, einen sicheren Weg in das Areal zu tun. Anbei die Bibliographie meiner Ausgabe, die allerdings nicht mit dem Verweis auf das Buch, weiter oben, übereinstimmt. Das liegt daran, dass meine Fassung schon einige Jahre auf dem Buckel hat und im Kampf um die Kohle längst von einer anderen Auflage aus einem anderen Verlag verdrängt wurde. Das Buch birgt sicherlich einige erwähnenswerte Gedanken. Eventuell werde ich diese noch darlegen, sobald ich die Lektüre beendet habe. We’ll see…

Grass, Günter 1982: Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus. - Darmstadt u. Neuwied: Luchterhand (=Sammlung Luchterhand 356)

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