Dekomposition – Teil 1

Löbners 7tes Kapitel Dekomposition behandelt in der Tradition des strukturalistischen Paradigmas stehende Merkmalsemantik, die, wenn ich Löbner richtig verstanden habe, im Grunde mit Dekomposition gleichgesetzt werden kann. Zumindest ist das analytische Vorgehen gleichbedeutend. In diesem ersten Teil werde ich bis Kapitel 7.2 samt Unterkapitel einschließlich referieren.

Zu Beginn des Kapitels weist Löbner noch darauf hin, dass es die grundlegende Annahme aller semantischen Theorien ist, dass Bedeutungen von Lexemen zusammengesetzt sind und demnach allgemeinere Bedeutungsbestandteile vorhanden sind. In der Folge

“nennt man eine Analyse der Bedeutung in ihre Komponenten Dekomposition” (S. 190).

Etwaige Aufgabenbereiche für eine ambitionierte Dekompositionstheorie seien nach Löbner: die Klärung des Bedeutungsbegriffs, die Suche nach Grundbedeutungen, die Erstellung präziser Instrumente zur Erklärung lexikalischer Bedeutung, die Analyse und Interpretation von Bedeutungsrelationen und die Erklärung kompositionaler Eigenschaften von Lexemen (vgl. S. 191).

Überdies sei mit den Mitteln einer Dekompositionstheorie ein Vergleich zwischen diversen Sprachen möglich (vgl. ebd.). In Kapitel 7.1 erläutert Löbner den strukturalistischen Ansatz, der in der Linguistik vor allen Dingen mit dem Schweizer Ferdinand de Saussure verbunden wird. In seinem Cours de linguistique générale, der postum als Synthese zweier Vorlesungen über Linguistik von Studenten herausgegeben wurde, die den Vorlesungen selbst nicht beigewohnt hatten, erläutert Saussure sein Verständnis von Sprache als System von Regeln, die dem Sprachgebrauch zugrunde liegen (vgl. S. 192).

Bereits in anderen Beiträgen hatte Ansichten eines Clowns die Thematik Saussures Sprachverständnis und dessen Definition des sprachlichen Zeichens behandelt. Exemplarisch sei hier der Verweis auf “Ferdinand de Saussure – Ein Einblick à là Stetter” angegeben.

Im Mittelpunkt Saussures Sprachverständnis steht das sprachliche Zeichen (signe linguistique). Seiner Ansicht nach ist es aufgeteilt in die Form und die Bedeutung, also das Bezeichnende (signifiant) und das Bezeichnete (signifié). Die deutschen Bezeichnungen scheinen verwirrend; es lässt sich jedoch Licht ins Dunkel bringen: Unter einer Bezeichnung kann man das Etikett verstehen, also in der Schriftsprache die Buchstabenfolge, das Bezeichnete ist die Entität mit der eine Bedeutung verknüpft ist. Zusammen ergeben Bezeichnendes und Bezeichnetes das sprachliche Zeichen nach Saussure. Form und Bedeutung sind dabei negativ bestimmt, jeweils nur in Relation zu anderen sprachlichen Zeichen und haben keine eigenständige, positive Definition (vgl. S. 193).

“Der strukturalistische Bedeutungsbegriff ist also radikal relational. Streng genommen impliziert er die Auffassung, dass die Bedeutung eines Zeichens nicht selbst beschrieben werden kann, sondern nur ihre Beziehungen zu den Bedeutungen anderer Zeichen” (S. 194).

Dies ist überdies lediglich ein Konzept, das Bedeutung derart definiert. In der kognitiven Semantik gibt es durchaus so etwas wie eine positive Definition einzelner Bedeutungen, nämlich in Form der bereits erwähnten kognitiven Konzepte (vgl. S. 194f.). In der strukturalistischen Semantik gibt es außerdem zwei unterschiedliche Differenzierungsebenen, die syntagmatische Ebene und die paradigmatische. Zunächst zur syntagmatischen: zusammengesetzte sprachliche Einheiten (Laute, Silben, Wörter, Phrasen, Sätze) heißen in der Terminologie des Strukturalismus Syntagma (vgl. S. 195). Ein Syntagma besteht aus Konstituenten, die nach Kombinationsregeln zusammengesetzt sind. Zwischen den Konstituenten bestehen syntagmatische Relationen, z. B. in der Art, das ein Element einem anderen vorgeordnet ist, usf. (vgl. S. 196).

“Für jede Position lässt sich nun bestimmen, welche anderen Einheiten, insbesondere Phoneme, dort vorkommen können. Die Menge aller Einheiten, die alternativ eine bestimmte Position in einem Syntagma einnehmen können, nennt man ein Paradigma” (ebd., Hervorhebung entfernt).

Und

“[z]wischen den Einheiten, die ein Paradigma bilden, bestehen wiederum paradigmatischen Beziehungen, zum Beispiel Oppositionen” (S. 197, Hervorhebung entfernt).

In Kapitel 7.2 äußert sich Löbner dazu, wie man diese Kenntnisse auf der Bedeutungebene anwenden kann. Dazu führt er zunächst mit den Morphemen neben den Lexemen eine zusätzliche Kategorie von bedeutungstragenden Einheiten ein. Morpheme sind insbesondere die kleinsten bedeutungstragenden Einheiten in der Sprache (vgl. S. 199). Sie kommen frei und gebunden vor. Wer wissen möchte, was genau ein Morphem ist, sollte bei Löbner auf den entsprechenden Seiten nachschlagen. Ergänzend dazu schlage ich die Lektüre des entsprechenden Artikels (Morphem) bei Wikipedia vor.

Des Weiteren beschreibt Löbner in Kapitel 7.2.2 paradigmatische sowie syntagmatische Bedeutungsbeziehungen. Die Vielzahl von Bedeutungsbeziehungen hatte Löbner bereits in Kapitel 5 behandelt, nur zu diesem Zeitpunkt noch nicht hinreichend darauf hingewiesen, dass es sich hierbei um mögliche, strukturalistische Phänomene handelt (vgl. Artikel “Bedeutungsbeziehungen“). Die Bedeutungsbeziehungen, die dort beschreiben werden, sind vorwiegend paradigmatischer Natur. Im Kapitel über Prädiktion hingegen erläuterte Löbner, mindestens ebenso latent den strukturalistischen Hintergrund verbergend, syntagmatische Bedeutungsbeziehungen (vgl. Artikel “Prädikation“). Im Nachhinein dürfte klar werden, inwiefern die dort beschriebenen Beziehungen z. B. von Argumenten zu einem Prädikatsausdruck im Sinne des strukturalistischen Paradigmas als syntagmatische Relation betrachtet werden können.

Löbner, Sebastian, 2003: Semantik. Eine Einführung. - Berlin u. New York: de Gruyter.

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