“Die primäre Funktion einer Partitur”

Derart könnte die Überschrift des ersten Abschnitts im 4ten Kapitel Theorie der Notation lauten. Stattdessen fehlt der Objektbezug und die Überschrift lautet demnach nur Die primäre Funktion. Der letzte Eintrag über Nelson Goodmans Sprachen der Kunst ist datiert vom 16. Juni. Aus diesem Grund gilt es, einiges aufzuholen, um auf dem Stand der Semesterleistung zu gelangen.

Mit der Partitur, einem nichtsprachlichen Symbolsystem, wird, eine Analogie zum Titel entwerfend, die Sprache der Musik näher untersucht. Goodman hat vielleicht sogar zurecht den Titel des Abschnitts nicht durch den Objektbezug eingeschränkt, geht es ihm doch nicht nur im Partituren im Speziellen, sondern vielmehr um nichtsprachliche Symbolsysteme (Notationssystem) im Allgemeinen. Zunächst erfährt der Leser, dass eine Partitur als ein bloßes Werkzeug angesehen werden kann und ihre primäre Funktion in der Identifikation von Aufführungen eines Werkes liegt (vgl. S. 125f.). Die Partitur soll die Menge der Aufführungen, die zu einem Werk gehören, von der Menge derer abtrennen, die nicht dazu gehören (vgl. ebd.). Zugleich kann man formulieren, dass sie in diesem Sinne kein bloßes und ebenso kein einfaches Testverfahren ist, um zu entscheiden, ob eine Aufführung zu einem Werk gehört oder eben nicht. Sie muss diese Möglichkeit jedoch theoretisch bieten.

Das Verhältnis von Partitur zu Aufführung, um eine Möglichkeit des symbolischen Rätselns zu eröffnen, ist ein anderes als jenes von Definition zu einem Erfüllungsobjekt (vgl. S. 126). Letzteres entpuppt sich als Einbahnstraße, die kein Ende nimmt, aber keine Gewähr bietet, wieder am Ausgangspunkt anzukommen. Ersteres Verhältnis ermöglicht, einem Zirkelschluss gleichend, immer die Möglichkeit, zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Die Subjekt-Objekt-Beziehung von Partitur zu Aufführung bietet nicht denselben, vielmehr keinen Spielraum, stellt allerdings eine Verbindung in beiden Richtungen her. Denn mittels Kenntnis des zugrunde liegenden notationalen Systems ist es möglich, von der Aufführung zurück zur Partitur gelangen (vgl. S. 127). Jede Aufführung ist eine Kopie ihrerselbst, und eine Partitur ist nicht zu fälschen. Goodman schlägt zum Ausklang des Abschnitts, den weiteren Erkenntnisverlauf skizzierend vor, die Anforderungen an ein solches notationales System näher zu untersuchen (vgl. S. 127). Im Besonderen sollen die Unterschiede zwischen Sprachen und nichtsprachlichen Symbolsystemen betrachtet werden, ebenso wie die Merkmale, die eine Unterscheidung erst ermöglichen (vgl. S. 127f.).

Goodman, Nelson, 1997: Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie. - Frankfurt am Main: Suhrkamp.

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