PR, aber warum?!

Die Überschrift mag schnell zu Missverständnissen führen, die ich jedoch ebenso schnell aufklären möchte. Mit PR ist Bezug genommen auf die Abkürzung, die ich im letzten Beitrag für die Bewegung des Poetischen Realismus verwendete. Es ist festzuhalten, dass die Frage nach dem Warum nicht einfach, sehr wohl aber zweichfach zu beantworten ist. Umwälzungen politischer, sozialer, aber auch naturwissenschaftlich-technischer Art veränderten Deutschland ab der zweiten Hälfte des 19ten Jahrhunderts sukzessive. Nach Roy C. Cowen, der gleichwie nur Positionen anderer Literaturwissenschaftler und Historiker zusammenträgt, gibt es zwei Gründe für das Entstehen dieser Bewegungen, welche letzten Endes doch nur die unterschiedliche Betrachtungsweise ein- und derselben Veränderung meinen.

“Im Grunde kann der Realismus nach 1848 aus zwei entgegengesetzten Perspektiven gedeutet werden. Zum einen hält man ihn für die Konsequenz, die das vom Scheitern der Revolution enttäuschte Bürgertum zog, und zwar im Sinne einer Einengung des Stoffes und einer Dämpfung des Stils. Andere behaupten, […] daß es aber im Vormärz Anhaltspunkte dafür gibt, den nachmärzlichen Realismus für eine Art ‘Erfüllung’ zu halten.” (S. 35)

Quo vadis, PR?! lässt sich demnach ganz gut fragen. Mit Blick auf die technischen und naturwissenschaftlichen Entwicklungen jener Zeit, kann man davon sprechen, dass diese zwar einen Einfluss auf die poetischen Realisten ausübten, und auf die Gesellschaft ihrer Zeit gleichermaßen, jedoch nur einen mittelbaren Einfluss.

“Denn die allergrößten naturwissenschaftlichen Entdeckungen und Theorien des Jahrhunderts werden zwar in Frankreich sofort, aber in Deutschland erst im Zeitalter des Naturalismus aufgegriffen und literarisch ausgewertet” (S. 42).

Die poetisch realistische Literatur fungiert als eine Art Medium zwischen dem Subjektiven und dem Objektiven, zwischen der Idee und der Realität. Gleichwie erstellen die poetischen Realisten auf dieser Folie immer ein geschlossenes System. Dieses jedoch von qualitativer Natur. Dazu im Gegensatz stehen die Naturalisten, die gerne Anfang und Ende ihrer Geschichten offen gestalteten, respektive sogar mussten, da ihr Blick auf die Welt sich nun dem Wissenschaftsglauben gänzlich unterordnete und quantitativ zu Werke ging. Doch, wie man beispielsweise bereits im Grundstudium der Soziologie, genauer in den Grundlagen der Empirischen Sozialforschung, anheim gelegt bekommt, ist jedwede quantitative Erkenntnis nur zu einem Teil der Wahrheit entsprechend. Das Problem dabei ist, dass die Naturalisten nach der Weltformel und Totalität strebten, durch ihr quantitatives Vorgehen jedoch keine Totalität erzeugen konnten, weil eine quantitative Abbildung der Realität dies erst Recht nicht bewerkstelligen kann (vgl. S. 51). Nun will niemand behaupten, dass die qualitative Forschung, respektive in diesem Fall der qualitative Blick auf den Gegenstand, die Wahrheit abzubilden vermag, aber er vermag gleichwohl den Eindruck von Abgeschlossenheit zu vermitteln, der den Naturalisten, die den poetischen Realisten nachfolgten, abging.

Wie schaut es mit den Voraussetzungen des PR in Religion und Philosophie aus. Wir können bereits sagen:

“Das Naturwissenschaftliche ersetzt also das Spekulative, Religiöse” (S. 42).

und

“Religiöse Fragen weichen den moralischen der Gesellschaft.” (S. 54)

Allerdings bleibt noch zu sagen, dass die Vertreter des PR relativ unphilosophisch zu Werke gingen. Sie setzten nicht selten untheoretisch, also pragmatisch und stilistisch mit ihrer Dichtung auseinander. Wir finden zudem einen Zukunftsglauben bei den poetischen Realisten (vgl S. 52).

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