Netsky, Sasser und kein Unrechtsbewusstsein? – Faken!

Auf den Internetseiten des Kölner Stadtanzeigers findet sich heute ein Artikel, der über den mittlerweile 18-jährigen Sven J., den Entwickler der Würmer Netsky und Sasser berichtet. Gelesen habe ich den Artikel in der Printausgabe des Stadtanzeigers, den ich von heute an, eine Woche lang kostenlos zur Ansicht erhalte und noch nicht einmal irgendwelche Verpflichtungen z. B. eines Abonnements eingehe. Interessant fand ich den Artikel nicht unbedingt wegen der Informationen, die er unmittelbar vermittelt, die direkt in ihm schwarz auf weiß geschrieben stehen, sondern vielmehr die bei mir, während und nach der Lektüre entstandenen Assoziationen.

Im Titel dieses Eintrags weise ich bereits auf das Thema Unrechtsbewusstsein hin, doch zunächst möchte ich ein Mal die Art und Weise, wie der verantwortliche Redakteur den Jungen manchmal beschreibt, kritisieren. Es geht dabei um die Wortwahl bei der Charakterisierung der Person des Sven J. Recht weit zu Beginn des Artikels heißt es: “Um den Mund, aus dem man jeden Satz und jedes wort herausziehen muss, sprießen ein paar Pickel” (KSTA.DE) und zuvor hatte S. K. den Jungen als schlaksigen Teenager geoutet. Der Artikel soll durch die halb-professionelle Schreibweise einen personaleren Erzählstil vorgaukeln, aber bitte nicht auf Kosten dieses Teenagers. Ob er während der Pubertät Pickel um den Mund hat, wie sie der Redakteur des Artikels, als er so alt gewesen ist, wie Sven J. heute, wahrscheinlich selbst um den Mund gehabt hat, ist – denke ich – für sein späteres Leben irrelevant. Vielmehr denke ich, dass dieser – wie ihn S. K. auch darstellt – eher schüchterne Einzelgänger (vgl. ebd.), sollte er diesen Artikel lesen, sicherlich enttäuscht darüber sein wird, wie kollegial, freundschaftlich und interessiert ein Herr S. K. getan hat, als er ihn interviewte und wie wenig er die Person des Sven J. in ihrer Privatsphäre achtet. S. J. ist keine Person von Welt, wie der Papst, George W. oder andere mehr und trotzdem hat er als Mensch ein Recht darauf, fair behandelt zu werden.

Doch kommen wir jetzt zum Thema Unrechtsbewusstsein, dass offensichtlich bei S. J. nicht ausgeprägt war/ist. Im Artikel heißt es z. B.: “Nur manchmal kommt Sven der Gedanke, dass es Ärer geben könnte, aber wie soll man ihn schon finden?” (ebd.). Die Einschränkung mittels der Worte nur manchmal deuten an, dass im Grund das Unrechtsbewusstsein bei S. nicht besonders ausgeprägt gewesen ist, und doch kann ich das ein Stück weit nachempfinden und verstehen. Der Computer, das Internet aber auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind zumindest in unseren Breitengraden kein Rahmen mehr, um besonders trennscharfe moralische Vorstellungen entwickeln zu können, geschweige denn, man bekäme besonders viel davon aus seiner Umwelt mitgegeben. Ich selbst habe so genanntes Faken betrieben, was mir persönlich für einige Zeit jedenfalls, in der ich selbst keine Flatrate hatte, den kostenfreien Zugang ins Internet ermöglichte. Damals, ca. 1999, kam Faken in Mode, weil die Internet-by-Call-Anbieter wie Pilze aus dem Boden sprießten und ihre Anmelde- und Abrechnungsprozeduren dazu einluden, von findigen Leuten ausgetrickst zu werden. Ich selbst habe eher durch Zufall davon erfahren und bin dann zu den erschlichenen und gefälschten Kennwort- und Passwortkombinationen über diverse Internetseiten gekommen, die diese – quasi frei Haus – anboten. Das ging ungefähr so lange gut, bis dass die Firmen den ersten wirtschaftlichen Schaden erlitten, weil ihnen falsche Bankverbindungen oder richtige Bankverbindungen von ahnungslosen Leuten vorlagen, die sich nie bei den entsprechenden Firmen angemeldet hatten. Die dazu notwendige Cleverness erschöpfte sich weitestgehend dann schon darin, sich von irgendwoher eine gültige Bankverbindung zu besorgen. Für die Dümmsten der Dummen wurde in den Internetforen der entsprechenden – wie einem später bewusst wurde – illegalen Seiten, sogar der Hinweis gemacht, dass Firmen auf jede ihrer Rechnungen ihre Bankverbindungen aufdrucken (müssen). Die Zeit, bis dass die auf diese Weise erstellten Internetzugänge aufrecht erhalten wurden, sank kontinuierlich und die Firmen verbesserten die Prozeduren zur Anmeldung, führten Sicherheitschecks durch und man arbeitete später sogar mit der Kripo zusammen, als es darum ging, die Internetverbindungen von Fakern ausfindig zu machen. Die Phase, in der ich laut Gesetzestext Computerbetrug begangen habe, war insgesamt nur von recht kurzer Dauer, da ich recht bald eine eigene Flatrate bekommen sollte. Mein Unrechtsbewusstsein diesbezüglich war bis dahin auch vollkommen außer Betrieb. Das sollte sich auch erst knapp zwei Jahre später ändern. Denn in 2001 geschah es, als ich bereits meinen Zivilidienst angetreten hatte, dass ich von der Kreispolizeibehörde in Bergisch Gladbach zu hören bekam und vorgeladen wurde. Nicht nur einmal, nein, sogar ein zweites Mal. Ich bin glimpflich davon gekommen, habe aber erst zum Zeitpunkt des Eintreffens des Vernehmungsbescheides überhaupt realisiert, dass ich wider das Gesetz gehandelt hatte.

Was ich damit sagen will? Ich möchte an dieser Stelle nichts entkräften oder entschuldigen, aber vielleicht sollte die Gesellschaft als Ganzes auch Wert darauf legen, ihre zukünftigen Staatsbürger zu mündigen und verantwortungsbewussten Akteuren im gesellschaftlichen Spiel zu erziehen, damit solche Dinge erst gar nicht passieren. Ich weiß, wie S. J. sich zum Teil fühlt und doch gibt es bei ihm einen Punkt, der seine Intention sogar weitaus weniger ungesetzlich macht, als mein Faken von Damals. “Der neue Wurm soll eine in Fachkreisen bekannte Sicherheitslücke im Betriebssystem von Microsoft ausnutzen” (ebd.), heißt es in dem Artikel. Doch noch ein wenig später erfährt der Leser dann auch, dass S. am 05. Mai 2004 “seine letzte Sasser-Variante mit einer flehentlichen Bitte versieht, doch endlich das Sicherheitsproblem zu beseitigen” (ebd.). Das Mittel Microsoft aus seine Sicherheitslücke hinzuweisen war mit Sicherheit drastisch und S. hätte wohl einen anderen Weg nehmen müssen, um dem Softwaregigangten aus Redmond von seinen Fehlleistungen zu berichten. Dennoch, irgendwo schwingt ein Aspekt mit, der Microsoft in einer ideellen Dimension der Mitschuld anprangert. Es gibt andere Beispiele aus den USA, wo findige junge Hacker von Firmen für ihre eigenen Unternehmungen in Lohn und Brot genommen wurden. Vielleicht ist das bei S. ja anders, weil er aus D. kommt? Vielleicht aber auch, weil es eine Kosten-/Nutzenfrage ist, die am Ende in den Köpfen der Verantwortlichen nicht genug Nutzen und zu hohe Kosten imaginierte. Es dürfte trotzdem interessant sein, was aus dieser Existenz, die zum jetzigen Zeitpunkt, einem so jungen Zeitpunkt im Leben des S. schon gescheitert scheint, irgendwann einmal zu einem normalen Leben führen kann. Wenn die Gerichtsverfahren beendet und die Forderungen der Ankläger formuliert sein werden, werden wir vielleicht mehr wissen.

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